Jürgen Albertsen

Pudong

Als Jan aus Stockholm zurückkam, sagte Silvia: »Ich habe alle Tabletten geschluckt, die ich finden konnte. Das Schlafmittel, die Antibiotika. Das Aspirin.« Sie saß auf dem Sofa, neben ihr auf dem Polster ein Rotweinfleck, der vor Jans Abreise nicht da gewesen war. Durch ihre blasse Haut schimmerten die Adern. »Am nächsten Tag bin ich dann zur Arbeit gefahren. Ich habe keine Ahnung, wie ich den Weg gefunden habe.«

Auf dem Boden lagen Köpfe, Arme, Beine — herausgerissen aus fertigen Puppen oder Einzelteile für neue, die Silvia schon längst nicht mehr bastelte. Die Kiste, in der sie Silvia sonst aufbewahrte, lag umgedreht auf dem Boden. In der Wohnung roch es nach Zigarettenrauch und den ungewaschenen Suppendosen in der Küche. Silvia hatte sich bis zum Hals in eine Decke eingewickelt. Der Fernseher lief, der Ton so leise, dass sie reden konnten.

Jan sagte: »Keine zwei Wochen war ich weg.«


Genau zwölf Tage hatte Jan in Stockholm verbracht. Er hätte fürs Wochenende nach Hause fliegen können, aber statt dessen ging er mit Brian trinken. Brian war ihr Mann vor Ort, ein Amerikaner, der eigentlich auch in München lebte, aber seit drei Monaten nicht mehr dort gewesen war.

»I’m having the time of my life«, sagte Brian. »Why should I go back for the weekend when the weekends are so much better here?« Es war Freitag Abend, sie aßen Steaks für 800 Kronen das Stück und Wein, auf dessen Preis Jan nicht achten wollte. Brian bezahlte.

Um neun schickte Silvia eine SMS: Warum rufst du nicht an?

Brian sagte, »I think the waitress is really into you.« Als sie Jan die Speisekarte erklärte, stand sie hinter ihm, legte ihm die Hand auf den Rücken und sagte: »This one’s my favourite.« Als sie die Rechnung brachte, wollte Brian ihr Jans Telefonnummer geben, aber der verriet sie ihm nicht. »Come and join us after your shift«, sagte Bria. »We’re in the Debaser next.«

Sie lächelte nur und sagte: »I might.«

Es war elf und noch längst nicht dunkel. Das Debaser war eine Bar unter einer Hochstraße, die über einen der Kanäle führte, und hatte Sofas draußen stehen. Brian sagte, »I live right up there«, und deutete auf einen Häuserblock auf der anderen Seite des Kanals. »Sometimes I just come down here, have a drink and pick up a girl. It’s that easy.« Sie lernten eine Perserin kennen, von deren Ausschnitt Brian noch bis in den Morgen schwärmte. Die Bedienung aus dem Restaurant tauchte nicht auf, die Perserin sagte irgendwann, »I need to go to the bathroom«, und kam nicht wieder zurück.

Es wurde kalt. Jan und Brian gingen Richtung Gamla Stan und fanden eine Bar, die so voll war, dass sich die Gäste gegen die beschlagenen Scheiben drückten. Auf dem Weg zur Theke mussten sie sich durch eine Gruppe Mädchen durchquetschen, vier oder fünf, alle über zehn Jahre jünger als sie. Natürlich sprach Brian sie an. Witze flogen hin und her, Gelächter überall. Brian bestellte einen Shot nach dem anderen, legte den Arm um eine kleine Brünette. Jan fand sich in einer Ecke wieder, neben ihm stand ein Mädchen, so blond, so schwedisch, dass er es für einen Witz hielt. Sie hieß Kristina, mit K, wie sie Jan erkläre. Bevor sie auf Toilette ging, küsste sie ihn auf den Mund und sagte: »Will you order me another G&T?« Sie ging, und sein Telefon vibrierte.

Silvia schrieb: Ich geh jetzt ins Bett. Ich habe die ganze Zeit gewartet.

Jan stellte sein Glas auf die Theke und kämpfte sich in Richtung Tür. Er stolperte nach draußen. Es war noch dunkel, aber man ahnte schon den Tag hinter den Kanälen. Es war gerade erst zwei Uhr. Ein paar Gäste standen hier und rauchten. Jan schnorrte sich von ihnen eine Zigarette. Ein Schiff fuhr vorbei, ein kleiner Frachter, Jan hatte keine Ahnung, ob ins Landesinnere oder nach draußen. 

Die Tür der Bar ging auf und spuckte Brian aus. »I didn’t know you smoked«, sage er.

»I usually don’t. I just bummed one.«

Brian zog eine Packung Marlboro aus der Tasche. »You could have asked me.«

»I thought you were busy with that girl«, sagte Jan.

»I thought the same of you.«

Jan zuckte mit den Achseln.

»Are you okay?« fragte Brian.

»I guess.«

»What do you want to do?«

Jan fühlte nach seinem Telefon in der Tasche. Er sagte: »I have no idea.«


Einen Monat wohnten Jan und Silvia noch zusammen, bevor Jan auszog. Danach dauerte es noch zwei weitere Monate, bis auch Silvia eine Wohnung fand. Jan half ihr dabei, Immobilienanzeigen zu sichten, Makler anzuschreiben und bei den Besichtigungen die richtigen Fragen zu stellen. Als Silvia endlich umzog, schleppte Jan ihre Kartons, schloss ihren Fernseher an und telefonierte ihrem Hausmeister hinterher. 

Einen Monat später fragte Jans Chef in einem Abteilungsmeeting: »Wir haben ein Projekt in Shanghai. Wer hat Interesse?«

Jan meldete sich sofort.


Sie standen auf der Straße vor dem Restaurant, und Jan sagte: »Ich brauchte ein bisschen frische Luft«.

Natürlich fing Bernhard an zu lachen. Er war ihr Mann in Hongkong und half hier in Shanghai aus.

»Du schwitzt doch jetzt schon«, rief er über das Dach des Taxis hinweg. Er hielt die Tür auf, unbeeindruckt von den Autos, Rollern und Lieferwagen, die ihm nur haarscharf auswichen. Er trug als einziger noch sein Jackett.

»Einfach nur ein bisschen Bewegung«, sagte Jan.

Leslie und Joyce war es sichtlich egal, wie Jan zurück ins Hotel kam. Sie mussten eigentlich die Hitze gewohnt sein, aber ihre Gesichter glänzten. Sie würden nicht ins klimatisierte Taxi steigen, bevor es nicht auch Bernhard tat. Er war der Chef — dabei hielten sie ihn für einen Idioten.

Natürlich hießen sie weder Leslie noch Joyce. So nannten sie sich nur für die Leute aus dem Westen. Heute nach dem vierten Bier hatten sie versucht, Jan ihre richtigen Namen beizubringen. Sie hatten so laut gelacht, als er sie nachsprach, dass ihnen das Essen aus dem Mund spritzte. Jetzt war von der Heiterkeit nicht mehr viel zu spüren. Vielleicht hatten sie auch einfach nur so getan, betrunken zu sein.

»Bewegung?« rief Bernhard. »Im Hotel ist doch ein Gym.« Er schüttelte den Kopf und schlug aufs Taxidach. Das war das Kommando einzusteigen, Bernhard und Leslie hinten, Joyce vorne, damit Bernhard ihr nicht unter den Rock greifen konnte. Sie brausten davon. 

Jan ging los.

In diesem Distrikt gab es nur Bürotürme, Luxus-Malls, Hotels mit mindestens fünf Sternen und absurd breite Straßen. Auch um diese Zeit war noch alles hell erleuchtet, auch die Büros. Jan hätte überall sein können. Kein Haus war älter als zehn Jahre und hatte weniger als zwanzig Stockwerke. Nur die Schriftzeichen erinnerten ihn daran, wo er sich befand. Die Passanten waren Gastarbeiter wie Jan, unterwegs zwischen Bar oder Restaurant und Hotel. Bernhard hatte natürlich recht, es war immer noch zu heiß. Jan hielt sein Jackett an der Aufhängeschlaufe, weit von sich weg.

Nach einer Viertelstunde kam er an die Kreuzung. Es waren noch zweihundert Meter bis zum Hotel.

Die Frau stand an der Fußgängerampel schräg gegenüber. Zuerst hielt Jan sie für eine Chinesin: Die schwarzen Haare, die Figur, die Größe. Aber als sie Grün hatte und losging, in dieselbe Richtung, in die auch er musste, beobachtete er ihre Schritte: länger als die einer Chinesin, weniger flink, dafür ein Schweben. Sie trug weder ein Kleidchen noch Hotpants, sondern einen knielangen grauen Rock, Strumpfhosen, schwarze Stiefelchen und eine Art dunkelgrünes Cape. Ihre Haare, zu kurz für eine Chinesin, ließen ihre Ohren frei und ihren Nacken. In ihrer rechten Armbeuge trug sie eine Handtasche. In der anderen Hand hielt sie ein Handy ans Ohr.

Die Stadt war um diese Zeit ruhig genug, dass Jan ihre Stimme hören konnte, aber nur als Laut, nicht als Sprache, unterbrochen durch das Brummen der Autos, die ab und zu vorbeirauschten. Eines dieser Autos bog ab und ließ die Frau passieren, aber dahinter kam ein Roller, einer dieser elektrischen, die nur leise surrten. Er sauste direkt vor ihren Füßen vorbei. Die Frau erschrak und trat ein Schritt zurück. Noch ein Roller kam, ein Zweitackter diesmal, und statt auszuweichen, hupte der Fahrer nur. Die Frau erschrak wieder, machte noch einen Schritt, aber dieser Schritt lief dem Schritt davor zuwider. Sie stolperte, sie fiel. Ihr Handy schlitterte über den Asphalt. Sie schaffte es, mit den Händen den Aufprall abzufedern, aber sie landete flach auf dem Bauch.

Zum Glück wurde es rot, zum Glück beachteten die meisten hier die Ampel. Jan hatte noch nicht grün, aber er blickte schnell nach links und rechts und rannte dann über die Straße.

Die Frau hatte sich schon wieder auf die Knie gerappelt, aber schaffte es wohl noch nicht, ganz aufzustehen. Sie betrachtete ihre Hände, und Jan wusste, was sie fühlte. Diese Überraschung, die Kontrolle verloren zu haben, diese Mischung aus »Bin ich verletzt?« und »Wer hat mich gesehen?« Jan trat zu ihr hin und bückte sich.

»Are you alright?«

Sie hatte eine Schramme am Ballen, ein bisschen Blut bildete sich, tropfte aber nicht.

»I think so.«

Jan wühlte in einer der Taschen seines Jacketts, das er immer noch in der Hand hielt. Er zog eine Packung Taschentücher heraus und reichte ihr eines. Erst jetzt schien sie zu erkennen, dass sie vor ihm kniete. Jan hörte die Autos brummen. Die Frau versuchte sich aufzurichten, sie schwankte. Sie drückte das Taschentuch gegen die Schramme. Jan fasste sie am Arm, um sie zu stützen.

