Jürgen Albertsen

Der Kanal

Ich wollte nicht den halben Tag verschwenden. Dies war das einzige Haus weit und breit. Zehn Kilometer lag das nächste Dorf entfernt, zwei Stunden Fußmarsch. Ich drückte den Klingelknopf, aber ich hörte nichts. Ich stand vor der Haustür aus Holz und wartete. War sie zu massiv, um einen Laut durchzulassen, oder funktionierte die Klingel nicht?

Das Haus sah so aus wie jenes, an dem ich arbeitete, drüben auf der anderen Seite des Kanals. Rote Backsteine, viele von ihnen bemoost, darüber ein dunkelgraues Schieferdach mit einer kleinen Gaube. Ohne um das Haus herumzulaufen, wusste ich, dass alle vier Seiten gleich kurz sein würden, in jeder Außenwand ein Fenster. Ein praktischer Grundriss für praktische Menschen hier draußen in der Natur.

Noch einmal drückte ich die Klingel, ließ meinen Finger sekundenlang auf den Knopf. Nichts, gar nichts. Ich hob die Faust und hämmerte gegen die Tür. Wer das nicht hörte, wollte es nicht hören. 

Jetzt endlich rührte sich etwas. Schritte, eine Stimme — entschuldigend? fluchend? — und dann die Klinke. Die Tür öffnete sich. Vor mir stand eine Frau, klein und zierlich, Ende sechzig vielleicht, schwer zu schätzen in ihrer Aura der Askese. Meine Rettung. Auf dem Schild an der Tür stand Hanna Seidel. Sie trug schwarze Jeans und einen grauen Pullover, von derselben Farbe wie ihre kurzen Haare. Das einzige Bunte an ihr waren ihre Augen — ein blaues, ein grünes. Sie sah mich an und sagte nichts.

»Tut mir Leid, ihre Klingel funktioniert nicht.«

Sie nickte. »Ich brauche sie nicht.«

»Haben Sie ein Telefon?«

»Ja.«

»Könnte ich es benutzen?«

»Haben Sie kein Handy?«

»Nein.«

»Ich dachte, jeder hat ein Handy.«

»Ich nicht. Ich will nicht erreichbar sein.«

»Ich auch nicht.«

»Aber Sie haben ein Telefon.«

»Ich weiß nicht, ob es funktioniert.«

»Bezahlen Sie die Rechnungen?«

»Ja.«

»Dann sollte es funktionieren.«

»Vielleicht.«

»Könnte ich es ausprobieren?«

»Ich dachte, sie wollen nicht erreichbar sein.«

Ich konnte mich natürlich umdrehen und sie einfach stehen lassen. Wozu sollte ich noch höflich sein? Aber dann dachte ich wieder an die zehn Kilometer — hin und zurück. Ich wollte gerade anfangen zu erklären, als sie zurücktrat und die Tür aufhielt. Sie sah so müde aus. Wahrscheinlich dachte sie sich, ich wäre es nicht wert, noch weiter zu diskutieren. Je schneller sie mich telefonieren ließ desto schneller wurde sie mich wieder los.

Sie wies in die Dunkelheit des Flurs. »Dort auf dem Tisch.«


Ich weiß, du willst mich nicht sehen. Vielleicht sollte ich dir auch nicht schreiben, aber ich denke mir, Karl ist nicht da, wenn die Post kommt, er wird diesen Brief gar nicht zu Gesicht bekommen. Und falls doch: Auf den Umschlag schreibe ich keinen Absender, er wird nicht wissen, von wem er ist. Du hingegen schon, hast ihn vielleicht schon zerrissen, bevor du ihn geöffnet hast, oder zerreißt ihn jetzt, da du die ersten Zeilen liest.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass du mich nicht vermisst. Aber für dich ist es einfacher. Du hast Karl, den du — so sagst du — nicht hasst, ich habe nur Mutter. Immerhin, sie lässt mich in Ruhe in letzter Zeit, vielleicht hat sie Recht und es wird wirklich schlimmer mit ihr, vielleicht spürt sie aber auch einfach nur, dass ich leide. So war sie schon immer — egoistisch, aber mit einem unfehlbaren Gespür für den Punkt, an dem sie aufhören muss zu fordern, kurz bevor man sie anschreien möchte: »Ich brauche auch endlich einmal Zeit für mich.«

Ich gehe jeden Tag allein zu unserer Lichtung, die nie mehr nur meine Lichtung sein kann. Ich nehme sogar die Decke mit, obwohl ich nicht vorhabe, mich auszuziehen. Ich breite sie auf den Boden aus, an der Stelle mit dem Gras, das sich gar nicht mehr aufzurichten scheint, das wir flach gelegen haben mit unseren Körpern. Ich sitze dann da, höre auf die Geräusche, die wir nicht wahrgenommen haben, wenn wir zusammen hier waren, zu sehr beschäftigt mit unserem Flüstern, unserem Atem und unserer Haut. Es sind Waldgeräusche natürlich, der Wind in den Wipfeln, die Vögel, deren Rufe meine Mutter auseinander halten kann, aber die für mich alle gleich erscheinen.

