Jürgen Albertsen

Hinter dem Feld die Lichter

Elke hatte es immer gehasst, wenn ihre Mutter es getan hatte, und jetzt tat sie es selbst. Sie stand am Fenster, oben im Flur, und lugte durch die Gardinen. Unten auf der Terrasse saß immer noch der junge Andresen. Es war mittlerweile dunkel geworden, und ihn beschien das Licht aus der Küche. Er trug Jeans und T-Shirt mit Flecken von Stalldreck und blickte über das dunkle Feld hinüber zu den Lichtern auf der anderen Seite. Es waren die Lichter seines Hofes, und wenn man es nicht wusste, könnte man meinen, er gehörte nicht auf jenen Hof, sondern hierher, als hätte er Feierabend und genoss den warmen Abend auf der Terrasse. Als wartete er nur darauf, dass seine Frau die Küche fertig machte und sich zu ihm setzte. Er rührte sich nicht. Seine Arme lagen auf den Armlehnen, seine Füße standen parallel auf dem Boden.

Elke hatte gehofft, dass er gegangen wäre, vielleicht noch eine Notiz hinterlassen hätte: »Ich muss zu meinen Kühen.« Sie war viel zu müde, um etwas zu erklären. Alles tat weh. Warum war er überhaupt noch hier? Schüchternheit, Höflichkeit oder weil er fand, sie müsste jetzt dankbar sein?

Sie trat vom Fenster weg. Auf dem Weg zur Treppe lauschte sie noch einmal an der Tür zu Mutters Schlafzimmer. Hätte sie jetzt nichts gehört, wäre sie beunruhigt gewesen, aber sie vernahm das laute Atmen ihrer Mutter, das sich manchmal zu einem Schnarchen verfing, und wusste, dass die Tabletten jetzt wirkten.

Elke ging die Treppe hinunter und in die Küche. Mochte der junge Andresen Wein? Er wirkte wie jemand, der nur für seinen Hof lebte, nur für seine Tiere und seine Kartoffeln und dem es wichtig war, morgens um fünf den Wecker nicht zu überhören. Egal, sie brauchte jetzt einen Schluck, alle ihre Muskeln waren hart und etwas drückte ihren Kopf zusammen. Sollte er doch sagen, wenn er etwas anderes wollte.

Sie nahm die offene Flasche von gestern Abend und zwei Gläser und ging durch das Wohnzimmer nach draußen auf die Terrasse. Es musste schon nach zehn sein, aber es war so warm, dass sie sich nichts über ihr leichtes Kleid ziehen musste. Es war ihr Lieblingskleid, aber der Saum zerfranst, und sie zog es nur noch an, wenn sie das Grundstück nicht verließ. Der junge Andresen wandte sich ihr zu, lächelte kurz und schlug dann die Augen nieder. Sie kannte das von ihm, von den drei oder viermal, die sie ihn auf dem Feld gesehen hatte oder von dem einen Mal im Supermarkt im Dorf, als es ihm peinlich zu sein schien, dass sie ihm am Duschgelregal grüßte.

Sie sagte: »Es hat jetzt doch länger gedauert. Sie war ja so aufgeregt.«

Sie hoffte, dass er jetzt aufstand und sich verabschiedete: »Ich wollte nur warten, um zu hören, dass es ihr gut geht. Ich werde nicht länger stören.« Sie könnte dann antworten, »Ach, bleiben Sie doch noch«, aber nicht darauf bestehen, ein bisschen Blabla, und sie hätte ihre Ruhe. Aber er sagte nichts, sondern nickte nur. Fast hätte sie geseufzt. Jemand der nickte statt etwas zu sagen, das konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen. Sie fragte: »Nehmen Sie einen Schluck?«

Er nickte. Wieder.

Vor ihm auf dem Tisch lag ihre Zeichenmappe. Als sie das Glas vor ihm hinstellen wollte, schob es sie zur Seite. Elke hatte die Mappe offen hier liegen gelassen, die Blätter über den ganzen Tisch verstreut. Er musste sie eingesammelt und ordentlich verstaut haben, nicht eine Ecke lugte heraus. Elke stutzte. Er sagte: »Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich...«

Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Bevor der Wind die Blätter wegweht...«

Als Elke sich setzte, nahm sie sofort einen tiefen Schluck. Sie wartete auf die Wärme des Weines, die sich hinter ihrer Brust ausbreitete, wartete, dass sie den Druck vom Kopf wegnahm. Der junge Andresen nippte nur. Er stellte das Glas ab, ohne dass es ein Geräusch machte. Er blickte weiter zu den Lichtern seines Hofes.

»Ich hoffe, ich halte Sie nicht auf«, sagte sie. »Vielleicht haben Sie ja noch Arbeit.« Er könnte sogar das volle Glas einfach stehen lassen.