»I think you should see a doctor. Disinfect the wound.«

Unter dem Cape spürte Jan ihren festen Oberarm, einen trainierten Muskel. Sie war die erste Frau, die er seit Silvia anfasste. Er könnte sie einfach zu sich heranziehen, obwohl er sie doch gar nicht kannte. Er erinnerte sich an Kristina, an ihren Kuss, aber der zählte nicht.

Die Frau schüttelte ihn nicht ab, sie machte einfach einen Schritt zurück, so dass Jan sie loslassen musste. Jeden Moment konnte wieder ein Auto heranrauschen. Die Frau suchte den Boden mit ihren Blicken ab.

»Your phone is over there«, sagte Jan.

Die Frau machte die zwei Schritte zum Telefon und hob es auf. Es leuchtete noch. Sie hielt es ans Ohr.

»Ich ruf dich gleich zurück«, sagte sie. Sie lauschte, ihr Blick immer noch auf den Boden gerichtet, jetzt verloren in der Vorstellung von demjenigen, mit dem sie sprach. Ein Mann, dachte Jan, ganz bestimmt ein Mann. »Nein, nichts ist passiert… Ich bin nur gestolpert. Hab das Telefon verloren… Nein, ich bin nicht wütend. Ich bin ja noch dran, oder? Ich sag doch, ich hab das Telefon ver—… Ich schreie doch gar nicht… Hör zu, ich bin hier mitten auf der Straße. Ich möchte jetzt einfach nur schnell ins Hotel zurück. Es ist so heiß… Nein, keiner ist bei mir… Keine Ahnung, wohin die sind, wahrscheinlich was trinken gegangen… Ja, natürlich hätte ich dich angerufen. Ich weiß doch, dass du jetzt Feierabend hast… Fast Mitternacht ist es hier… Ich ruf dich gleich wieder an, okay? Über Skype dann, okay?… Klar ist das billiger, aber darum geht’s ja nicht oder?« Sie warf Jan einen Blick zu, entschuldigend: Ich bin gleich fertig. Während sie sprach, führte Jan sie ohne anzufassen zum Bürgersteig. Sie blieben dort stehen, die Autos und Roller rauschten wieder an ihren vorbei. Er könnte jetzt einfach gehen, sie schien seine Hilfe nicht mehr zu brauchen. Aber er blieb. Er blieb wegen der Spannung, die er unter dem Cape gefühlt hatte, wegen der Vorstellungen, die er sich von dem Gefühl ihrer Haut machte. Er blieb, weil sie beide nicht hier hingehörten und es beide wussten. Sie sagte, »Viertelstunde, mehr nicht. Ich will mir nur kurz das Gesicht waschen… Ja. Ja… Bis gleich.« Sie legte auf und steckte das Handy in ihre Tasche.

Die Frau lächelte Jan an. Sie hatte Ringe unter den Augen. »Thank you so much«, sagte sie.

»Nicht der Rede wert.«

Sie zuckte zusammen, als Jan Deutsch sprach. Er wollte sagen, ich kenne solche Telefonate, ich habe ganze Mittagspausen mit ihnen verbracht, aber stattdessen fragte er: »Was ist passiert?«

»Kreislauf und Menschenmassen«, sagte sie. »Ein blöde Kombination.«

»Jetlag?«

»Das auch.«

»Shanghai ist ein ewiger Jetlag.«

»Ich war essen mit meinen Kollegen«, sagte sie. »Ich wollte allein sein danach. Ich habe die U-Bahn genommen.« Sie lachte. »Allein. In der U-Bahn. In Shanghai. Was habe ich mir gedacht?«

»Besser mit Fremden zu schwitzen als mit Kollegen, mit denen man nicht reden will.«

»Was ist mit Ihnen? Sie schwitzen allein?«

»Meine Kollegen haben ein Taxi genommen. Ich bin lieber gelaufen.«

»Und wohin laufen Sie?«

»Ins Swissotel.«

»Wollen Sie den Rest des Weges auch allein sein?«

»Nicht unbedingt.«

»Dann gehe ich mit Ihnen.«

»Wohnen Sie auch dort?«

»Ist das zuviel Zufall?«

»Nein, aber ein angenehmer.«

»Ich heiße Anna«, sagte sie und hielt ihm die Hand hin.

Jan schüttelte sie und nannte seinen Namen. Der Griff dauerte eine Sekunde länger als nötig. Sie gingen los. Sie schien zu humpeln, aber er brauchte nicht langsamer zu gehen.

»Wie lange sind Sie schon in der Stadt, wenn Sie wissen, dass der Jetlag ewig ist?« fragte die Frau, die Anna hieß.

»Fast vier Wochen.«

»Keine Ewigkeit, aber gut genug, um sich auszukennen.«

»Kaum. Zuerst hatte ich keine Zeit, die Stadt zu erkunden, und dann gemerkt, dass es keinen Spaß macht, es allein zu tun.«

»Ich habe schon lange nichts mehr erkundet.«

»Wie lange bleiben Sie?«

»Noch drei Tage.«

»Das reicht, um Orte zu finden, an die man zurückkehren will. Auch in einer Stadt, die so groß ist wie diese.«

Etwas klingelte. Anna fischte in ihrer Handtasche herum und zog ihr Handy heraus. Sie verdrehte die Augen und sagte, »Tut mir Leid.« Sie tippte etwas ins Handy ein, während sie weitergingen. Viel zu schnell tauchte schon das Hotel am Ende der Straße auf. Gleich nachdem sie ihre Nachricht verschickt hatte, bekam sie schon wieder eine. Jan langte in die Innentasche seines Jackets und zog ein Stück Papier heraus: Eine Rechnung von einem Dim-Sum-Laden. Er könnte sie vielleicht bei der Firma einreichen und das Geld zurückbekommen, aber egal. Er langte noch einmal in die Innentasche und fand auch einen Stift.

Sie waren am Hotel angekommen. Anna steckte das Handy zurück in ihre Tasche und sagte noch einmal, »Tut mir Leid.« Wieder klingelte es, aber diesmal ignorierte sie es. Sie gingen durch die Drehtür in die Lobby. Auf der anderen Seite blieben sie für ein paar Momente erleichtert stehen und fanden in der Klimaanlage zu ihrer Würde zurück. Anna zog ihr Cape zusammen, aber Jan sah, wie sehr sie sich über das Frieren freute.

Er machte die Dim-Sum-Rechnung so glatt es ging und schrieb auf die Rückseite seine Telefonnummer. Er reichte sie Anna und sagte:

»Falls Sie etwas erkunden wollen.«


»Das meine ich nicht«, sagte Silvia. Sie langte zur Zigarettenschachtel, die auf dem Sofatisch lag. Sie sah zu Jan empor, der immer noch stand. Welchen Zweck hatte es, sie am Rauchen zu hindern? Sie zog eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie an. Sie zog die Decke noch enger um sich, als wäre sie ein Schutz gegen Jan.

»Was dann?« fragte er.

»Du bist überhaupt nie da.«

»Einmal die Woche treffe ich mich mit Christoph. Einmal die Woche.«

»Und dann redet ihr über mich.«

»Tun wir nicht.« 

»Ihr redet über mich, und du sagst, dass du mich am liebsten loswerden willst.«

»Du kannst ja mitkommen.«

»Zu eurer Männerrunde?«

»Wenn du mitkommst, kommt Ulla auch mit. Wir können mal zusammen essen gehen.«

»Sie mögen mich nicht.«

»Wie kommst du darauf?«

»Sie reden nie mit mir.«

»Du sagst ja nichts. Du sagst nur ›Ja‹ und ›Nein‹.«

»Was soll ich denn sagen?«

»Frag sie, was sie so machen. Erzähl ihr über deine Puppen.«

»Ich verstehe sie doch immer so schlecht. Du weißt doch, mein Ohr.«

»Wenn wir bei deiner Schwester sind, verstehst du auch immer alles.«

Silvia blies Rauch in Richtung Decke. Sie hatte ihren Blick von Jan abgewandt. Sie starrte in das Gesicht einer Puppe, die auf dem Tisch neben der Zigarettenschachtel saß, als wäre sie ihre Verbündete. Es war die einzige heile Puppe in diesem Zimmer. Silvia hatte schon seit Monaten aufgehört, an ihnen zu arbeiten.

»Was willst du, dass ich tue?« fragte Jan.

»Sag ich doch: Bei mir sein.«

»Bin ich doch.«

»Bist du nicht.«

»Weil ich zwölf Tage in Stockholm war? Weil ich mich einmal die Woche mit Christoph treffe?«

»Weil du immer in deinem Zimmer bist.«

»Ich muss arbeiten.«

»Arbeiten oder wichsen?« Sie funkelte Jan an. Er fühlte sich erwischt, natürlich. Sie hatten schon seit zwei Jahren keinen Sex mehr gehabt.

»Arbeiten natürlich.«

»Jeden Abend?«

»Soll ich nicht lieber hier zu Hause die Mails beantworten, als bis zehn im Büro zu bleiben?«

»Und jetzt verreist du auch noch.«

Sie stritten, obwohl Jan nicht mehr streiten wollte. Er dachte an Kristinas Kuss. Er wollte zurück nach Stockholm. Er wollte raus, er wollte in die Nacht, er wollte trinken, er wollte mit Menschen reden, an deren Namen er sich am nächsten Tag nicht mehr erinnern würde. Er betrachtete Silvia, wie sie dasaß auf dem Sofa, die Decke jetzt heruntergerutscht. Sie war nicht dick, aber Jan könnte nicht sagen: Hatte sie zugenommen oder abgenommen? Er könnte sie nicht mehr beschreiben. Er wollte sie nicht mehr in den Arm nehmen, er wollte sie nicht mehr anfassen, schon lange nicht mehr.


Die Klimaanlage im Büro schaffte es nicht. Leslie und Joyes Gesichter glänzten wieder. Sogar Bernhard hatte sein Jackett abgelegt. Er saß da mit gekreuzten Armen und hörte zu, was »die Chinesen« vortrugen. Wenn sie Bernhard etwas fragten, deutete er auf Jan und sagte: »He will be in charge.« 

Mittags bestellten sie Essen und aßen es am Tisch im Besprechungsraum. Ein süßsalziger Geruch stand in der feuchten Luft. »Chinese takeaway in China«, sagte Bernhard. »Isn’t that something.« Er lachte.

Immer wieder zog Jan sein Telefon heraus, aus Angst, es nicht vibrieren zu spüren. Aber jedes Mal: Keine Nachricht.

Gegen vier gab es ein Gewitter. Die Welt draußen wurde schwarzweiß, und alle atmeten auf. Ein bisschen Erleichterung von der Hitze. Hier drinnen hörte man den Donner nur ganz leise und die Regentropfen gar nicht.