Ich habe jetzt Zeit, zum Nachdenken natürlich, aber die meiste Zeit sitze ich aber einfach nur da und betrachte den Kanal, so wie wir beide es hinterher immer getan haben, wenn wir zu erschöpft waren, um zu reden. Er ist deutlich zu erkennen, ein Glitzern und Rauschen zwischen den Zweigen. Ich frage mich manchmal, ob nicht Kanufahrer uns gesehen haben, vielleicht sogar angehalten haben, um uns zu beobachten. 

Ich müsste nur hinlaufen zum Kanal und hineinspringen, er würde mich von allein an eurem Haus vorbeitreiben. Würdest du draußen stehen und in deinem Garten arbeiten, an deinen Rhododendren, deinen Rosen? Oder sitzt du jetzt drinnen, allein, im Wohnzimmer, hast vielleicht noch nicht einmal die Kraft, morgens aufzustehen, so wie ich manchmal. Bist du unter der Woche immer noch allein? Oder hat Karl vielleicht sogar seine Arbeit gewechselt, eine gefunden im Dorf, und muss nicht mehr montags morgen um vier den Zug nehmen und kommt nicht mehr erst freitags um Mitternacht zurück? Aber hättest du es mir nicht gesagt? Hättest du es mir nicht leichter gemacht, wenn du gekonnt hättest? »Er ist jetzt die ganze Woche da, es geht nicht mehr« anstatt »Ich kann dich nicht mehr sehen«?

Ich denke an unsere Nachmittage, an deinen Körper, unsere Gespräche, an die Stunden, die immer so schnell vergingen, bis Mutter mich rief oder ich selbst aufschreckte und nach Hause eilen musste. Ich grüble über Worte nach und ihren versteckten Sinn und vor allem natürlich darüber, ob du mich nicht mehr sehen willst, weil ich nicht ja sagte, als du fragtest: »Sollen wir nicht einfach von hier verschwinden?«

Ich erinnere mich genau an jenen Nachmittag. Es hatte die Nacht zuvor geregnet, und allmählich kroch die Feuchtigkeit des Bodens durch die Decke in unsere Haut, doch anziehen wollten wir uns trotzdem nicht. Es war zwei Wochen nach unserem ersten Kuss und zwei Monate vor unserem letzten.

Ich habe dir nicht sofort geantwortet, ich habe lange überlegt. Ich wusste, dass ich es wollte, aber ich wusste auch, dass ich es nicht konnte. Ich erinnere mich, dass ich den Himmel starrte, weil ich mich nicht traute, dich anzusehen, als ich sagte: »Nicht solange Mutter noch lebt.«

Du kichertest, als wäre es doch nur ein Scherz gewesen, von dem du nicht hattest glauben können, das ich ihn wirklich ernst nahm. Du umarmtest mich schnell und begrubst mich unter Küssen. Du riebst mir die Gänsehaut davon.

Ich wünschte, ich könnte dir heute etwas anderes sagen als damals. Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, dass ich hoffe, es würde mit Mutter zu Ende gehen. Dann schäme ich mich, aber es ändert nichts. Ich kann Mutter nicht in ein Heim geben. Sie droht mir nie, aber ich weiß, sie würde einen Strick finden oder sich in den Kanal stürzen.

Ich kann von dir nicht verlangen, dass du wartest. Ich kann von dir nicht verlangen, dass du Karl verlässt. Ich kann dich nur bitten, mich wieder sehen zu wollen.


Das Telefon hatte zwar noch eine Schnur, aber schon ein Tastenfeld. In dem Flur war kein Platz für einen Stuhl, also stand ich gebückt da, als ich Mareks Nummer wählte. Hanna Seidel ging ins Wohnzimmer, ließ aber die Tür halb offen, als traute sie mir nicht ganz.

Am anderen Ende klingelte es. Ich lugte durch die Wohnzimmertür. Ich sah eine Couch, braun und weich, dahinter ein Fenster, durch das man den Rasen sehen konnte und jenseits davon den Kanal. An der Wand hingen Fotos, mit Tesafilm aufgehängt. Manche zeigten Gruppen, Erinnerungen an ein Zusammenkommen, andere zeigten Landschaften, Häuser, Bäume, hier und da ein Gesicht oder eine Figur eingefangen in Bewegung.