Wenn er so den Kopf zu ihr drehte, beschien das Licht aus der Küche seine rechte Wange. Vielleicht war er doch ein bisschen älter als sie dachte, vielleicht war er genauso alt wie sie. Seine leise Stimme, seine gesenkten Augen machten ihn jünger. Der Schmutz auf seinen Armen, in seinem Gesicht passte nicht zu ihm.

»Ich heiße Friedrich.«

Warum sagte er das jetzt? Und was sollte sie anderes darauf antworten als: »Und ich heiße Elke.«

»Wir sollten uns nicht siezen«, sagte er. »Wir sind doch Nachbarn.«

»Das stimmt. Ich habe es mir so angewöhnt hier.«

»Zu siezen?«

»Jeden zu siezen. Und nicht nur Leute, die viel älter sind als ich.«

Er hob sein Glas, sie stießen miteinander an. Erwartete er etwa noch einen Kuss? Brüderschaft? Nein, er nippte. Elke stürzte den Wein hinunter.

Er blickte wieder in Richtung seines Hofes.

»Verschwindet deine Mutter oft?«, fragte er in die Dunkelheit des Feldes hinein.

»Sie geht allein spazieren, obwohl sie es nicht sollte.«

»Nicht spazieren oder nicht allein?«

»Der Arzt meint, sie muss mobil bleiben. Die Krankheit kann man nicht aufhalten, den Verfall schon. Nun, anscheinend ist sie manchmal ein bisschen zu mobil.« Es sollte ein Witz sein, aber seine Mundwinkel regten sich nicht. Elke wurde es zu dumm, ihn von der Seite anzustarren. Sie drehte ihren Stuhl und blickte in dieselbe Richtung wie er.

»Ich muss die Beine ausstrecken«, sagte sie. Sie betrachtete die Lichter des Andresen-Hofs. Sie schwebten hinter dem Feld, auf dem man die Kartoffelbüschel nur erahnen konnte. Links leuchtete der Stall, regelmäßig und hell, rechts das Haus, dunkler und nur mit zwei Pünktchen. Dahinter unsichtbar und dunkel der Wald.

»Meine Mutter und ich«, sagte sie, »wir machen immer dieselbe Runde. Durch den Wald. Wir könnten auch ins Dorf gehen, aber das wäre mir zu gefährlich mit der Bundesstraße. Irgendwann macht es Klick, und sie läuft vor ein Auto. — Klick. So nennt es unser Arzt immer. Dr. Blume. Kennst du ihn?«

Friedrich Andresen schüttelte den Kopf.

»Also durch den Wald. Ich musste sie noch nicht einmal dazu überreden. Sie ist immer gerne spazieren gegangen, schon früher, als ich noch ein Kind war. Sobald mein Vater nach Haus gekommen ist, hat sie ihn mit Kaffee und Zeitung versorgt und hat gerufen: ›Ich drehe dann mal eine Runde.‹ Jetzt gehen wir diese Runde gemeinsam. Immer am Waldrand entlang.« Die Wärme des Weines hatte sich bis zu ihrem Magen ausgebreitet und verschmolz mit der Wärme des Abends. »Du kennst den Wald ja sicher. So groß ist er nicht. Und ich verstehe nicht, wie sie früher manchmal zwei Stunden gebraucht hat, um ihn zu umrunden.«

Elke schenkte sich nach. Der Druck in ihrem Kopf gab der Wärme des Weines nach. Jetzt musste er auch noch die Muskeln lockern. Sie fragte gar nicht erst, ob Friedrich Andresen auch noch etwas wollte.

»Und vor kurzem fing es dann an, dass sie manchmal nicht wiederkam. Dr. Blume hatte es vorausgesagt. ›Sie wird unberechenbar werden.‹ Aber ich wusste ja immer, wo ich sie suchen musste. Meistens fand ich sie am Hochsitz. Kennst du den Hochsitz?«

Er nickte. »Auf der anderen Seite des Waldes.«

»Ja. Halb verfallen ist er«, sagte sie.

»Von ihm aus kann man diese ganze Wiese überblicken. Dort stehen früh am Morgen die Rehe.« Seine Stimme mochte leise sein, aber nicht schwach. Die Worte flossen ohne Zögern. »Was hat sie da gemacht?«

»Geweint.« Es rutschte ihr raus. Sie hatte lügen wollen, so etwas ging ihn nichts an, aber die Wahrheit kam so plötzlich.