Drei Tage war Bernhard noch hier, dann musste er nach Hongkong zurück. Nach der Kaffeepause trug er vor. Immer wieder deutete er auf Jan. »He will be in charge.« Jan versuchte, den Gesichtsausdruck der Chinesen zu lesen. Manchmal beobachteten sie ihn, auch wenn sie eigentlich Bernhards Vortrag folgen sollten. Jan wollte nicht, dass sie ihn auch für einen Idioten hielten, aber wie sollte er das verhindern?

Um kurz vor sechs rief Anna dann endlich an. Ganz deutlich spürte Jan es vibrieren. Er konnte Bernhard gerade nicht unterbrechen. Jan hoffte, Anna würde auf die Mailbox sprechen. Zwischen zwei Slides sagte er: »Could we have a short break?«

Auf der Toilette hörte er die Nachricht ab: »Um sieben bin ich am People’s Square und werde mich dann verlaufen wollen. Sind Sie dabei?«

Als er von der Toilette zurückkam, traf er Bernhard.

»Du schwitzt ja noch mehr als sonst«, sagte der.

»Mir geht es nicht gut.«

»Das alles kann schon zuviel sein für euch Leute aus der Provinz.«

»Ich glaube, ich muss zurück ins Hotel.«

Jan erwartete, dass Bernhard antworten würde, Du musst hier bleiben. Bald bist du in charge. Aber Bernhard sagte:

»Ruh dich aus. Nächste Woche wird es anstrengend für dich.« Er klopfte Jan auf die Schulter.

Was interessierte Jan die nächste Woche?


Fünf Jahre waren sie ein Paar gewesen. Nach knapp einem Jahr kam das mit dem Ohr.

Sie hatten sich an einem Freitag kennengelernt. Damals mit Ende zwanzig verbrachten Jan und seine Freunde die Wochenenden noch wie zu Studententagen: In die Bar um elf, in den Club um eins, nach Hause um sieben. Mit einem Unterschied: Jetzt, da sie arbeiteten, hatten sie genug Geld, um vorher noch essen zu gehen und dann ein Taxi zu nehmen.

Irgendwann war Silvia mit dabei, mitgebracht von einem aus der Gruppe, mit dem Jan nur ein paar Sätze gewechselt hatte und den er ein paar Wochen später aus den Augen verlor. Jan setzte sich im Restaurant absichtlich neben sie. Sie lachte und erzählte Geschichten von der Familie ihrer italienischen Mutter. Sie sagte: »Das ist doch das Schöne, dass da immer jeder übers Essen redet.« Sie hatte grüne Augen und lange schwarze Haare, die auf ihrer nackten Schulter kitzeln und ihr beim Tanzen ins Gesicht fallen mussten. Im Taxi später sagte sie zu Jan: »Du musst mal mitkommen. Meine Oma wohnt direkt am Strand, und der Nachbar hat einen Hubschrauber. Ich zeige dir das Meer und das Dorf von oben.« Das erste Mal hatten sie Sex in Jans Wohnung, das zweite Mal in der Clubtoilette.

Später fragte sich Jan: War das erste halbe Jahr zusammen immer das Glücklichste? Sein Vater hatte einmal gesagt, »Mit der Geburt von dir und deiner Schwester hat sich meine Liebe zu deiner Mutter vervierfacht«, aber für Silvia und Jan wurde es nie wieder so schön wie in diesem langen Sommer vor über fünf Jahren.

Sie verbrachten jeden Tag zusammen. Sie machten keine Pläne. Wenn sie die anderen aus der Gruppe trafen und nach der Vorspeise entschieden, dass sie wieder allein sein wollten, gingen sie einfach wieder. Sie pendelten zwischen ihren Wohnungen hin und her. Schlief Jan am Sonntag bei ihr und musste Montag morgen noch in seine Wohnung, um etwas Frisches anzuziehen, genoss er dieses ruhige Glück in der frühen Stadt, den Nachgeschmack ihrer Haut und das Wissen, dass sie aneinander dachten.

Jan erinnerte sich nicht mehr, wann sie zuerst sagte: »Deine Freunde mögen mich nicht«, oder: »Du willst wie mich nicht dabei haben.« Er nahm es nicht ernst, denn nur eine Stunde später erzählte sie wieder Geschichten von ewigen Banketten ihrer Tante unter dem Nachthimmel und tanzte die ganze Nacht durch. Jan tat es ab mit dem italienischen Blut und einer Launenhaftigkeit, ohne die es auch keine Euphorie geben konnte. Er liebte sie.

Am Ende des Sommers musste sie aus ihrer Wohnung ausziehen. Sie hatte einen befristeten Mietvertrag und sich nicht darum gekümmert, etwas Neues zu finden. »Ich hatte ja nur Gedanken an dich«, sagte sie. »Meine Freundin Susanne hat gefragt: ›Warum ziehst du nicht mit deinem Freund zusammen?‹« Silvia brachte nie jemanden mit, wenn sie Abends weggingen. Christoph sagte einmal: »Eine Freundin, die keine eigene Freundinnen hat, ist gefährlich.«

Jan zögerte. Zusammenziehen nach nur einem halben Jahr?

Silvia sagte: »Du meinst es nicht ernst mit mir.«

»Na klar meine ich es ernst.«

»Wo ist denn das Problem?«

Sie suchten sich eine Zweizimmerwohnung. Jan organisierte die Freunde, die ihnen beim Umzug halfen. Er schleppte mit ihnen, er hing die Lampen auf. Silvia sagte: »Ich weiß nicht, wie das geht.« Jan dachte: Das ist es eben, was wir Männer machen müssen. Wie alle anderen Paare auch stritten sie sich im Möbelhaus. Wir alle anderen Paare erschöpfte sie das Einrichten, aber machte sie diese Erschöpfung glücklich, wenn sie abends ins Bett fielen.

Sie gingen immer noch aus. Manchmal begannen die Abende bei ihnen in der Wohnung. Freunde kamen, Silvia kochten. Sie probierte die Rezepte ihrer Oma aus. Wenn einer von ihren Freunden zu betrunken wurde und ein Weinglas umstieß, zischte Silvia: »Deine Freunde!« Sie gingen immer noch tanzen, Silvia ließ immer noch ihre Haare ins Gesicht fallen. Noch hatten sie Sex, nur nicht mehr auf der Clubtoilette.

Eines Abends — sie hatten wieder Gäste — sagte Silvia: »Ich bin zu müde.«

»Willst du wirklich nicht mitkommen?«

»Es muss doch noch abgespült werden.«

»Wir haben eine Spülmaschine.«

»Und die Töpfe?«

»Machen wir morgen. Wir immer.«

»Ich hasse es, wie es dann stinkt.«

»Das hat dich doch sonst nicht gestört.«

Sie sagte, »Geh du nur, hab deinen Spaß« und zuerst glaubte Jan ihr. Auf der Taxifahrt in den Club sagte Christoph, »Bald bist du auch nicht mehr dabei«, aber Jan lachte nur über ihn. Er tanzte eben allein, und wenn ein Mädchen mit ihm flirten wollte, sagte er: »Ich habe eine Freundin.«

Immer öfter blieb Silvia zu Hause. Jedes Mal sagte sie: »Hab deinen Spaß.« Wenn Jan nach dem Club nach Hause kam, schlief sie natürlich schon. An diesen Wochenenden hatten sie keinen Sex. Wenn er am Sonntag gegen Mittag aufwachte, sagte sie: »Jetzt haben wir den ganzen Tag verschwendet.«

Dann kam das mit dem Ohr.

Irgendwann schaffte es Jan noch einmal, sie zu überzeugen mitzukommen: »Es ist derselbe DJ, der aufgelegt hat, als wir uns das erste Mal geküsst haben.« Zuerst blieb sie am Rand der Tanzfläche stehen, aber irgendwann fingen die Cola-Rum an zu wirken. Sie tanzten die ganze Nacht. Ihre Augen blitzen in der Lightshow. Sie blieben bis sechs Uhr, wie damals im Sommer, nur dass es immer noch dunkel war jetzt, als sie nach Hause gingen.

Sie schliefen bis zwei Uhr nachmittags. Als Jan aufwachte, tastete er nach ihr, ein Tag nach einem Exzess war ein guter Tag. Das Glück der Erschöpfung würde sie nicht loslassen.

Siliva schreckte auf.

»Ich kann nicht mehr hören!«

Für einen Moment glaubte ihr Jan nicht, für einen Moment glaubte er an zuviel Drama. Er sagte, »Du musst vielleicht erstmal richtig wach werden.« Sie saß aufrecht im Bett und stocherte mit ihrem Finger in ihrem Ohr herum. Sie fing an zu weinen, sie fing an zu schreien: »Ich hör nichts mehr, ich hör nichts mehr.«

Beide kannten sie die Geschichte von Hörstürzen. Einer von Jans Kollegen war deswegen sechs Monate krankgeschrieben gewesen  und konnte keiner Unterhaltung mit mehr als einer Person folgen. Jan und Silvia rasten ins Krankenhaus. Sie kam sofort dran, die Ärzte wussten, was zu tun war. Sie schlossen Silvia an Infusionen an, verdünnten ihr Blut. Sie fragten: »Haben Sie in letzter Zeil viel Stress gehabt?«

Silvia schüttelte den Kopf. Jan auch.

Die Ärzte sagten: »Gut dass sie so früh gekommen sind. Das wird schon wieder.«

Aber es wurde nicht. 

Kurz danach fing sie mit den Puppen an.


»Das ist wie der Times Square«, sagte Anna. »Nur in noch heller und 4K.«

Sie standen am People’s Square und ließen die Menschen an sich vorbeirauschen. Auf den Screens über ihnen machten sie Werbung für Samsung, VW und Filme mit viel zu bleichen Chinesen.

»Ich brauche ein wirklich sehr kaltes Glas Weißwein«, sagte sie. »Von mir aus mit Eiswürfel.«

»Dort entlang geht es abwärts«, sagte Jan. »Abwärts ist immer der Fluss, am Fluss die Altstadt und in der Altstadt die Bars.«

In dieser Stadt vergaß Jan, wie spät es war. Sie gingen nebeneinander her und staunten. Die Einkaufsstraße war so lang, dass ein kleiner Zug durch sie durchfuhr, auf dem man einfach aufspringen konnte.  Alles, war sie sahen, hatten sie schon in anderen Städten gesehen, nur soviel kleiner.

»Wie lange bleiben Sie hier?« fragte Anna

»Vier Monate.«

»Hat man Ihnen gesagt: Sie gehen nach Shanghai oder haben keinen Job mehr?«

»Ich habe mich freiwillig gemeldet.«

»Sind Sie auf der Flucht?«

Natürlich war er es, aber er zögerte, es zuzugeben. Er wusste noch nicht genau, welches Spiel sie spielten.