Mareks Mailbox sprang an. Ich fluchte. Ich wartete auf den Piepton und sagte: »Marek, ich brauche dich. Dringend. Ich bin die nächsten 15 Minuten zu erreichen unter…« Vorne am Telefon klebte ein Schild mit der Nummer. Ich las sie vor und sagte dann: »Die nächsten 15 Minuten, nicht länger.« Ich legte auf.

Ich wartete, ob Hanna Seidel vielleicht mitgehört hatte und aus dem Wohnzimmer kommen würde, aber nichts rührte sich. Ich stieß die Wohnzimmertür weiter auf und trat hinein. Sie saß an einem Tisch direkt an Fenster, eine Brille auf der Nase, vor sich ein Unzahl von Fotos, auf dem Stuhl neben ihr und in dem Regal an der Wand Kisten mit noch mehr Fotos.

Ich räusperte mich.

Hanna Seidel sah auf. »Sind Sie fertig?«

»Ich habe niemanden erreicht.«

Sie schwieg. Offensichtlich wartete sie darauf, dass ich ging und dass sie sich wieder den Fotos widmen konnte.

Ich erklärte ihr, was ich Marek gesagt hatte. »Ich kann draußen warten, und nach den fünfzehn Minuten gehe ich. Sollte er dann noch anrufen, können Sie es einfach klingeln lassen.«

Sie legte das Foto auf den Tisch und nahm die Brille ab. »Was ist denn passiert?« fragte sie.

»Die Batterie von meinem Auto ist leer.«

»Wo steht es?«

»Drüben auf der anderen Seite des Kanals.«

»Wo genau?«

»Vor dem Haus der Bergmanns. Kennen Sie es?«

»Warum haben Sie dort nicht telefoniert?« Sie blickte mich starr ein. Ein blaues  Auge, ein Grünes. Dies war ein Verhör, das über mich ergehen lassen musste, ohne zu wissen, auf was sie hinaus wollte.

»Es gibt kein Telefon mehr da«, sagte ich. »Es gibt überhaupt nichts mehr da. Ich renoviere das Haus.«

»Warum muss es renoviert werden?«

»Weil man es so, wie es ist, nicht verkaufen kann.«

»Und warum soll es verkauft werden?«

»Weil der Sohn dort nicht wohnen will.«

»Und der Vater?«

»Ist gestorben.«

»Oh«, sagte sie. Ihre Hand griff zur Tischkante, und für eine Sekunde hatte ich Angst, sie würde kollabieren. Sie schloss ihre Augen. Sollte sie als Nachbarin nicht wissen, was auf der anderen Seite des Kanals vor sich ging? Ich könnte ihr es erklären, zumindest das wenige, das ich selber wusste, doch sie fing sich wieder. Sie blinzelte und festigte ihren Blick.

»Warum rufen Sie nicht den ADAC an?« fragte sie.

In diesem Moment klingelte das Telefon, ein mechanisches lautes Schrillen. Wir zuckten beide zusammen.

»Gehen Sie ran«, sagte sie.

»Vielleicht ist es doch für Sie?«

»Sicher nicht.«

Ich ging den Flur zurück. Ich hob den Telefonhörer ab und sagte: »Ja?«

»Kauf dir endlich Handy«. Eine laute Stimme, patzig und herzlich mit polnischem Akzent. Marek. Ich war erleichtert.

»Es geht doch auch so«, sagte ich.

Marek lachte. »Was ist denn passiert?«

Ich erklärte es ihm. »Aber ich kann auch den ADAC—«

»Kommt nicht in Frage. Ich will wissen, du steckst. Monika ruft mich jeden Tag an. Agnieszka ist schon ganz eifersüchtig.«

»Vielleicht sollte ich dir gar nicht sagen, wo ich bin. Ich will nicht, dass du es Monika sagst.«

»Doch, das solltest du. Wie soll ich dir sonst helfen?«  Das war Marek: Er gab einem das Gefühl, dass er mit seiner Bärenenergie alle Probleme lösen konnte — und wenn nicht lösen, so dann zumindest für ein paar Stunden vergessen.

Ich erklärte ihm den Weg, so gut es ging.

»Das wird über eine Stunde dauern.«

»Der ADAC schafft es vielleicht schneller.«

»Ich bin schon unterwegs.«

Ich legte auf. Zum ersten Mal seit drei Wochen musste ich grinsen.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer. Hanna Seidel saß immer noch an ihrem Tisch, aber hatte die Brille nicht wieder aufgesetzt. Die Fotos lagen unbeachtet vor ihr. Sie starrte durch das Fenster auf den Rasen und den Kanal. Sie und ich, wir hatten uns beide vor der Welt zurückgezogen. Ich vor einem Monat, sie wahrscheinlich schon vor vielen Jahren.