»Warum?«

»Sieht so aus, als trauert sie um ihren Mann.«

»Dein Vater.«

»Ja.«

»Er ist tot.«

»Ja. Seit — wieviel Jahren? Drei. Sie haben uns nie erzählt, wie sie sich kennengelernt haben. Jetzt weiß ich es. Ausgerechnet am Hochsitz.«

»Verständlich, dass sie weint.«

»Er hat ja kaum mit ihr geredet.«

Sie wartete auf die nächste Frage, aber sie kam nicht. Statt dessen nippte er am Wein.

»Ich kann mich kaum an seine Stimme erinnern, so selten hat er geredet. Er ist von der Arbeit gekommen und hat sich an den Küchentisch gesetzt. Die Zeitung war da, der Kaffee war da, meine Mutter war da. Immer war er müde, egal ob abends oder am Wochenende. Er hat auf der Werft gearbeitet, weißt du?«

»Die zugemacht hat.«

»Ja, später, und später ist alles nur schlimmer geworden. Es hat beim Marschenbauamt angefangen — oder wie heißt das jetzt?«

»Amt für ländliche Räume.«

»Amt für ländliche Räume. Wie gut das klingt. Nach Plan, nach Architektur. Der alte Name war viel passender. Mein Vater hat in der Marsch gebaut. Hier auf dem Festland, auf den Inseln. Immer hatte er diesen dunklen Sand unter den Nägeln. Und die Marsch hat ihn müde gemacht. Müde und schweigsam und schlecht gelaunt.« Elkes Herz klopfte. Ihre Muskeln waren jetzt weich, aber die Dunkelheit war so tief und alles dahinter so weit. Das Licht aus dem Küchenfenster brachte den Wein in ihren Gläsern zum Leuchten. »Nun, manchmal hat er auch geschrien«, sagte sie.

»Das klingt nicht glücklich.«

»Wir waren auch nicht glücklich.«

»Und trotzdem hat deine Mutter geweint.«

»Ja, idiotisch nicht? Aber irgendwann muss sie ihn ja mal geliebt haben, oder? Und sei es nur in den paar Minuten, in denen wir gezeugt wurden. Mein Bruder und ich. Vielleicht erinnert sie sich nur an diese Minuten oder Tage der Liebe. Dann ist die Krankheit ja ein Segen. Dann kann sie all die Jahre vergessen. All die Jahre, in denen er geschwiegen oder geschrien hat.«

»Warum hat er geschrien?«

»Mich hat er angeschrien.«

»Warum?«

»Unter anderem wegen dem da.« Sie deute auf ihre Zeichenmappe, aber vergaß, dass sie ihr Glas noch in der Hand hielt. Ein paar Tropfen schwappten über und fielen auf ihr nacktes Bein. Erst zuckte sie zusammen, dann genoss sie die Kälte. Mit seinem Blick folgte Friedrich der Spur des Weines auf ihrem Schenkel. Sie wischte den Wein von ihrer Haut.

Er fragte: »Wegen der Zeichnungen hat er geschrien?«

»Wegen der Zeichnungen und was sie für ihn bedeuteten.«

»Was bedeuteten sie?«

»Dass ich mich nicht zu Tode arbeiten würde wie er. Dass ich zeichnen würde und nicht schuften.«

»Du zeichnest gar keine Menschen.«

»Ich habe lange niemanden gefunden, den ich zeichnen will«, sagte sie. »Also zeichne ich lieber Ruinen.«

»Von eurem Haus?«

»Von unserem Haus?«

»Ja.« Er stellte sein Glas vorsichtig auf den Tisch. Er schlug die Mappe auf und blätterte darin, so schnell, als kennte er alles schon auswendig und müsste nur noch das richtige Blatt finden. »Das hier.«

Sie warf einen Blick darauf. »Oh, das.«

»Als ob es eine Bombe getroffen hat.«

»Ja. Ja, das ist es.«

»Und der Himmel dahinter. Gar nicht echt. Nur diese Streifen.«

»Es ist uralt.«

»Alt?«

»Nicht das. Ich habe es immer wieder gemalt, zum ersten Mal mit — vierzehn? Auch darum hat ja mein Vater so geschrien. Unser Haus, gebaut von seinem Opa, ausgebombt, ob ich mir das wünschen würde.« Sie wollte die Mappe an sich nehmen, aber Friedrich kam ihr zuvor. Er schloss sie und schob sie in ihre Richtung. Sie strich darüber, als könnte sie dem Inhalt so Frieden geben. »Vielleicht wollte ich das sogar, wollte selbst die Bombe werfen. Aber er hatte ja auch keinen Respekt vor dem Erbe meiner Oma.«

»Deine Oma. Ihr hat früher die Hälfte von dem da gehört, oder?« Friedrich deutete auf das dunkle Feld. »Mein Vater hat sogar die Grenzsteine stehen lassen.«