»Es gibt ja nur zwei Gründe irgendwo hin zu gehen«, sagte Anna, »die Pflicht oder die Liebe.«

»Die Liebe ist es sicher nicht.«

»Die Liebe muss sie nicht hergelockt haben. Es kann auch die Liebe sein, die Sie von irgendwo vertrieben hat.«

»Was ist es bei Ihnen?«

»Die Pflicht«, sagte sie. »Ganz definitiv die Pflicht.«

»Die Arbeit?«

»Nein. Die Familie. Die Familie, die Geld braucht.« Jan hörte das Klingeln, das er schon kannte. Anna langte in die Tasche, aber zog die Hand dann leer wieder heraus.

»Wo ist sie denn jetzt, die Alstadt?« fragte Jan.


Die ältesten Gebäude fanden sie am Bund: Bauten aus der Kolonialzeit. Eine Promenade säumte ein Ufer des Huangpu. Die Feuchtigkeit vom Wasser drückte die Hitze erst recht empor. Am anderen Ufer erhob sich die Skyline von Pudong. Jan und Anna waren stehengeblieben, um zu staunen.

»Vor zwanzig Jahren war da nur Marschland«, sagte er. »Heute stehen da mehr Hochhäuser als an der ganzen amerikanischen Ostküste.«

»Waren Sie schon drüben?«

»Nein. Ich denke mir, es ist wie mit den Bergen: Aus der Ferne sind sie beeindruckender als von unten.«

»Es muss auch noch heißer dort sein als hier. Noch mehr Beton, noch mehr Stahl.«

»Wollen Sie hoch auf einen der Türme?«

»Nein. Sie haben Recht, das Beeindruckende entsteht im Vergleich. Von da oben ist zwar alles klein hier unten, aber auch langweilig.«

Jan wollte gerade ihre Hand greifen — und wahrscheinlich hätte sie ihn gelassen —, als sie es kreischen hörten. Ein paar Kids kamen die Promenade herangestürmt, alle in T-Shirt und kurzen Hosen, Jungs wie Mädchen, bewaffnet mit Wasserpistolen. Sie spritzten sich gegenseitig nass, sie lachten, sie brauchten keine Klimaanlage.

Eines der Mädchen musste sich kurz bücken, um ihre Schuhe wieder zuzubinden, die Rest rannte einfach weiter. Als sie fertig war, sprang sie auf, stürmte los und stolperte. Ihre Wasserpistole flog aus ihrer Hand und in einem Bogen auf Boden, schlitterte und landete direkt vor Annas Füßen. Anna hob sie auf, sie lachte. Das Mädchen kam auf Jan und Anna zu, sagte etwas, vielleicht auf Chinesisch, vielleicht auf Englisch. Sie triefte. Ihre Haare, ihr T-Shirt hingen schwer und nass herunter, ihre nackten Beine glänzten. Anna hob die Pistole, lachte immer noch, und spritzte das Mädchen an. Es kreischte, riss die Arme hoch, erst erschrocken, aber als es Anna lachen sah, lachte es auch.

»Jetzt Sie«, sagte Anna zu Jan und spritzte ihn an. Auch er hob die Hände, trat einen Schritt zurück. Ein Reflex, denn sofort war es so angenehm, spürte er endlich den viel zu leichten Wind, der hier am Fluss wehte. Anna lachte noch mehr, ein einziges Strahlen, eine einzige Freude.

Sie warf dem Mädchen die Pistole zu, es fing sie mit Leichtigkeit auf. Dessen Freunde waren stehengeblieben und beobachteten es. In London oder New York hätte Jan vielleicht Angst bekommen, hier nicht.

Das Mädchen drehte sich schon um, um zu ihren Freunden zu gehen, da hob es die Pistole und spritzte ein paar Salven Richtung Anna. Die versuchte gar nicht erst, den Strahl abzuwehren, sondern genoss ihn. Das Mädchen quiekte, winkte Jan und Anna zu. Anna winkte zurück, dem Mädchen hinterher, das wegrannte, angespritzt wurde von ihren Freunden, die sich wieder in Bewegung setzen.

Das Wasser lief an Annas Wangen herab und in ihren Ausschnitt. Das Weiß ihres Stoffs wurde durchsichtig. Jan wusste nicht, wann er jemanden das letzte Mal so glücklich gesehen hatte. Jetzt wollte er nicht nur ihr Hand halten, sondern sie auch küssen.


»Wenn du etwas ändern willst, musst du es selber ändern.«

»Was kann ich denn ändern?« fragte Silvia.

»Ich sag doch: Geh raus. Triff dich mit Leuten. Kommt mit mir mit.«

»Ich verstehe doch nichts. Mein Ohr.«

»Wenn wir zur zweit sind, verstehst du mich auch.«

»Du hast keine Ahnung, wie das ist.«

»Willst du denn wirklich nichts ändern?«

»Willst du

Jan wusste nicht mehr, wie oft sie diese Diskussion schon geführt hatten, er wusste nicht mehr, wann es angefangen hatte. Kurz nach den Puppen wahrscheinlich, kurz nachdem klar wurde, dass Silvias Ohr nicht besser werden würde. Manchmal führte er diese Diskussion mit sich selbst, übernahm Silvias Rolle in seinem Kopf, er kannte jedes einzelne Argument, jede Steigerung, er wüsste nicht, was er Anderes sagen könnte.

Sie fragte noch einmal: »Willst du?«

Vielleicht wäre Jan sich noch sicherer gewesen, wenn er mit Kristina, wenn er mit irgend einer anderen Frau geschlafen hätte. So oft hatte er Silvia schon vorgeschlagen, zu einem anderen Arzt zu gehen, einem, der nicht nur ein Mittel verschrieb, damit sie trotz dem Pfeifen, das sie hörte, schlafen konnte, sondern einem Arzt, der dafür da war zu reden.

»Ja«, sagte er. »Ich will. Ich will das hier nicht mehr.«


Sie saßen in einer Bar auf dem Dach einer der Häuser am Bund mit Blick auf Pudong. Die Türme waren so grell und wurden nach oben hin immer undeutlicher, dort, wo sie auf die Dunstwolke trafen.

Sie sagte: »Sollen wir uns nicht endlich duzen?«

In der schwülen Nacht trockneten weder sein Hemd noch ihr Kleid. Sie tranken Brüderschaft und küssten sich zum ersten Mal — auf die Wangen.

Sie hörten nicht auf zu reden. Sie vermieden die Themen, die sie davon abbringen könnten, die Nacht miteinander zu verbringen. Er fragte sie nicht nach ihrem Mann oder ihren Kindern. Sie fragte ihn nicht nach seiner Flucht. Jetzt nach dem dritten Martini wiegte sie sich in ihrem Stuhl hin und her.

»Wir müssen tanzen«, sagte sie.


Sie fanden den Club 88. Davor auf der Straße stand ein halbes Dutzend weißer und schwarzer Limousinen und spuckte Gäste aus, die Frauen in kurzen Kleidern, die Männer in engen Hemden. Der Türsteher warf einen Blick auf Anna und winkte sie beide durch. Drinnen vergaß man sofort, dass es ein Draußen gab. An Reden war nicht mehr zu denken. Die Gäste standen an Stehtischen mit Obstkörben, Sektkühlern und Wodkaflaschen. Zwei Drittel der Gäste waren Chinesen, der Rest Gastarbeiter wie sie. Sie kämpften sich zur Bar und bestellten Wodka-Lemon. Anna konnte nicht still stehen. Es gab keine Tanzfläche, sondern Emporen, auf die man sich quetschen und tanzen und von jedem gesehen werden konnte. Hier war es so kühl, dass man es wieder genießen konnte zu schwitzen. Sie standen da und tranken und staunten. Soviel Euphorie, soviel Lust.

Die nächsten Stunden waren ein Rausch. Sie tranken und tranken noch mehr. Sie tanzten, und wenn Jan aufhörte, tanzte Anna weiter und genoss es, dass er ihr zusah. Stand er allein, musste er Nutten abwehren und deutete einfach auf Anna. »She’s my girl.«

Später würfelten sie mit ein paar Franzosen um Shots. Sie schrieen ihnen Namen zu und Geschichten, aber Jan und Silvia interessierten sich nur für einander. Immer wieder griff Anna Jans Hand, niemand kam zwischen sie. Als Anna auf Toilette musste, sagte er: »Ich komme mit.«

»Nein, du bestellst noch zwei Wodka-Lemon.«

Um Jan herum würfelten sie weiter. Er hatte weder eine Ahnung, was die Drinks hier kosteten noch wievel er dem Barkeeper in Hand drückte. Eine der Französinnen versuchte, mit ihm zu flirten, aber er sagte wieder: »She’s my girl.« Die Französin wusste nicht, wovon er redete, also kämpfte er sich aus der Gruppe frei und ging Richtung Toilette. Auf dem Weg dahin kam er durch einen Raum, in dem so etwas wie Ruhe herrschte. Die Musik wummerte genauso laut, aber es gab Sofas, Wandteppiche und keinen Platz zum Tanzen.

Am Ende des Raumes, neben den Türen zur Toilette, stand Anna. Sie hielt ihr Telefon ans Ohr und starrte angestrengt auf den Boden. Von hier aus konnte Jan nicht erkennen, ob sie etwas sagte, aber sie stand so starr und still, wie eine, die nur zuhörte. Irgendwann nahm sie das Telefon vom Ohr, drückte eine Taste und presste es wieder ans Ohr. Die Mailbox. Dreimal machte sie es so. Beim letzten Mal ließ sie das Telefon einfach sinken und legte die andere Hand über die Augen.

Jan ging wieder zurück in den Hauptraum. Der Rausch hatte ohne ihn weiter gemacht. Jan gehörte in diesem Moment nicht mehr dazu. Gäste rempelten ihn an, er verschüttete etwas aus eines der Gläser, die er immer noch in der Hand hielt. Irgendwo in dem Gewühl huschte die Französin an ihm vorbei. Er nippte aus einem der Gläser und überlegte, was er tun sollte. Er konnte die Drinks einfach auf einen der Stehtische stellen und verschwinden. Anna kannte die Nummer seines Zimmers nicht, nur die seines Handys. Sie reiste übermorgen ab. 

Jan versuchte, der Französin mit seinen Blicken zu folgen, da rief ihm eine Stimme ins Ohr:

»Suchst du mich?«

Er drehte sich um.

Sie lachte ihn an. Wenn sie geweint hatte, konnte man das in diesem Licht nicht erkennen. Sie nahm ihm einen der Wodka-Lemons aus der Hand. Es war der, aus dem er schon getrunken hatte, aber er sagte nichts.

»Das ist meine beste Nacht seit Jahren!« sagte sie und küsste ihn auf den Mund. »Gehen wir?«


Dabei war Jan auch vor kurzem noch glücklich gewesen mit Silvia. Sie hatten eine Routine gefunden. Silvia arbeitete von acht bis vier, Jan von halb zehn bis sieben. Jeden Mittwoch traf er Christoph und betrank sich. Es war ein Kompromiss, den er erreicht hatte, ohne dass sie darüber gesprochen hätten.