»Was schulde ich Ihnen für den Anruf?« fragte ich.

»Nichts.«

Das höflichste, was ich jetzt tun konnte, war sie so schnell wie möglich allein zu lassen. Ich murmelte ein Dankeschön, sie nahm es nickend zur Kenntnis. Ich ging durch den Flur nach draußen und ließ die Türen hinter mir offen — als wollte ich die Welt doch noch zu Hanna Seidel gelangen lassen. Ich freute mich auf Marek.


Aber so lange du das nicht willst, muss ich mich erinnern. Jedes Wort, jedes Detail, unsere ganze Geschichte.

Eines Tages standet du und Karl vor unserer Tür und stelltet euch vor: »Wir sind die neuen Nachbarn.« Hast du schon da geahnt, dass du mich haben konntest? Die Art und Weise, wie ich dich angesehen habe, so schön in deinem Sommerkleid und soviel blühender als der steife Karl neben dir. Hattest du schon immer ein geheimes zweites Leben geführt und erst in jenem Augenblick beschlossen, dieses zweite Leben auf jemanden wie mich auszudehnen?

Waren alle anderen Besuche danach nur noch Vorwand? Erst: »Könnte ich etwas Mehl borgen? Ich backe so selten, dass mein Mehl voller Tierchen ist.« Dann: »Kannst du mir erklären, wo ich den besten Fisch herbekomme, wenn ich nicht selber fangen will?« Und schließlich: »Karl ist die ganze Woche weg. Mögen wir einander nicht Gesellschaft leisten?«

Auch ich besuchte dich. Ich half dir beim Blumenpflanzen — und betrachtete dich, wie du dich in deinem Kleidchen vor die Beete hocktest und die Haare dir in die Augen fielen. »Wenn ich schon keine Bäume haben kann, dann zumindest Rosen«, sagtest du. 

Du musstest den ersten Schritt machen, das war dir klar. Du hattest Karl, und ich wollte nichts zerstören. Ich verbot mir sogar zu träumen.

Du behauptest, ich hätte dich verführt, aber warst du nicht diejenige, die die Decke mitgebracht hat an jenem Tag im Sommer, drei Monate nachdem ihr eingezogen wart? »Ich habe zwar Rosen«, hast du gesagt, »aber ich liebe es doch so, unter Bäumen zu essen.«

»Wo ist denn dein Picknickkorb?« habe ich gefragt, aber du hast nur gelacht.

Meiner Mutter ging es damals noch so gut, dass sie manchmal das Haus verließ, also gingen wir tief in den Wald hinein, zu dieser Lichtung, auf die ich mich manchmal setzte, wenn ich Mutter entkommen wollte. Hierhin schaffte sie es nicht mehr. Wir hatten uns aus unserem Kühlschrank bedient, und du hattest immer noch lachend auf alles gezeigt, was du wolltest: »Käse! Und Wurst! Habt ihr keinen Sekt?«

Nein, hatten wir nicht, aber wie fühlten uns auch so beschwingt genug. Wir breiteten die Decke aus, wir aßen den Käse, die Wurst und tranken Milch statt Sekt.

Wie ich wissen konnte, dass ich dich küssen durfte? Du hättest die ganze Hälfte der Decke haben können, aber du lagst so dicht neben mir, dass sich erst unsere Arme berührten und dann unsere Beine. Ich dachte nicht daran, dir Platz zu machen. Du sagtest, »Du musst diesen Käse probieren«, dabei kannte ich ihn doch, er stammte aus unserem Kühlschrank, und in den Mund stecken hättest du ihn mir auch nicht müssen. Du legtest mir die Finger auf die Lippen, zuerst zufällig bei jedem neuen Stück Käse, dann ließest du sie immer länger ruhen — bis ich deine Hand nahm, dich zu mir heranzog und so mutig war, wie noch nie zuvor in meinem Leben. An diesem Tag küssten wir uns, streichelten uns, aber zogen einander nichts aus. Doch von nun an gab es für unsere Besuche keine Vorwände mehr.


»Und wo schläft du?« fragte Marek. Er stand im Wohnzimmer und begutachtete die nackten Wände, die abgeschliffenen Dielen und das Loch, das ich in die Außenwand geschlagen hatte.