»Mein Vater hat das verkauft. Ohne meine Oma zu fragen. Und das nachdem sie uns hat hier wohnen lassen — uns das Haus geschenkt hat. Meine Oma hat es nicht verkraftet.«

»Mein Vater hat es mir erzählt.«

»Wirklich?«

»Ihr seid unsere Nachbarn. Und er hat ja damals geholfen...«

Elke musste sich nicht anstrengen, sich zu erinnern, und die Erinnerung machte die Wirkung des Weines zunichte. Sie begann zu frieren. Auf ihrem Arm stellten sich die Haare auf. Sie schenkte sich nach, aber nur ein paar Tropfen, dann war die Flasche leer. »Ich geh noch eine holen.« Sie sprang auf. Die Stuhlbeine kratzten über den Boden, beinahe wäre der Stuhl umgefallen. Auf dem Weg zur Küche stolperte sie und hätte die Flasche fast fallengelassen. Omas Füße, zehn Zentimeter über den Boden schwebend. An einem Fuß noch der schwarze Schuh, den sie trug, weil er ihr eigentlich ein bisschen zu groß war und sie deshalb nicht drückte, »und ich ja sowieso nicht mehr aus dem Haus komme«. Der andere Fuß ohne Schuh, nur noch mit diesem fleischfarbenen Strumpf, der am Zeh Falten warf. In der Küche griff Elke schnell zur neuen Weinflasche und dem Korkenzieher, bevor ihr auch der Rest einfiel. Das gute blaue Kleid, das Oma trug, die Hände wie Papier und das Gesicht — nicht das Gesicht.

Draußen drückte sie Friedrich Andresen Flasche und Korkenzieher in die Hand. »Bitte...«

Er hatte seine Mühe, den Korken hinauszuziehen, zu fest steckte er drin, aber er versuchte es nicht zu verbergen. Er schenkte ihr ein — und dann sich selbst. Sie tranken. Als sie wieder anfing zu sprechen, merkte sie, dass ihre Stimme fast genauso leise war wie seine:

»Das Schweigen hat mein Vater von der Oma, aber das Schreien nicht. Oma hat immer in ihrem Zimmer gesessen, dort oben.« Sie zeigte auf ein Fenster über ihnen, rechts neben dem Fenster, aus dem sie vorhin Friedrich beobachtet hatte. »Sie hat in ihrem Sessel gesessen und auf dieses Feld hinausgeschaut, das ihr mal gehört hat. Bei ihr war es immer so friedlich. Sie hat Radio gehört, etwas Klassisches, ich weiß nicht, von wem. Es klang wie Musik aus einem Film, weißt du, eine Szene, wenn jemand sein Haus für immer verlässt und man beobachtet, wie sein Rücken am Horizont immer kleiner wird. Ich habe mich auf den Boden und gesetzt und gespielt.«

»Wie alt warst du da — als es passierte?«

»Gerade sechs. Zwei Monate später bin ich eingeschult worden.«

»Hast du es gezeichnet?«

»Das hat mein Vater sofort weggeworfen.« Manchmal ertappte Elke sich noch heute dabei, dass sie die Füße zeichnete, einen mit Schuh, einen ohne. Aber mehr ließ sie nicht zu. Sie brauchte ihren Vater nicht mehr, um das Papier sofort durchzureißen und wegzuwerfen. »Mein Vater hat den Schuppen abgerissen, in dem — im dem es passiert ist. Vorher war es sein Platz gewesen, da hat er immer gebastelt. Immer hat er gebastelt und ist nie mit was fertiggeworden. Dann hat er den Schuppen abgerissen und ist danach immer im Haus rumgelungert, im Esszimmer, wenn er von der Arbeit kam, im Wohnzimmer am Abend und an den Wochenende. Das ganze Wochenende, Samstag und Sonntag. Nie ist er rausgegangen. Kein Wunder, dass meine Mutter geflüchtet ist. Dahin.« Sie zeigte auf ein paar Schemen an der Grenze zu Friedrichs Feld. Einen Baum konnte man dort erahnen, einen Liegestuhl. »Das war ihre Sonnenecke. So hat sie es genannt, auch wenn Wolken waren.«

»Und jetzt ist sie krank.«

»Ja. Und mein Vater ist schuld.«

Elke erwartete keine Zustimmung von ihm. Sie sagte: »Es ist das mindeste, dass ich mich um sie kümmere. Immer wieder habe ich ihr gesagt: ›Zieh aus, verlass ihn‹, aber in einem ist sie meinen Vater sehr ähnlich: Es zählt die Pflicht, und zu dieser Pflicht gehört auch, bei ihm zu bleiben. Und als er dann krank geworden ist, war es natürlich keine Frage mehr.« Elke wusste, dass es der Wein war, der sie so reden ließ. Soviel hatte sich angestaut. Dr. Blume würde so etwas nicht hören wollen und ihr Bruder erst recht nicht. Jetzt war sie froh, dass Friedrich so wenig sprach.