Vor gut zwei Jahren hatte Silvia mit den Puppen angefangen. Die waren manchmal einen halben Meter groß und saßen auf einem Regal. Jan hatte Angst vor ihnen. Ihm war klar, was sie bedeuteten. Immer wieder erzählte Silvia von ihrer Schwester, die ihr Fotos von ihren Töchtern schickte.

»Warum besuchen wir sie nicht einmal?« fragte Jan.

»Das ist mir zuviel Lärm.«

»Wie stellst du dir das denn mit einem eigenen Kind vor?«

»Das wäre ja nur eines.«

Mehr redeten sie nicht darüber. Manchmal, wenn sie ein Glas von dem Wein hatte, den er jeden Abend trank, hatten sie Sex, schnell und ohne ihre Pullis auszuziehen, auf dem Sofa. Er kam nach nur ein paar Stößen. Sie rutschte von ihm runter und zog sich schnell ihre Hose wieder an. Die Puppen beobachteten sie. Silvia ging dann allein ins Bett, Jan ins Arbeitszimmer. Er setzte Kopfhörer auf und hörte die Musik, zu der sie früher getanzt hatten.

Silvia bastelte an den Puppen, wenn er nach Hause kam. Sie bastelte an ihnen, wenn sie zusammen fernsahen. Sie bastelte an ihnen, wenn er in seinem Arbeitszimmer saß, so tat, als müsste er noch Emails schreiben. Wer ließ wen allein?

Solange sie über nichts anderes redeten als darüber, was es abends zu essen geben sollte, welchen Film sie sehen könnten, solange gab es eine Selbstverständlichkeit, die sie beide mit Glück verwechselten. Wenn Jan andere Paare beobachtete, dann lief es doch darauf hinaus, dass sie einander nicht in Frage stellten, dass sie wussten, worauf sie sich verlassen konnten. Bei anderen erstreckte sich diese Selbstverständlichkeit auf die ganze Welt, bei Jan und Silvia auf ihre Wohnung mit ihren Puppen und seiner Bequemlichkeit.

Silvia ging nur noch zur Kontrolle zum Arzt. Der hatte ihr irgendwann gesagt: »Es mag von selbst weggehen, aber wir können nichts mehr machen. Wir können nur noch dafür sorgen, dass sie schlafen können.« 

»Es gibt doch noch Alternativen«, sagte Jan. »Darüber kannst du im Internet lesen.«

»Ich will nicht mehr untersucht werden. Ich will nicht mehr befragt werden. Die denken alle, ich bin verrückt.«

Jan träumte von Frauen, die er in Filmen oder in der U-Bahn sah, aber tat das nicht jeder? Manchmal flirtete er mit einer Kollegin, aber tat das nicht jeder? 

Jan hätte nicht sagen können, wann sich ihre Routine in Gefangenschaft verwandelte. Warum fing er an zu reisen? Weil er sah, wie Silvias Glück in der Isolation immer brüchiger wurde, weil in letzter Zeit die Abende immer seltener wurden, an denen sie an ihren Puppen arbeitete und sie immer öfter in einer Decke eingewickelt auf den Fernseher starrte, ohne das Programm zu wechseln? Weil Silvia immer öfter Wein trank, manchmal sogar selbst eine Flasche aufmachte, ohne dass sie dann Sex hatten danach? Bröckelte Silvias Illusion, doch eine Art von Leben zu haben, jetzt, da Jan unterwegs war und sie immer wieder Nächte und Nächte allein verbringen musste?

Früher hatte er Geschäftsreisen immer abgelehnt, aus demselben Grund, warum er keine Einladungen zu Partys angenommen hatte: Aus Rücksicht auf Silvia. Irgendwann aber sagte sein Chef: »Du musst nach Berlin. Du bist der einzige, der das machen kann.« Vielleicht nutzte er nur Jans Eitelkeit aus, aber dort in Berlin gab es einen Kunden, der viel zu schnell viel zu viel wollte, gab es die Restaurants und Bars, in die Jan mit seinen Kollegen abends ging, gab es Lästereien und Affären, gab es kaum einen Gedanken an Silvia — gab es ein Leben.

Der Arzt verschrieb Silvia Schlaftabletten, und sie fing an, Dinge zu sagen wie: »Heute bin unter diese Brücke durchgefahren und habe gedacht, ich brauch doch nur kurz das Lenkrad rumzureißen und in den Pfeiler zu rasen.« Jan stellte nicht die richtigen Fragen, es war schon zu spät. Wann immer ein Kunde etwas brauchte, reiste er hin.


Irgendwie hatten sie Sex. An Jans Knöchel hing noch seine Hose, Anna stieß sich den Kopf an der Wand. Sie waren zu betrunken, aber es funktionierte. Sie klammerte sich so eng an ihn, dass er ihr nicht in die Augen sehen konnte. An ein Kondom hatten sie beide nicht gedacht. Über ihnen brannte das Deckenlicht des Zimmers. Es war eine Gier, ein Kampf, ein Ausschwitzen.

Hinterher lag Jan neben Anna und war immer noch zu betrunken. Unter dem Gebläse der Klimaanlage fingen sie nach Minuten an zu frieren. Jan strampelte seine Hose vom Knöchel und griff zur Decke. Er betrachtete Annas nackten Körper. Die kleinen Brüste, auf denen sie lag und die sich nur ein wenig zu Seite rundeten, der Hintern, der so steil und so perfekt von der Taille anstieg — und die blauen Flecke: auf ihrer Hüfte und auf ihren Oberschenkeln.

»Die sind von dem Sturz«, sagte Anna.

Es gab noch andere Flecke: Auf ihrem Arm, auf ihren Schultern. Anna nahm ihm die Decke aus der Hand und zog sie über ihren Körper.

»Soll ich gehen?« fragte er.

Sie griff seine Hand, führte sie unter die Decke und legte sie sich auf ihren Rücken.

»Diese Stadt. Immer zu warm oder immer zu kalt.«

Sie legte ihre Stirn an seine Schulter. Vielleicht war es besser, wenn sie einander nicht ansahen. Jan wollte nicht in Versuchung geraten, sich ein Leben mit ihr vorzustellen. Auf ihrem Nachttisch sah er ihr Handy liegen. Ob ihr Mann schon wieder geschrieben hatte? Wie spät war es jetzt in Deutschland?

»Machst du das Licht aus?« fragte Anna.

Ohne sie loszulassen, tastete Jan nach dem Hauptschalter. Er war natürlich an derselben Stelle wie in seinem Zimmer. Ab dem Moment, als das Licht ausging, glühte die Stadt durch die Fensterfront. Dort hinten waren sie vorhin gewesen, dort hinten strahlten die Türme von Pudong, brütete immer noch diese unglaubliche Hitze, die hier drinnen nicht mehr wichtig war.

Jan wollte jetzt nicht einschlafen, er wollte nicht, dass es schon vorbei war.

Er sagte: »Wie du getanzt hast.«

»Sonst sieht mich keiner, wenn ich tanze.«

»Wo tanzt du denn, wo dich keiner sieht?«

»In meinen Zimmer.«

»Ganz allein?«

»Ich setze meine Kopfhörer auf. Damit ich meinen Sohn nicht wecke. Damit ich meinen Mann nicht störe.«

Er wollte nichts über ihre Familie hören. »Hast du deshalb so einen Körper?«

»Tanzen ist besser als Yoga.«

»Ist mir gleich aufgefallen.«

»Als ich hingefallen bin?« Anna schob ihre Hand unter Jans Bein hindurch und in seinen Schritt.

»Als ich dir aufgeholfen habe.«

Sie packte seinen Schwanz. »Soll ich dir jetzt aufhelfen?«

Sie machten es ein zweites Mal. Diesmal setzte sie sich auf ihn, ließ die Decke herabrutschen. Diesmal beugte sie sich zu ihm herunter, um ihn zu küssen, immer wieder. Diesmal schlossen sie ihre Augen erst ganz zum Schluss.

Danach blieb sie auf ihm sitzen und presste ihre Wange an seine Brust. Er spürte ihren Atem auf seiner Haut. Sein Schwanz schrumpfte und glitt langsam aus ihr heraus. Er sollte sie von sich hinunterschieben und aus dem Zimmer verschwinden. Er durfte nicht einschlafen, er durfte nicht mit ihr aufwachen.

»Wovor bist du auf der Flucht?« flüsterte sie.

»Vor meinem alten Leben.«

»Hast du jetzt ein neues?«

»Ich warte noch darauf, dass es anfängt.«

»Verlieb dich nicht in mich.«

Er tastete nach der Decke und zog sie wieder über sie. Sie blieb auf ihm liegen, sie atmete weiter. Sie legte ihre Wange an seine Wange und sah zusammen mit ihm zum Fenster heraus.


Als Jan aufwachte, hörte er Annas Stimme. Er öffnete die Augen und erblickte die Stadt: Ihre Lichter und ihre Türme. Anna musste irgendwann von ihm hinuntergerollt sein. Er war unfähig, sich umzudrehen oder etwas zu sagen. Nicht nur sein Kopf, auch sein ganzer Körper pochte. Annas Stimme klang so leise, lag sie überhaupt noch neben ihm? War sie im Bad? Weinte sie? Jan spürte, wie er wieder einschlief, ohnmächtig wurde fast, und konnte sich nicht dagegen wehren.

Das nächste Mal, als er aufwachte, hatte er sein Gesicht im Kissen. Er musste pinkeln und trinken. Er schleppte sich auf die Toilette. Er machte kein Licht: Um Anna nicht zu stören, um sich selbst nicht im Spiegel sehen zu müssen. Als er zurück ins Zimmer kam, sah er sie im Bett liegen, halb unter, halb auf der Decke. In dem Licht der Stadt betrachtete er ihren Körper. Er könnte seine Kleidung zusammensuchen und jetzt gehen. Sie kannte seine Zimmernummer immer noch nicht. Ihr Telefon lag auf dem Nachtschrank.

Er legte sich wieder neben sie. Er betrachtete ihr Gesicht. Es war zu dunkel zu erkennen, ob sie wirklich geweint hatte. Er legte seine Hand auf ihre Hüfte. Er würde es nicht schaffen, noch einmal mit ihr Sex zu haben, aber er hätte sie trotzdem so gerne aufgeweckt, so gerne noch einmal ihre Augen gesehen und ihre Stimme gehört.

Er versuchte, sich wachzuhalten, sie zumindest zu betrachten, wenn er sie schon nicht haben konnte, aber irgendwann gab er auf.


Jan hörte Silvia aus dem Schlafzimmer schluchzen. Er starrte auf das Sofa, auf dem sie gerade noch gesessen hatte. Ihre Decke lag da, beiseite geworfen auf den Rotweinfleck. Er stand immer noch. Er hätte Silvia aufhalten könne, ihren Arm greifen und sagen: »So habe ich das nicht gemeint.« Er könnte ihr hinterher gehen und es immer noch sagen. So ruhig wie jetzt hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Er setzte sich aufs Sofa — nicht dorthin, wo sie gesessen hatte, sondern ans andere Ende. Er hob die Decke an und betrachtete den Rotweinfleck. Stammte er aus derselben Nacht, als sie die Tabletten genommen hatte?