»Oben, unterm Dach.«

»Gibt es da ein Bett?«

»Nur noch eine Matratze.«

»Warum wohnst du nicht im Dorf?«

»Zu weit weg. Zu teuer.«

»Sparst du?«

»Ich will in die Blue Mountains.«

»Wo ist das?«

»In Australien.«

»Klettern.«

»Ja.«

»Zelten. Wenn alle Wände bestiegen, dann weiter.«

»Ja.«

»Jetzt, da du keine Pflicht mehr hast.«

»Ich habe die Pflicht gerne gehabt.«

»Darum hast du soviel gearbeitet. Darum warst noch öfters weg als damals beim Klettern.«

»Ich muss mich nicht rechtfertigen. Sie hat mich beschissen.«

Marek nahm mich in den Arm. »Ich habe Monika geschimpft, ich habe sie so geschimpft.«

Es tat gut, Mareks Wärme zu spüren. Ich hatte in den vergangenen drei Wochen jeden Tag vierzehn Stunden gearbeitet, manchmal mehr. Hanna Seidel auf der anderen Seite des Kanals war die erste Person, mit der ich geredet hatte, seit Peter Bergmann sich von mir mit den Worten verabschiedet hatte: »Ich will das Haus hier nicht wiedererkennen.«

Marek ließ mich los. »Ich dachte bei euch beiden, das ist es.«


Monika kletterte nicht.

Ich lernte sie in einem Wirtshaus kennen. Es war ein Freitag, und Marek und ich tranken nach der Arbeit ein paar Bier. Sie saß an einem Nachbartisch, blond, schön und mit spöttischen, ein bisschen zu kleinen Augen. Bei ihr am Tisch ein halbes Duzend Frauen, die soviel dicker und lauter waren als sie. Sie sagte später: »Meine Kolleginnen hatten Mitleid mit mir und fragten, ob ich nicht mitkommen wollte. Ich dachte, es wäre besser, mit ihnen auszugehen, als gar nicht auszugehen. Jetzt habe ich mehr Mitleid mit ihnen als sie mit mir.«

Ich bildete mir ein, dass sie zu mir herübersah, ich bildete mir ein, dass sie mir zulächelte. Vielleicht suchte sie nur einen Verbündeten gegen den Humor der Frau, die ihr gegenüber saß, der Dicksten und Lautesten von allen, die brüllte: »Was macht eine Frau morgens mit ihrem Arsch? Schmiert Ihm zwei Brote und schickt ihn zur Arbeit.«

Monika trank Weißweinschorle. Sie kippte den letzten Schluck hinunter und stand auf. Sie ging an unserem Tisch vorüber, zwinkerte mir so deutlich zu, dass es keinen Zweifel mehr gab, und ging weiter in Richtung Toilette.

»Jetzt sei nicht so feige«, sagte Marek.

Er hatte Recht. Ich bestellte eine Weißweinschorle. Als Monika von der Toilette zurückkam, hob ich das Glas und sagte zu ihr: »Willst du wirklich zu deinem Tisch zurück?« Sie lachte, warf einen kurzen Blick auf ihre Kolleginnen, die sie noch nicht wieder bemerkt hatten, und rutschte zu mir auf die Bank. Marek blinzelte mir zu. Die Lauteste der Kolleginnen rief: »Hey, Monika! Hast du ein paar Ärsche gefunden?« 

Monika prostete ihr zu.

An diesem Abend verliebten wir uns nicht in einander, an diesem Abend genoss ich ihre Aufmerksamkeit und sie meine. Marek trank sein Bier aus, murmelte etwas von seinem Sohn, den er am nächsten Tag so früh zum Fußball fahren musste, und verschwand. Ich plante nichts, ich wollte nur eine Ablenkung von der Einsamkeit, ich wollte mich über etwas Anderes unterhalten als über Kletterrouten und Klemmkeile. Wir erklärten einander unsere Leben. 

Ich: Gelernter Tischler, Kletterer, besser als viele, aber bei Weitem nicht so gut, dass ich davon leben konnte. Ich stand gerne früh auf, um das Tageslicht auszunutzen, entweder, um in den Fels zu gehen oder um an einem alten Haus zu arbeiten. Ich würde immer lieber eines renovieren, als ein Neues zu bauen.

Sie: Hatte Design studiert, die meiste Zeit ihres Studiums als Kellnerin gearbeitet und die Zeit nach ihren Schichten erst mit den Kollegen hinter der Theke und danach in Clubs verbracht. »Irgendwann wachte ich jeden morgen auf und war immer noch betrunken, oft genug in einem fremden Bett. Ich dachte: Es reicht.« Sie schmiss das Studium, kündigte als Kellnerin und fing in einer Softwarefirma an. »Ich empfange Leute und muss sie trösten, weil mein Chef immer zu spät kommt. Ich schreibe Mails an alle, wenn sie einmal wieder die Milch abends nichts in den Kühlschrank zurücktun. Manchmal ist es wie beim Kellnern. Die Männer starren mir auf die Brüste, aber wenigstens sind sie nüchtern und betatschen mich nicht.«