»Meine Mutter hat mich nicht verteidigt, aber beschützt. Sie hat meine Zeichnungen vor meinem Vater versteckt, und wenn ich mal wieder einfach in der Stadt geblieben bin, hat sie meinem Vater gesagt, dass ich bei einer Freundin bin. Doch wenn er erst einmal anfangen hatte zu schreien, dann hat sie sich nicht zwischen uns geworfen. Zuerst habe sie dafür gehasst, aber irgendwann habe ich es verstanden. Sie ist aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt, in der man so etwas nicht tut. Ich wollte nie so werden. Nach dem Abi bin ich sofort ausgezogen.«

»Und jetzt bist du wieder hier.«

»Ja. Vielleicht habe ich mir selbst bewiesen, dass ich anders leben kann. Mit meinen Zeichnungen habe ich Geld verdient, und wenn es nur auf der Straße war, wo ich Porträts gemalt habe.«

»Du pflegst deine Mutter jetzt.«

»Mein Bruder hätte sie auch am liebsten sofort in ein Heim gesteckt. Wir haben eine Abmachung. Solange es geht, bleibt meine Mutter hier und er bezahlt. Das kann er am besten, bezahlen.«

Sie nahm einen großen Schluck, leerte ihr Glas. Friedrich schenkte ihr nach und sich selbst auch. Trank er jetzt nicht auch schneller?

»Dr. Blume wollte von Anfang an, dass sie in ein Heim kommt. Aber nur weil jemand ständig seine Schlüssel sucht oder von mir aus auch manchmal die Bratpfanne in die Gefriertruhe tut, muss sie doch noch nicht in ein Heim. Selbst damit dass sie mich manchmal nicht erkennt, kann ich leben. Sie greift mich ja nicht an — auch das könnte passieren, sagt Dr. Blume. Und dass sie tatsächlich um meinen Vater weint? Nun, es ist ja vielleicht wirklich ein Segen. Manchmal sagt sie: ›Ich vermisse ihn so.‹ Sie erzählt mir von Spaziergängen durch den Wald, von seiner Liebe zur Natur. Das muss vor meiner Zeit gewesen sein. Für meinen Vater war die Natur der Feind. Die Marsch, die ihn müde machte. Und noch mehr sagt sie. Dass sie so friedlich beieinander sitzen konnten, einfach so, und schweigen. Dabei war doch das Schweigen das, was sie flüchten ließ. Verstehst du das?«

»Vielleicht«, sagte er.

»Ja?«

»Nicht jedes Schweigen ist gleich.«

Vielleicht wollte er sich sogar erklären, etwas ausführen, sein eigenes Schweigen gegen anderes Schweigen abgrenzen. Aber statt dessen hörte Elke die Stimme ihrer Mutter: »Jetzt bist du doch gekommen.«

Zum zweiten Mal an diesem Abend sprang Elke auf, zum zweiten Mal wäre ihr Stuhl fast umgefallen. Ihre Mutter stand in der Terrassentür. Die Falten in ihrem Gesicht waren vom Kissen zusammengeknautscht, ihre Haare fielen ihr offen, wild und weiß über die Schulter. Sie trug ihr blaues Nachthemd, das selbst in dem bisschen Licht hier schimmerte. Darunter sah man den Bauch sich wölben und die Brüste hängen, und sofort schämte sich Elke dafür. »Mama«, sagte sie.

Ihre Mutter sah sie nur irritiert an, nur kurz, und wandte sich Friedrich zu. Der war auch aufgestanden und wartete, als wüsste er genau, dass es um ihn ging.

»Warum hast du sie mitgenommen?« fragte ihre Mutter.

»Sie wollte auch wissen, wie es dir geht«, sagte Friedrich.

Elke fühlte sich wie nach einer Party, auf der sie genug getrunken hatte, um sich zu amüsieren, aber dann plötzlich nüchtern sein musste — etwa weil sie sich auf dem Weg nach Hause verlief und sich einfach nicht daran erinnern konnte, wo sie falsch abgebogen war. Sie hätte sich gerne wieder gesetzt, aber dann hätte sie ihrer Mutter den Rücken zugewandt, und den Stuhl zu drehen erschien ihr jetzt viel zu kompliziert. Sie wollte etwas sagen, wollte protestieren, wollte einfach nur, dass man sie wahrnahm, aber Friedrich warf ihr einen Blick zu, den sie ihm nicht zugetraut hatte. Ein Blick, der sagte, Halt, ich regel das, so selbstverständlich, als hätte er ihr solche Blicke schon hundertmal zugeworfen. Als wäre sein Schweigen, seine Zurückhaltung gar keine Schwäche, sondern ein Ausdruck eines Wissens, das er nicht mit Worten beweisen musste. Er stand auf und umrundete den Tisch. Er stellte sich vor Elkes Mutter hin und fasste sie an den Schultern. Elke stand daneben, nur eine Zuschauerin.