Er dachte an den Wohnungsmarkt in München, er dachte an ihren Mietvertrag, den sie gemeinsam kündigen mussten. Er dachte an die Party, auf die sie eingeladen waren und die er jetzt nicht mehr absagen musste. Vom Tisch starrte ihn der Puppenkopf an und schien sagen zu wollen: »Hör sie dir an. Schau, was du angerichtet hast.«

Er wartete einfach. Es tat so gut. Er hatte zwar nie gelogen, aber er hatte immer geschwiegen. Was es zu sagen geben würde, würde er sagen. Ihr Ohr war ihm jetzt egal. Es konnte keine Entschuldigung für alles sein.

Irgendwann kam Silvia aus dem Schlafzimmer zurück. Jan hatte sich nicht vom Sofa bewegt. Sie setzte sich neben ihn, getrennt von ihm durch Decke und Rotweinfleck.

Den Rest des Abends redeten sie, stritten sie, weinte Silvia. Sie tranken jeder eine Flasche Rotwein. Zu Anfang sagte sie noch: »Ich werde mich ändern. Ich habe mich selbst eingesperrt.« Später schrie sie ihn an: »Ich bin doch nur deine Putzfrau. Wer kauft denn hier ein? Wer kocht denn?« Er hielt dagegen, dabei war es ihm schon jetzt egal, wie sehr sie ihn hasste.

Immer wieder rannte sie ins Schlafzimmer, immer wieder kam sie zurück. Jan dachte dran, Christoph anzurufen und dessen Angebot anzunehmen: »Wenn es dir einmal reicht mit ihr und ihrem Ohr, wir haben ein Gästebett.« Silvia schrie ihn an: »Und du sitzt nur da! Und du sitzt nur da!« Er fragte sich, wann sie endlich müde werden würde. 

»Gibt es eine andere Frau?« fragte sie.

Jan dachte an Kristina, er dachte an die Kolleginnen, mit denen er geflirtet hatte. Würde es etwas ändern, wenn er eine erfand? Würde sie ihn mehr hassen oder hätte sie dann ein anderes Ziel für ihrem Hass? Würde es die Sache einfacher machen für ihn?

Doch anlügen konnte er sie immer noch nicht. Er schüttelte den Kopf.

»Ich glaube dir nicht«, sagte sie.


Die Sonne brannte ungebremst durch die Fensterfront. Jan zog die Decke über den Kopf. Zwei oder dreimal driftete er in den Schlaf und wieder zurück, bis ihm endlich klar wurde: Es war Tag. Sein Herz raste. Der Alkohol, der Schreck: Wie spät war es?

Er tastete nach seinem Telefon, aber natürlich lag es nicht auf dem Nachttisch. Es steckte in seiner Hose, und die Hose lag irgendwo auf dem Boden. Neben ihm war das Bett leer, die Decke weggestrampelt. Wo war Anna? Hatte sie sich davon gemacht? Ausgecheckt und gesagt: »But wait another two hours before you clean up my room, please.«

Nein, Jan hörte die Dusche laufen. Er war erleichtert, obwohl er nicht erleichtert sein durfte.

Er sah Annas Handy auf ihrem Nachttisch liegen. Er drückte eine Taste, das Display leuchtete auf. 8:23 Uhr. Noch mehr Erleichterung. Er hatte seine Orientierung wieder zurück. Sein Mund pelzte, sein Kopf hämmerte, sein Magen war flau, aber nichts, was ein gutes Frühstück, und viel Selbsthass nicht wieder wettmachen könnten. Er würde funktionieren — gut genug, um Bernhard zuzuhören, aber nicht gut genug, um den Chinesen zu erklären, wie er sich die Zukunft vorstellte.

Die Zukunft: In diesem Moment wollte Jan, dass Anna aus der Dusche kam, eingewickelt in ihrem Bademantel, ihre Beine und ihre Wangen glänzend, das nasse Haar noch ungekämmt, weil sie nicht abwarten konnte, ihm zu erzählen: »Lass uns beide einfach schwänzen heute. Wir gehen jetzt zurück ins Bett, dann frühstücken und suchen später nach der richtigen Altstadt.«

Jan hielt das Handy noch immer in der Hand. Unter der Uhrzeit stand der Text einer Nachricht. Ein Georg schrieb: Wenn du mich betrügst, bringe ich mich um und die Kinder auch.

»Er tut es nicht.«

Jan blickte auf. Anna stand vor ihm, fast so, wie er es  sich vorgestellt hatte: Bademantel, glänzende Haut, aber gekämmte Haare. Sie setzte sich neben ihn. Er schämte sich: Dafür dass er so stank und sie so gut roch. Dafür, dass er das Handy in der Hand hielt. Sie nahm es ihm ab.

»Na klar bist du neugierig.«

»Deine Kinder.«

»Er tut es nicht«, sagte sie.

»Aber er ahnt etwas.«

»Er meint etwas zu ahnen, seit wir in den Flitterwochen waren.«

»Und jetzt?»

»Du bist nicht der erste.«

Jan nickte. Enttäuscht zu sein war dumm. Eine Nacht konnte kein Anfang sein.

»Eigentlich«, sagte sie, »habe ich mich gewundert, dass du noch da bist.«

»Ich habe meine Hose nicht gefunden.«

Sie nahm ihm den Witz nicht ab. Sie ergriff seine Hand. Ihre war so warm und sauber. Sein kalter Schweiß musste kleben.

»In den Flitterwochen bin ich schwanger geworden.«

Er zwang sich, sie anzusehen. Ihr sah man die Nacht an, wie man sie ihm ansehen musste, ihre Augen rot, ihre Wangen blass. Er wollte sie küssen. Er wollte nicht, dass sie weiterredete.

»Aber ich bleibe nicht bei ihm nur wegen der Kinder.«

»Er droht dir.«

»Er ist krank.«

»Du tanzt alleine in deinem Zimmer.«

»Manchmal tanze ich auch mit meinen Kindern.«

»Aber immer nur in deinem Zimmer.«

»So wie in der SMS redet er nicht mit den Kindern, so redet er nur mit mir.«

»Darf er das?«

»Er ist krank. Man kann das heilen.«

»Kann man das?«

»Er macht Fortschritte.«

»Und die SMS?«

»Er hat Rückfälle, wenn ich reise.«

»Wie oft reist du?«

»Weniger und weniger.«

Jan wusste nicht mehr, was er sagen sollte. War es nicht Annas beste Nacht seit Jahren gewesen? Wollte sie nicht mehr solcher Nächte und Tage auch? Jan hatte so viele Fragen, aber kein Recht sie zu stellen.

Sie sagte: »Ich werde bei ihm bleiben, solange er es versucht.«

Sie strich Jan über den Kopf. Wer am meisten will, hat am meisten zu verlieren. Er wollte nicht so leicht zu durchschauen sein. Es war doch nur eine Nacht, redete er sich ein, es war doch nur eine Nacht. 

Sie sagte: »Verlieb dich nicht in mich.«

Er sagte: »Da ist sie ja, meine Hose.«

Sie nickte. Er konnte es nicht mehr ertragen, nackt zu sein. Er hatte soviel gewonnen und soviel wieder verloren. Er zog sich an. Seine Hände zitterten: Der Alkohol, die Enttäuschung. Sie beobachtete ihn, aber sie schielte auch schon wieder aufs Display des Handys.

Sie brachte ihn zur Tür. Der Rest war ein Abspulen von Bewegungen, Gesten und Worten. Sie küsste ihn auf seine Wange, er auf ihre. 

Sie sagte: »Wenn du auf einen der Türme von Pudong gehst, machst du ein Foto?«

»Von der Übersichtlichkeit?«

Sie lächelte. »Von dem, was du von oben erkundest.«

Jan sagte noch etwas von »guten Flug« und Anna etwas von »eine schöne Zeit in Shanghai«. Als er durch den Flur zum Aufzug ging, glaubte er, dass sie ihn noch für einen Moment nachblickte, aber als er sich umdrehte, war ihre Tür schon wieder geschlossen.


Jan half Silvia beim Umzug, weil er sich schuldig fühlte. Sie war so krank, sie war so hilflos. Zuerst ging er auch noch ans Telefon, wenn sie anrief und verzweifelt war: »Die Waschmaschine hat hier alles unter Wasser gesetzt. Was soll ich jetzt machen?«

Auch auf Skype blieben sie in Kontakt. Sie fragte ihn, wie sein Tag so war, sie fragte, was er zu Mittag aß. Sie erzählte ihm, wie sehr sie ihre Arbeit hasste. Weder sie noch er fragten: »Hast du jemanden kennengelernt?«

Irgendwann ging er nicht mehr ans Telefon, wenn sie anrief, irgendwann antwortete er nur noch das Nötigste auf Skype. Ihr beim Aufbauen ihres Regals zu helfen, die sie sich endlich gekauft hatte, verschob er von Woche zu Woche.

»Wenn du keine Lust dazu hast, dann sag es.«

Diesmal gab er nicht nach, diesmal sagte er: »Nein, habe ich nicht.«

Danach hörte er nie wieder etwas von ihr. Sie rief nicht mehr an, sie schrieb ihm nicht mehr auf Skype. Zuerst dachte er noch, sie würde schmollen, obwohl es nicht ihre Art war, aber zwei Wochen später, als er mit Christoph an einer Theke saß, sagte Jan:

»Entweder sie macht endlich eine Therapie und der Arzt hat ihr gesagt, sie soll besser den Kontakt abbrechen—«

»Oder?«

»Oder sie hat einen Neuen.«

»Ist das nicht egal?«

»Ich will wissen, ob es ihr gut geht.«

»Willst du das wirklich oder willst du nur dein Gewissen beruhigen?«

Jan antwortete nicht darauf, aber am nächsten Tag entfernte er sie aus seiner Kontaktliste in Skype.


Die Tage im Büro begannen um halb neun und endeten nie vor acht. Wenn Leslie und Joyce abends sagten, sie wollen essen gehen, war klar, dass sie danach weiterarbeiten und bis Mitternacht bleiben würden. Sie gingen dann kurz in ein Restaurant, in dem man zahlen musste, bevor der Kellner überhaupt daran dachte, die Bestellung an die Küche weiterzugeben. Sie schlangen etwas Öliges herunter und gingen zurück ins Büro. Um sieben wurde die Klimaanlage ausgestellt, aber in dem kleinen Büro, das sie sich zu sechst teilten, kämpfte sie sowieso vergebens.