»Und deine Kolleginnen da drüben?«

»Treffen sich einmal im Monat zum Frauenstammtisch und benehmen sich so, wie sie glauben, dass Männer sich benehmen, wenn sie allein sind.«

Ich bestellte noch ein Bier, sie ging über zum puren Wein. Wir flirteten. Sie befühlte meinen Bizeps unter meinem Hemd, ich ihren, der nackt war. Sie trug ein ärmelloses Top und enge Jeans. Sie sagte: »Du siehst, Milchkartons schleppen ist genauso gutes Training wie Wände hochklettern.« 

»Oder Wände einreißen.«

Wir rückten immer enger zusammen. Nach und nach leerte sich das Lokal — ihre Kolleginnen waren gegangen, ohne sich zu verabschieden — aber wir gingen erst, als sie an den Nebentischen die Stühle hochstellten.

Ich brachte sie nach Hause. Vor der Haustür küssten wir uns, aber sie bat mich nicht zu sich hinein. Sie sagte: »Meine Nichte passt auf meine Tochter auf, und dafür zeige ich ihr morgen die Stadt.« Sie beobachtete meine Reaktion, und als sie sah, dass ich verstand, sagte sie: »Einer dieser Typen, neben denen ich aufgewacht bin, hat kein Kondom benutzt.«

»Das war mein schönster Abend seit langem«, sagte ich.

Sie öffnete den Mund, als wollte sie noch etwas Spöttisches sagen, aber dann lächelte sie. »Meiner auch.«

»Ich gebe dir meine Telefonnummer«, sagte ich.

»Ich gebe dir lieber meine«, antwortete sie. »So mache ich keine Dummheiten.«

Ich rief sie am nächsten Abend an.

»Sollte der Mann nicht drei Tage warten?« fragte sie.

»Ich will ja nicht, dass du Dummheiten machst.«

»Ich hätte gar nicht gewusst, wo ich dich finden sollte.«

»Werde ich dich heute sehen?«

»Ich habe den Abend meiner Nichte versprochen.«

»Die Nacht auch?«

»Gib mir deine Telefonnummer.«

Das tat ich.

»Hast du kein Handy?«, fragte sie.

»Ich denke immer, ich brauche keines.«

»Vielleicht schon. Ich weiß nicht, wann ich meine Nichte davon überzeugen kann, dass sie müde ist und ins Bett muss.«

»Ich werde den ganzen Abend zu Hause sein.«

Sie kam um ein Uhr morgens. Sie hatte eine Flasche Wein dabei. »Ich will nicht sofort mit dir ins Bett«, sagte sie. »Ich will erst herausfinden, ob ich mich nicht nur deshalb mit dir treffe, weil ich noch niemand in der Stadt hier kenne.«

Ich bat sie herein.

Sie sagte: »Für jemand, der gern alte Häuser renoviert, lebst du in einer ziemlich neuen Wohnung.«

»Ein Haus wäre zu groß für mich allein.« Sie sah mich an, als hätte ich ihr ein Angebot gemacht, und ich fügte schnell hinzu: »Außerdem bin ich diese meiste Zeit unterwegs. Im Fels oder auf Baustellen.«

Eine Stunde saßen wir auf dem Sofa, tranken Wein und redeten. Vielleicht wollte sie wirklich wissen, ob ich nicht war wie dieser Typ, der das Kondom vergessen hatte. Vielleicht brauchten wir auch nur einfach ein paar Gläser Wein, um nicht mehr so nervös zu sein. Sie war anders als die Mädchen an den Lagerfeuern der Klettercamps. Statt fahriger Koketterie lag immer wieder dieser Spott in ihrem Lächeln, und in jedem ihrer Sätze schwang die Tiefe von noch viel mehr Erlebtem mit.

Nach dem Sex blieb sie neben mir liegen und flüsterte immer wieder: »Ich darf nicht einschlafen.« Ich wollte nicht reden. Ich wollte, dass dies eine Nacht war, nach der wir nebeneinander aufwachen konnten und uns erst dann fragen mussten, was wir mit dem Tag anfangen würden.

Es war schon nach vier, als ich ihr ein Taxi rief.

An der Tür fragte ich: »Sehen wir uns wieder?«

»Ich habe deine Nummer gelöscht.«

»Warum das?«

»Ich habe eine Tochter. Ich will kein zweites Leben haben, das nichts mit ihr zu tun hat. Du musst entscheiden.«

»Habe ich schon.«

»Das kannst du noch gar nicht.« Sie griff mir an den Schwanz. »Du bist doch noch ganz warm von mir.«

»Ich rufe dich an.«

»Wir werden sehen.«


Marek sagte: »Ich dachte, du wirst endlich stabil.« Wir standen immer noch im kahlen Wohnzimmer mit dem Loch in der Wand.