Er sagte: »Ich habe dir doch versprochen, dass ich wiederkomme.«

»Jeden Tag habe ich auf dich gewartet.«

»Ich werde kommen. Jeden Tag. Hierher.«

»Aber am Hochsitz—«

»Den Hochsitz brauchen wir doch nicht mehr.«

Elkes Mutter sah für einen Moment so verwirrt aus, so panisch, dass in Elke Wut aufstieg. Wie konnte ihr Friedrich so eine Komödie vorspielen?

Dann warf sich ihre Mutter in Friedrichs Arme. Fast hätte Elke sie von ihm weggerissen, aber da war wieder sein Blick, über den Kopf ihrer Mutter hinweg, ein Blick, der mit Elke Kontakt hielt und versuchte, sie zur Komplizin zu machen. Ihre Mutter legte ihren Kopf in den Nacken, und vielleicht hätte sie ihn sogar geküsst, wenn er er sie nicht sanft von sich weggeschoben hätte.

»Warum gehst du nicht wieder ins Bett?«

»Kannst du nicht bleiben?«

»Du weißt doch, diese Kuh und ihre Hufe. Vielleicht muss der Tierarzt nochmal kommen.«

»Es ist Nacht.«

»Wenn die Kuh mir stirbt — du weißt, was das bedeutet.«

»Wann kommst du wieder?«

»Morgen.«

»Versprichst du es mir?«

»Ja.«

»Aber bring sie nicht mit.« Elkes Mutter nickte in Elkes Richtung, ohne sie anzusehen. Dr. Blume hatte einmal gesagt: »Wenn Ihre Mutter sie nicht erkennt, versuchen Sie es nicht mit Gewalt. Wenn sie zu verwirrt ist, lassen sie ihr den Glauben.« Am liebsten hätte Elke nicht darauf gehört und ihre Mutter angeschrien: »Für wen hältst du mich?«

Friedrich sagte: »Sie hat sich doch nur Sorgen gemacht.«

»Ich will doch nur mit dir alleine sein.«

»Morgen.«

»Ja, morgen.«

»Geh jetzt ins Bett.«

»Ich kann warten. Wenn du fertig bist, kommst du wieder her.«

»Ich komme gleich morgen früh, gleich nach dem Melken. Ist es nicht besser morgen früh? Du magst es doch nie, wenn wir uns am Abend treffen.«

»Ja... ja.«

»Bist du nicht müde?«

»Ja... doch. So sehr.« In der Stimme von Elkes Mutter, in ihrer Haltung, tat sich etwas auf. Wie ein Riss, wie ein Zittern. Es konnte bedeuten, dass sie wirklich müde war, aber auch, dass etwas in ihrem Gehirn sich wieder zusammenfügte, einen Klick rückgängig machte, alles ordnete. Sie stand da wie eine Schlafwandlerin, die erkannte, dass sie nicht mehr im Bett lag und der es Angst machte, nicht zu wissen, wie sie hierhergekommen war.

»Geh wieder ins Bett«, sagte Friedrich, aber ohne viel Nachdruck, wie man es vielleicht zu einem Kind »Träum was Schönes« sagen würde, das schon längst tief und fest schlief.

Elkes Mutter drehte sich um. Elke wollte sie begleiten, sie stützen, wenn nötig, aber mit einer Handbewegung hielt Friedrich sie zurück. Ihr erster Reflex war, es zu ignorieren, sich sogar zu empören — was bildete er sich ein? — aber ihre Mutter entfernte sich, zwar langsam, aber so zielstrebig und so sicher durch das Wohnzimmer, dass Elke sie gehen ließ. Still beobachtete sie, wie ihre Mutter aus dem Wohnzimmer verschwand und lauschte ihren Schritten auf der Treppe. Ebenso still ließ Elke sich auf ihren Stuhl fallen.

Friedrich tat das gleiche. Beide tranken sie. Er brach als erstes das Schweigen:

»Zuerst war ich mir gar nicht sicher. Vor vier Jahren bin ich hierhin zurückgekommen, und das erste, was mein Vater mir erzählte, war: ›Ich habe eine Freundin.‹« Friedrich stierte in die Dunkelheit, wie jemand, der am Telefon sprach und versuchte, sich denjenigen am anderen Ende der Leitung vorzustellen. »Vielleicht hat er mir damit sagen wollen: ›Ich darf noch nicht sterben, ich bin doch verliebt.‹ Du weißt, wie er gestorben ist?«

Elke schüttelte den Kopf.