Jan hatte keinen Grund, auf eine Nachricht von Anna zu warten und war zu stolz, selbst eine zu schreiben. Facebook und Twitter waren gesperrt, aber machmal googelte er: Anna Deutschland Projekte China. Es war das beste, was ihm einfiel. Er fand eine Sinologin, eine Importeurin von Pu-Err-Tee und einen Körper-Coach, aber nicht die Anna, nach der er suchte. Als er an der Rezeption nach ihrem Nachnamen fragte, antwortete man ihm: »I’m very sorry but we can’t disclose this kind of information.«

Irgendwann wurde Jans Firma sein Hotel zu teuer, und er musste in ein Serviced Apartment umziehen. Er konnte nicht schlafen: Zuerst, weil es zu heiß war, und später, als es endlich abkühlte, weil er zuviel von Matthews Drogen nahm.

Jan hatte ihn in einer Bar mit dem dummen Namen The Expat kennengelernt. Er war dorthin geflüchtet auf der Suche nach Kühle, nach Leuten, die Englisch sprachen und etwas über sich preisgaben, nach etwas, das ihn schlafen ließ. Matthew war ein kleiner Neuseeländer mit kurzgeschorenen Haaren, trug anders als die anderen niemals Hemd oder Anzug, sondern immer nur Funktions-Shirts, Jeans und Birkenstocks. Jan lernte ihn kennen, als er an der Theke stand, sein Bier trank und in dem Moment einfach nur sein Selbstmitleid genießen wollte.

Matthew sagte: »You either need some sleep or some fun.«

»Some fun sleep?«

»I’ve heard better jokes.«

»I could sleep better if I had had some fun.«

»I think I can help.«

Zuerst betrachtete Matthew Jan nur als Kunden, später dann vielleicht als eine Art Ersatzfreund. Matthew kannte einen Ort für jede Stimmung. Der Club, in dem Jan mit Anna gewesen war, tat er ab mit: »That’s a rip-off.«

»But a lot of Chinese went there.«

»They like to be ripped off. It’s a way for them to show how loaded they are.«

Jan glaubte ihm nicht alles, aber widersprach nicht. Matthews Geplapper lenkte ihn ab: Von der Arbeit, von der Hitze, von Anna.

Manchmal mochte Matthew es zu billig. Manchmal ekelte Jan sich vor den Gläsern, aus denen sie tranken, den Früchten, die sie ihnen hinstellten.

»This is the kind of fun you need«, sagte Matthew immer, bevor er Jan eine Tablette hinhielt — und irgendwann ein Mädchen.

»I can’t have sex if I know that the girl is faking it.«

»Once you’re turned on you won’t care.«

Das Mädchen kicherte nur und blinzelte Jan an, eine Chinesin, die in dem Licht des Clubs so aussah wie die Chinesinnen, die in Jans Büro arbeiteten, nur dass ihr Top nur bis kurz unter ihre Brüste reichte, ihre Hotpants kaum mehr bedeckten als ein Bikiniunterteil und sie nicht aufhörte, auf der Stelle zu tanzen.

»You look like you’re going to be sick«, sagte Matthew.

»I’m just not really into Asian women.«

Zwei oder drei Mal versuchte es Matthew noch, aber immer lehnte Jan ab. Lieber trank er noch mehr und erstickte auch den letzten Rest der Begierde. Bis Matthew mit einer Frau ankam, die aussah wie eine Anna mit längeren Haaren und viel mehr Make-Up.

»She’s beautiful, isn’t she?«

Jan sagte nichts. Er war sich sicher, dass er Matthew zwar von Anna erzählte hatte, aber nie, wie sie aussah.

»She’s Mexican.«

Sie hieß Catalina. Jan wollte sie wegschicken, aber Catalina strich ihm einfach nur über den Arm. Sie sagte kein Wort, tanzte nicht, trug ein schlichtes weißes, kurzes Sommerkleid. Matthew grinste. Wäre Jan nüchtern gewesen, hätte er nicht gewollt, dass Matthew Recht behalten sollte, aber nach sechs Bieren und einer Pille nahm er Catalina mit in sein Apartment.

Sie war ernst und anschmiegsam und flüsterte ihm Sachen ins Ohr. Er sagte: »Don’t say anything and look me in the eyes.« Danach konnte er vergessen, dass sie ihn nicht wollte.

Hinterher bat er sie, sich zu duschen.

»Do you want to join me?«

Er schüttelte den Kopf.

Er lauschte dem Wasser, trank den Rest des Weines und sah auf die Lichter der Wohnungen gegenüber. Von diesem Apartment hatte er keinen Blick mehr auf Pudong. Er war frei, sich vorzustellen, was er wollte. Auch in seiner Fantasie hatte Anna immer noch einen Mann, immer noch ein Kind. Er stellte sich vor, wie er wieder in dem Zimmer im Swissotel auf der Bettkannte saß. Er hielt Annas Handy in der Hand und las die SMS. Das Wasser hörte auf zu laufen. Sie trat aus der Dusche, eingewickelt in ihrem Bademantel, mit glänzender Haut und zurückgekämmten Haaren, und sagte:

»Er ist zu weit gegangen.«


Jan versuchte, Catalina nicht jede Nacht zu sehen. Er brauchte den Sex, aber ebenso brauchte er es, dass sie hinterher nur neben ihm lag und er seine Hand auf ihren Rücken legen konnte. Er zahlte ihr extra dafür. Nach der ersten Nacht bat er sie nicht mehr, sich zu duschen. Er fragte sich, ob sie es woanders tat, bevor sie den nächsten Kunden hatte.

Wenn sie gegangen war, saß er oft noch stundenlang auf, trank, rauchte, suchte im Internet nach Anna und schrieb manchmal E-Mails an Silvia, die er nicht abschickte. Er wollte sie nicht zurück, aber er brauchte jemanden und fand niemanden, ohne dass er dafür bezahlte. Er wollte Anna, aber die fand er erst recht nicht. Jeden Tag nahm er sich vor, am nächsten Tag auf einer der Türme von Pundong zu gehen und das Foto zu machen, das er ihr versprochen hatte. Es wäre so einfach, ihr eine SMS zu schreiben, aber er hatte Angst, dass sie antworten würde: »Es hat sich nichts geändert.«

Er kam immer später zur Arbeit.  Zuerst um zehn, dann um viertel vor elf, dann um halb zwölf. Er erklärte es mit seinem Portmonee, das er irgendwie verlegt hatte, der Schlange vor den Aufzügen oder der Klimaanlage, die in seinem Apartment ausgefallen war und für die er erst den Hausmeister hatte finden müssen. Die Leute im Team nickten nur. Er war in charge.

Jan hatte Glück, dass Leslie sich verantwortlich fühlte. Ohne ihn wäre das Projekt schon viel früher gegen die Wand gefahren. Wenn die anderen abends vor ihrer Spätschicht essen gingen, stahl Jan sich davon und murmelte »I have a business dinner.« Er traf Matthew. Er trank mit ihm, um die Zeit zu überbrücken, bis er Catalina sehen konnte. Wenn Matthews Geschäfte schlecht liefen, schimpfte der über die Chinesen: »They’re just picking our brains. Once they don’t need us anymore, we’re fucked. We’re nothing more than slaves.«

Nie konnte Catalina vor Mitternacht. Natürlich, sie musste noch andere Kunden haben, noch andere, die sie jede Nacht sehen wollten. Sie war gefragt bei den Chinesen, die lieber mit Frauen aus dem Westen schliefen, und bei Männern aus dem Westen, die die Chinesinnen satt hatten.

Irgendwann fingen sie an, direkt gegenüber von Jans Apartment noch eines dieser Glas-und-Stahl-Monstren hochzuziehen, keine zehn Meter von seinem Fenster entfernt. In Shanghai arbeitete man 24/7. Nachts beleuchteten Scheinwerfer die Baustelle, die heller waren als die Sonne tagsüber.

Catalina hatte einen wunderbaren Körper, sie konnte nicht älter sein als dreiundzwanzig, Jan liebte es, ihre Silhouette zu betrachten, aber das grelle Licht raubte den letzten Rest der Illusion, das sie jemand anderes wäre. Jan zog die Vorhänge zu und knipste die Nachttischlampe an.

Als er aufwachte, war es immer noch dunkel. Die Vorhänge ließen keinen einzigen Lichtstrahl durch. Catalina musste irgendwann gegangen sein und die Nachttischlampe ausgemacht haben. Sein ewiger Jetlag gaukelte ihm vor, es wäre noch tief in der Nacht. Nur langsam kroch das Gefühl von Zeit in ihn zurück. Er sah auf die Uhr. Es war schon nach drei Uhr nachmittags. Er verfiel in Panik, er sprang aus dem Bett, doch in demselben Moment überfiel ihn auch eine Übelkeit. Er rannte auf Toilette und erbrach sich, heiß und schmerzhaft. Danach fühlte er sich zwar besser, aber konnte er jetzt noch ins Büro gehen? War er nicht krank? Konnte er ihnen nicht erzählen, ein Fieber hätte ihn so betäubt, dass er erst jetzt aufgewacht war und einfach nicht die Kraft hatte, ins Büro zu kommen? Er rief Leslie an. Der sagte: »Get well soon«. Jan redete sich ein, dass es in diesem Klima doch glaubwürdig sein musste, dass man als Europäer irgendwann zusammenbrach.

Er duschte, zog sich an und rief Matthew an. Wenn der nicht schlief, saß er in einer Bar. Matthew nannte Jan die Adresse. In dieser Woche ging Jan nicht mehr ins Büro.


Manchmal packte Jan das Pflichtgefühl, und er sah sich die Software an, die sie programmierten. Er fand ein paar Fehler, aber nichts, was ihn beunruhigte. Er zog um in ein Einzelbüro, das frei geworden war, und dämmerte die wenigen Tage pro Woche, die er dort verbrachte, vor sich hin, ohne mit jemanden zu reden, ohne seine E-Mails zu lesen. Immer noch warf er Leslie ein paar Ausreden hin — »I take most of my calls from my apartment«, aber in den Momenten am späten Nachmittag, wenn der Alkohol und die Pillen aufhörten zu wirken, war Jan klar, dass sogar die Chinesen den Respekt verloren. Trotzdem: Er fand, er hatte noch alles unter Kontrolle. Er wurde ja noch einmal am Tag nüchtern.

Er bat Catalina jetzt oft, erst dann zu kommen, wenn sie schon bei allen anderen Kunden gewesen war und bis zum Morgen bei ihm zu bleiben. Neue Pillen von Matthew halfen ihm, wach zu bleiben, zwei oder dreimal in der Nacht mit ihm zu schlafen und dann wach neben ihr zu liegen, seine Hand auf ihrem Rücken und ihren Atem zu hören.

Er fing an, sich einzureden: Morgen triffst du Catalina nicht mehr, morgen triffst du Matthew nicht mehr. Morgen schläfst du dich einmal richtig aus, und übermorgen gehst du dann um acht in die Arbeit. Sich auszuschlafen schaffte er, aber abends trank er wieder, traf Catalina wieder und ging sicher nicht vor dem frühen Nachmittag ins Büro.


An dem Tag, an dem Bernhard wieder auftauchte, hatte es Jan immerhin schon um elf ins Büro geschafft. Bernhard saß auf Jans Stuhl in dessen Büro, starrte auf sein Laptop und runzelte die Stirn. Es war das erste Mal, dass Jan ihn schwitzen sah.