»Stabil?«

»Ich dachte, du hast endlich Frau und Familie.«

»Du meinst ›sesshaft‹.«

»Ja, das.« Marek wohnte seit fünfzehn Jahren in Deutschland, aber machte immer noch diese Fehler. Wir hatten uns auf einer Baustelle kennengelernt, auf der ich geschuftet hatte, um mir eine Reise in die Dolomiten zu finanzieren. Er war einer der wenigen, die ihre Pausen nicht nur mit ihren Landsleuten verbrachten: »Erzählen immer nur von zu Hause«, hatte er einmal gesagt. »So, so sentimental.«

»Du mochtest doch meine Geschichten«, sagte ich. »Von den Touren. Von den Felsen, den Wäldern, den Lagerfeuern. Von den Mädchen.«

»Geschichten sind Geschichten.«

»Willst du nicht auch manchmal woanders hinreisen als nur zu deinen Eltern nach Danzig?«

»Natürlich«, sagte er. »Aber Familie ist wichtiger.«

»Monika und Kathi sind nicht meine Familie.«

»Sie sind wie Familie.«

»Nicht nach dem, was Monika getan hat.«

Marek wollte noch etwas sagen, aber ich schüttelte den Kopf und stapfte an ihm vorbei nach draußen. Ich zündete mir eine Zigarette an. Ich bereute fast, dass ich ihn angerufen hatte. Ich wollte allein sein, ich wollte alles vergessen. Ich hatte keinen Fehler gemacht.

Ich hörte Marek hinter mir aus dem Haustür treten. Er legte seine Hand auf meine Schulter und fragte:

»Wollen wir Auto starten?«

Zehn Minuten später lief der Motor von meinem VW Bus, und Marek packte sein Überbrückungskabel wieder ein.

»Was ist los mit Batterie?« fragt er.

»Das Innenlicht angelassen«, sagte ich.

»Und das macht Batterie leer?«

»Wenn sie zehn Jahre alt ist schon.«

»Du kannst dich so gut um Häuser kümmern. Warum nicht auch um Autos?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich gab ihm eine Zigarette ab, und für ein paar Momente standen wir schweigend da und rauchten. Er sah sich um, betrachtete das Grundstück mit den Büschen und dem Kiesweg und das Haus, das dem der Hanna Seidel so ähnlich sah.

Er fragte: »Was sind das für Sachen?«

Er zeigte auf einen großen Haufen neben der Haustür, abgedeckt mit einer Plastikplane.

»Die Möbel.«

Marek ging hin zu der Plane und schlug sie zurück. Zum Vorschein kamen zwei graue Sessel, einer abgewetzt, der andere wie neu, ein zerlegtes Bett aus stumpfer Kiefer, ein ebenso zerlegter Kleiderschrank aus glänzendem undefinierbaren Furnier — und dann noch ein Kommode: Ein massives Stück aus dunkler Eiche mit verzierten Schubladen und geschwungenen Beinen. Marek erkannte sofort, dass sie soviel wertvoller war als der Rest. Fast einen ganzen Morgen hatte es mich gekostet, sie die Treppe hinunterzuwuchten, eine Stufe nach der anderen. Ich hatte es noch nicht übers Herz gebracht, sie in ihre Einzelteile zu zerlegen. Marek strich über ihr glattes Holz.

»Wird alles weggeschmissen«, sagte ich.

»Warum?«

Ich erklärte es ihm. Der Vater tot, der Sohn wollte verkaufen und hatte gesagt: »Ich will das alles nicht mehr sehen.«

»Wieso nicht?«

»Schlechte Kindheit gehabt?«

Marek öffnete eine der Schubladen der Kommode, lugte hinein, schob sie vorsichtig wieder zu. »So ein schönes Stück«, sagte er.

»Nimm sie mit.«

Er schüttelte den Kopf. »Du weißt doch, Agnieszka. Sie mag es modern.« Er sagte es mit einem Lächeln, als wäre ihr Geschmack schon längst zu seinem Geschmack geworden. »Willst du sie nicht?« fragte er.

Jetzt schüttelte ich den Kopf.

»Sie ist so schön«, sagte er. »Sie ist alt. Verkauf sie doch oder—«

»Oder?«

»Das Haus wäre doch perfekt.« Ich wusste, dass er noch hinzufügen wollte, »Für euch zwei«, aber war schlau genug, es zu lassen.

Ich wollte an meiner Zigarette ziehen, aber sie war ausgegangen. Ich warf sie weg und zündete mir eine neue an. Marek kam auf mich zu, doch ich wich ihm aus und ging an ihm vorbei zu dem Möbelhaufen. Ich zog die Plane wieder drüber.