»Seine Leber. Der Alkohol. Meine Mutter hat mir immer wieder erzählt: ›Dein Vater säuft, darum habe ich ihn verlassen.‹ Aber ich kenne meine Mutter. Sie wollte in die Stadt, sie hat es auf dem Bauernhof gehasst. ›Immer nur die Kühe und die Kartoffeln‹, hat sie bestimmt zu ihm gesagt, ›ich halt es hier nicht aus‹. Da hat er angefangen zu trinken. Erst hat es die Sache mit meiner Mutter einfacher gemacht, und als sie weg war... Beim Trinken ist man weniger allein.«

Elke schwenkte ihren Wein in ihrem Glas und fragte sich, ob Friedrich sie damit warnen wollte. Aber er nahm selbst einen Schluck, als träfe der letzte Satz auf sie beide gar nicht zu.

»Ich kann mich nur vage erinnern an die Zeit, bevor meine Mutter mit mir weggegangen ist. Aber immer sehe ich meinen Vater am Küchentisch sitzen, vor sich die Flasche Cognac — immer war es Cognac, kein Korn oder gar Bier. Und immer sah er aus, als hätte er gewartet.«

Friedrich nahm seinen Stuhl und drehte ihn. Er sah Elke jetzt direkt an, und Elke wusste, sie konnte nicht so sitzenblieben wie bisher, die Zeit, dass sie beide durch die Dunkelheit auf die Lichter dahinter starrten, war vorbei. Auch sie drehte ihren Stuhl. Das Licht aus der Küche beschien jetzt Friedrichs Gesicht heller als zuvor, dieses ernste, zarte Gesicht. Aus den Augenwinkeln sah Elke ein paar Mücken, die gegen die Fensterscheibe prallten. Sie fragte sich, wie ihr eigenes Gesicht aussehen mochte nach diesem Tag und dem Wein.

»Ich sehe meinem Vater sehr ähnlich«, sagte Friedrich, »weißt du? Als er jung war.«

»Ich habe ihn nur einmal gesehen, damals, als meine Oma... Als er rübergekommen ist, um sie…«

»Jedes Jahr bin ich hergekommen, in den Sommerferien, wenn meine Mutter in den Urlaub gefahren ist. Ich habe meinem Vater geholfen.«

Elke fragte sich, ob sie sich deshalb nicht an Friedrich erinnerte. Nie hatte sie sich dafür interessiert, was auf dem Feld hinter ihrem Haus vor sich ging. Lieber hatte sie in ihrem Zimmer gesessen und zerbombte Häuser gemalt.

»Und mein Vater wurde immer glücklicher«, sagte Friedrich.

»Wegen meiner Mutter.«

»Ja.«

»Hat er sie erwähnt?«

»Er hat nur gesagt: ›Ich habe eine Freundin. Und sie ist verheiratet.‹ Für ihn war das Grund genug, mir nicht zu sagen, wer es war. Es war offensichtlich, dass er wartete.«

»Dass meine Mutter meinen Vater verlässt.«

»Das dachte ich auch.«

Friedrich musste nicht weiterreden. Ihm war vielleicht einiges klar, aber sicher nicht alles. Elke wusste, dass ihre Mutter ihren Vater nie hätte verlassen können, solange er krank gewesen war. Deren ganzes System aus Pflicht und Anstand, all das sprach dagegen. Zwei Menschen, die auf den Tod eines Dritten warteten. Die eine hier, in dem Haus, das hinter ihnen immer noch die Wärme des Tages ausstrahlte, der andere drüben, wo die Lichter schienen.

»Aber dein Vater ist früher gestorben«, sagte Elke.

»Ja. Deine Mutter war sogar auf der Beerdigung, aber das ganze Dorf war da, ich dachte mir nichts dabei.«

»Sie hätten glücklich sein können.«

»Vielleicht waren sie es.«

»Wie? Meine Mutter hat geglaubt, dass sie sich um meinen Vater kümmern müsste. Und dein Vater hat umsonst auf sie gewartet. Er hat sich nicht einmal getraut, dir von ihr zu erzählen.«

»Vielleicht hat die Heimlichkeit sie frei gemacht. Dass niemand etwas von ihnen wusste.«

»Wenn ich es mir vorstelle... Es waren sie, die sich am Hochsitz getroffen haben, oder? Nicht mein Vater und meine Mutter vor über vierzig Jahren, sondern die beiden, und es ist noch gar nicht lange her.«

»Dort waren sie sicher, dort hat sie niemand gestört.«

»Und sie hat gesagt: ›Mit ihm kann ich so friedlich zusammensitzen und schweigen.‹ War dein Vater ein schweigsamer Mann?«