»Leslie meinte du bist oft krank«, sagte Bernhard, ohne aufzusehen. »Zu krank, um mich zurückzurufen?«

»Es ist diese Stadt.«

»Der Kunde macht sich Sorgen. Sie haben noch nichts gesehen.«

»Wir sind noch nicht ganz fertig.«

»Schau auf den Kalender«

Jan hatte nur auf die Wochentage geachtet, sich von Freitag zu Freitag gehangelt. Welches Datum war heute?

»Du siehst beschissen aus«, sagte Bernhard.

»Es sind die Chinesen.«

»Du musst sie im Auge behalten, jede Minute.«

Jan nickte.

»Wasch dir das Gesicht«, sagte Bernhard, »sie kommen gleich.«

»Wer?«

»Der Kunde. Wie vereinbart.«

Jan wusste, es war jetzt besser zu schweigen.

»Du bist in charge. Ich hoffe, der Showcase ist fertig genug.«

Jan hatte verloren. Er wusste, dass Bernhard ihn durchschaut hatte. Jan war sicher nicht der erste, der sich so in dieser Stadt verloren hatte. Bernhard ging es nur noch darum, sein Gesicht zu wahren. Die Zeit der Illusionen war vorbei.


Die Firma zahlte den Rückflug, aber sie zahlte nicht Jans Auszeit. Der Chef ließ ihm die Wahl: »Entweder wir schmeißen dich raus oder du nimmst drei Monate frei und bringst dich wieder auf die Spur. Auf deine eigenen Kosten.« Hätten sie nicht solche Probleme, Leute wie ihn zu finden, hätten sie ihm keine zweite Chance gegebeben.

Jan kehrte in die Wohnung zurück, in der er mit Silvia gewohnt hatte. Sie war eigentlich zu teuer für ihn. Mit dem Extra-Geld, das seine Firma ihm in Shanghai bezahlt hatte, hatte er sie leicht halten können, doch wie lange würde er sie sich jetzt noch leisten können? Er trank immer noch, aber er hatte niemanden mehr, der ihm Pillen besorgte. Der Rauch seiner Zigaretten vermischte sich mit dem Rauch von Silvias Zigaretten, der sich in den Vorhängen und dem Sofa festgesetzt hatte. Jan schlief bis zwei Uhr nachmittags, schaffte es, erst um sieben Uhr abends die erste Flasche Wein aufzumachen, sah Fernsehen bis Mitternacht und hörte bis in den Morgen hinein Musik, die ihn an Anna erinnerte. Er suchte sie immer noch im Internet, aber auch ohne Zensur fand er sie so wenig, wie er Silvia fand.

Christoph schrieb ihm: »Ich weiß, dass du wieder da bist. Ich versuche, nicht beleidigt zu sein, weil du dich nicht gemeldet hast. Was ist in Shanghai passiert?« Jan löschte die Mail, ohne ihm zu antworten.


Eines nachts, nach zwei Flaschen Wein schrieb Jan an Matthew: »I never got round to go up one of those towers of Pudong and take a picture. Could you? At night?«

Er erwartete, dass Matthew ihn in dem Moment, in dem er aufgehört hatte, sein Kunde zu sein, vergessen hatte. Aber nur zwei Tage später schrieb er:

»Here you go. Took it last night from the bar at the top of the Financial Centre. Fucking hot up there, and they charge way too much for the booze. I hope you’re okay.«

Es sah aus wie eine Fototapete. Man erkannte die Umrisse der Häuser, die so hoch erschienen, wenn man an ihnen vorbeilief, aber so winzig aussahen von der Spitze dieses Turms. Jan schickte das Foto per MMS an Anna und schrieb:

»Du hast Recht — nichts Majestätisches von so weit oben, aber mit dir wäre es anders gewesen. Jetzt bin ich zurück in München und vielleicht nicht weit weg von dir. Sicher gibt es auch hier etwas zu erkunden?«

Jan ließ sein Telefon nicht aus den Augen. Er trank und trank. Manchmal zwang er sich dazu, sein Selbstmitleid so zu steigern, dass er in Tränen ausbrach. Er suchte im Internet nach Fotos aus dem Club 88 und sah sie sich stundenlang an. So gerne hätte er ein Bild von Anna gehabt, aber er war zu beschäftigt gewesen, sie zu betrachten, als dass er sie hatte fotografieren wollen.

Nach zwei Tagen antwortete sie: »Ich habe versucht, auf dem Foto unser Hotel auszumachen. Diese Stadt ist einfach zu groß. Die Zeit der Reisen ist für mich vorbei. Meinem Mann geht es besser, aber er hat noch einen langen Weg vor sich. Manchmal denke ich an dich, aber ich werde dir nicht sagen, wo ich bin. Ich hoffe, es geht dir gut.«

In dieser Nacht zwang Jan sich dazu, nach einer Flasche Wein aufzuhören. Es war eine der längsten Nächte seines Lebens.


»Du hast doch auch deine Arbeit«, sagte Jan.

»Ich habe keine Freunde dort«, sagte Silvia.

»Was ist mit Susanne?«

»Mir der gehe ich Mittag essen, sonst nichts.«

»Frag sie, ob sie abends was machen will.«

»Die hat ihre Familie. Die hat keine Zeit.«

»Frag sie.«

»Bei uns auf der Arbeit ist das anders als bei dir. Bei uns lernt man sich nicht kennen.«

»Man kann doch woanders Freunde finden.«

»Du hast alle deine Freunde über die Arbeit gefunden.«

»Das war Zufall.«

»Warum sitzt du immer jeden Abend in deinem Zimmer und schreibst noch E-Mails? Warum musst du jetzt immer verreisen? Warum musst du sogar das Wochenende wegbleiben?«

»Wir drehen uns im Kreis.«

»Es ändert sich ja nichts.«


Brian schrieb: »I took over your job in Shanghai. Man, you really fucked up. You were in charge! I should hate you for that I had to leave Stockholm and come here. But I wanted to let you know: If you want to come back here I will put in a word for you. We could have a lot of fun here. « Noch eine E-Mail, die Jan löschte, ohne sie zu beantworten.


Jan hatte noch zwei Wochen, bevor er wieder zurück in die Arbeit musste. Auf dem Wohnzimmertisch lag der Kündigungsbrief für die Wohnung. Daneben stand eine Flasche Wein, aber bevor er sie aufmachte, wollte er sich etwas zu essen holen. Er zog seinen Mantel an und trat nach draußen. Es war Dezember, an ihm vorbei zogen Pärchen mit dampfenden Mündern in Richtung Weihnachtsmarkt. Manche starrten ihn an, und er fragte sich, wie er aussah. Jeden Morgen blickte er zwar in den Spiegel, aber nur um sich die Zahnpaste aus dem Bart zu wischen, der ihm mittlerweile gewachsen war.

Jan steuerte den Döner-Laden an und hatte sich sogar schon überlegt, was er bestellen würde, als er sich anders entschied. Er ging weiter, in Richtung U-Bahn. Menschen mit Tüten kamen ihm entgegen, manche hatten rote Nasen vom Glühwein. Jan nahm die U-Bahn in Richtung Westend.

Ein paar junge Leute in Parkas und engen Hosen stiegen ein, so ausgelassen, wie Jan auch früher gewesen war. Sie sprachen über München, sie sprachen über London, sie sprachen über Märkte, ein Mädchen sogar über China. Enttäuschungen nannten sie Erfahrungen. Als sie an der Theresienwiese ausstiegen, fügten sie sich ein in den Strom ihrer Altersgenossen, ein Meer von Kapuzen mit Kunstpelzrand.

Jan blieb fast allein zurück im Wagen. Nur ein Pärchen fuhr weiter. Sie waren in Jans Alter. Anna und er könnten so sein wie sie, nach einem Jahr Shanghai, nach einem Monat zurück hier. Die Frau trug weiße Strickhandschuhe, der Mann hielt ihre linke Hand in seiner nackten Faust.

Jan stieg an der nächsten Station aus. Er brauchte einen kurzen Moment, bis er sich an den Weg erinnerte: Über den Platz mit dem kleinen Park und den Spielplatz. Er war hier vorbeigefahren mit Silvia, das Auto vollbepackt mit ihren Kisten, auf dem Weg zu ihrer neuen Wohnung. Sie hatte geschwiegen, den Blick von ihm abgewandt, auf den Spielplatz geheftet.

Sie wohnte in der nächsten Straße links. Vor und hinter Jan gingen immer noch Leute mit Tüten. Was würde er tun, wenn Silvia ihm entgegen kam?

Hier gab es keine von den Cafés und Restaurants deretwegen man ins Westend fuhr, nur fünfstöckige Hochhäuser. Zu alt für Luxuswohnungen, zu neu, um als Altbau zu gelten. Silvia wohnte in der Nummer 29. Sie wohnte im Hochparterre. Es brannte Licht.

Er stellte sich auf die Straßenseite gegenüber von ihrer Wohnung. Sie würde ihn nicht sehen können, wenn sie ihr Gesicht nicht gerade an die Fensterscheibe presste. Er sah die Puppen im Fenster. Sie saßen mit dem Gesicht nach draußen, ausgestellt oder vielleicht so platziert, damit sie teilhaben konnten an dem bisschen Leben hier auf der Straße.

Jan sah eine Bewegung, er sah schwarze Haare, dann eine Nase. Silvia. Sie machte sich am Wohnzimmerschrank zu schaffen. Sie holte etwas heraus, Jan konnte nicht erkennen, was. Sie ging in den hinteren Teil der Wohnung, durch eine Tür, in die Küche. Sie blieb am Tisch stehen, den er mit ihr dort hineingeschleppt hatte. Was auch immer sie aus dem Schrank geholt hatte, legte sie auf den Tisch, aber sie setzte sich nicht hin. Redete sie?

Mit wem?

Jan meinte, eine Hand zu sehen, die sich auf ihren Unterarm legte. Silvia beugte sich herab, verschwand aus Jans Blickfeld. Ginge er näher heran, würde sich sein Blickwinkel so verändern, dass er die Küche gar nicht mehr sehen würde. Trat er weiter zurück, hatte er die Wand des Hauses im Rücken. Silvia richtete sich wieder auf. Ja, da war eine Hand auf ihrem Arm.

Jan wurde kalt. Zu Hause wartete die Flasche Wein, und auf dem Weg dahin der Döner-Imbiss. Eine junge Frau huschte an ihm vorbei. Sie warf ihm einen Blick zu, lächelte ganz kurz, bis ihr klar wurde, was er hier tat. Sie war sicher auf dem Weg zu Freunden, zu einem Weihnachtsmarkt, ein letztes Mal, bevor sie für die Weihnachtsfeiertage zu ihren Eltern verschwand. Jan sah ihr kurz nach, aber sie drehte sich nicht um. Als er wieder ins Fenster blickte, war Silvia verschwunden.