»Er war ein bisschen wie ich.«

»Vielleicht war sie doch ein bisschen glücklich.«

»Mein Vater war es. Dessen bin ich mir sicher.«

»Aber getrunken hat er.«

»Ja, aber ich glaube, er hat es nicht mehr so sehr aus Verzweiflung getan wie damals, als er noch mit meiner Mutter zusammen war. Er hat es getan, weil er es genossen hat. Und ich glaube, er hat es auch zusammen mit deiner Mutter getan.«

Elke dachte an die Spaziergänge, die ihre Mutter früher gemacht hatte, an die Runde, die sie gedreht hatte, wenn ihr Vater mit seiner Zeitung versorgt war. So heiter, so gelöst kam sie von den Runden zurück, so dass Elke immer gedacht hatte, es wäre die Natur, die in ihr das ausgelöst hatte. Aber war es statt dessen wirklich nur ein paar Gläser Cognac? Nein. Es waren die Gläser Cognac und Friedrichs Vater.

Elke wollte weiterfragen. Hatte es angefangen, als Oma sich erhängte und Friedrichs Vater kam, um zu helfen; hatte ihr eigener Vater nie einen Verdacht gehegt, vielleicht den Cognac im Atem seiner Frau gerochen. Aber war das jetzt wichtig? Nein, zumindest nicht für sie, sondern einfach nur die Gewissheit, dass es etwas wie Glück für ihre Mutter wirklich geben hatte, etwas wie Liebe, bevor alles endete.

Endete? Ihre Mutter hatte gar nicht geendet, sondern lebte immer noch. In ihrem Hirn zerstörten sich die Verbindungen, aber die Erinnerung an Friedrichs Vaters blieb.

Friedrich stand auf. Er müsste jetzt etwas sagen wie »es ist schon spät« oder »eine meiner Kühe ist wirklich krank, das war nicht gelogen«, aber sie waren schon über solche Floskeln hinweg. Auch Elke stand auf. Sie waren vielleicht noch nicht soweit, sich zu umarmen, darum blieben sie jeder noch auf ihrer Seite des Tisches stehen.

»Kommst du morgen wirklich wieder?« fragte Elke.

»Denkst du nicht, sie hat morgen alles wieder vergessen?«

»Mir scheint, das Schöne vergisst sie nicht.«

Er lächelte und vielleicht errötete er sogar, sie konnte es nur nicht erkennen, jetzt, da ihn das Licht aus dem Küchenfenster nicht mehr beschien. »Ich habe sicher Zeit. Ich bin ja nicht allein auf dem Hof.«

»Nicht?« fragte Elke — etwas zu schnell und etwas zu schrill. Natürlich, die Lichter. Als er ihre Mutter hergebracht hatte, war es noch hell gewesen. Jemand musste in der Zwischenzeit das Licht im Stall und im Wohnhaus angemacht haben.

»Piotr und Zuzanna. Sie helfen mir jedes Jahr im Sommer und zur Ernte. Sie haben meinem Vater schon geholfen. Er war sogar ihr Trauzeuge. Sie wohnen bei mir.«

Ein Ehepaar. Angestellte. Elke fühlte eine Erleichterung, die sie Friedrich nicht zeigen wollte, noch nicht. Gott sei Dank stand auch sie im Schatten.

»Komm, wann immer es dir passt«, sagte sie. »Bis auf morgens, da...«

»...macht ihr die Runde.«

Sie lachten. Ein harmloses Lachen um des Lachens Willen. Elke begleitete Friedrich durchs Wohnzimmer und zur Haustür. Hier war es kälter. Hier auf der Ostseite hatte die Sonne nicht genügend Zeit, um das Mauerwerk aufzuheizen, bevor sie weiterwanderte.

Als Friedrich davonging, sah Elke ihm nach, bis er auf den Weg einbog, der zu seinem Hof führte. Sie huschte zurück ins Haus und die Treppe hinauf. Sie nahm sich noch nicht einmal die Zeit, an der Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter zu lauschen. Sie trat ans Fenster, aus dem sie Friedrich auf der Terrasse hatte sitzen sehen und ihn nicht hatte dahaben wollen. Jetzt beobachtete sie, wie sein Schatten auf die Lichter des Hofes zuschritt. Er ging langsam, aber ohne zu zögern. Ob er zu ihr herschaute, konnte sie nicht erkennen. Vielleicht sah er sie als dunklen Punkt in dem Licht des Fensters. Wenn er sie morgen darauf ansprechen würde, würde sie es zugeben: »Ja, ich wollte sehen, ob du gut nach Hause kommst.« Sie würden darüber lachen.