Ohne mich umzudrehen, sagte ich: »Danke nochmal.«


Immer nahmst du eine Decke mit, obwohl wir doch selbst soviele hatten. Ich fragte mich manchmal, ob du sie auch mit Karl benutztest, wenn ihr Ausflüge machtet am Wochenende. Und wenn ich mich besonders quälen wollte, stellte ich mir vor, dass ihr euch dann küsstet, wie wir uns küssten, dass er dich anfasste, wie ich dich anfasste.

Meine Mutter schöpfte keinen Verdacht. Was wir taten, lag so jenseits ihrer Vorstellungskraft, dass sie nur eines zu beklagen hatte, wenn wir in den Wald verschwanden: »Immer habt ihr jungen Leute euch so viel zu erzählen, dass ihr eine alte Frau wie mich ganz vergesst.« Manchmal hatten wir Glück und sie schlief, wenn du kamst, aber oft genug sagte sie zu uns: »Setzt euch doch auf die Terrasse. Ich mache euch Tee.«

Ich konnte es ihr nicht ausreden. Sie wollte den Anschein waren, dass sie den Haushalt noch meisterte. Ich musste ihr natürlich helfen, musste das Tablett selbst hinaus tragen. Sie fragte dich nach eurem Haus, nach deinem Mann und ob dann bald Kinder zu erwarten wären. Unter dem Tisch griff ich nach deiner Hand, deinem Knie.

Auf der Lichtung wagten wir jeden Tag mehr. Unsere Hände, unsere Finger waren schließlich überall. Irgendwann sagte ich: »Ich will nicht, dass wir jeden Tag soviel Zeit mit meiner Mutter verschwenden. Komm nicht erst zu mir nach Haus. Treffen wir uns direkt hier auf der Lichtung.«

Ich fieberte den ganzen Tag unseren Stunden entgegen. Jeden Morgen suchte ich den Himmel nach Wolken ab, denn wie sollten wir uns bei Regen treffen? Meine Mutter bemerkte, wie nervös ich war. Schließlich sagte sie: »Hast du dich mit deiner Bekannten von drüben zerstritten? Ich habe sie schon seit einer Woche nichts mehr gesehen.«

Heute stelle ich mir die Frage: Warum trafen wir uns nicht bei dir im Haus? Welchen Verdacht sollte Karl schon schöpfen? Selbst wenn ihm jemanden erzählt hätte, dass ich bei dir jeden Tag ein und aus ging — was sollte er anderes denken, als dass ich dir Gesellschaft leiste? Er wäre vielleicht sogar froh gewesen, dich nicht immer so allein zu wissen

Selbst wenn es nieselte, machte ich mich auf den Weg zur Lichtung, auch wenn Mutter sagte: »Kind, du holst dir den Tod.« Oft genug kamst auch du, und selbst wenn es zu kalt war, als dass wir uns ausziehen konnten, war ich so froh dich zu sehen — dich einfach nur festzuhalten, mit dir durch den Wald zu spazieren und immer wieder dein nasses Gesicht zu küssen.

Die Wochenenden verbrachtest du mit Karl. Sie waren eine Qual. Ich schlug die Zeit tot, streifte allein durch den Wald. Ich log meine Mutter an, dass ich dich besuchen ging, damit sie aufhörte, nach dir zu fragen. Manchmal nahm ich sogar das Fahrrad und fuhr ins Dorf. Ich musste an euer Haus vorbei. Ich versuchte, nicht hinzusehen, aber es gelang mir nicht. Nie erkannte ich etwas, aber immer ahnte ich etwas. Ich sagte dir nie, wie eifersüchtig ich war. Ich war mir sicher, dass ich kein Recht hatte auf diese Liebe — auch dann noch, als du diese eine Frage stelltest, die wohl alles veränderte: »Sollen wir nicht einfach von hier verschwinden?«


Wenn es dämmerte, machte ich Feierabend. Ich wärmte mir auf einem kleinen Gaskocher eine Dose Ravioli auf, machte mir ein Bier auf, steckte mir eine Zigarette an und beobachtete, wie die Sonne über dem Wald auf der anderen Seite des Kanals unterging.

Manchmal dachte ich an Hanna Seidel. Was tat sie mit ihren Tagen außer ihre Fotos zu sortieren? Wie alt waren sie? Ich versuchte mich zu erinnern: Waren die Farben auf den Fotos satt und natürlich gewesen oder blass und gelblich wie vor dreißig Jahren? Ich glaubte nicht, dass Hanna Seidel erst mit der Rente mit dem Fotografieren angefangen hatte. Vielmehr schien sie ihre Zeit jetzt damit zu verbringen, ihr Lebenswerk zu ordnen. Hatte sie sonst nichts? Keine Familie? Oder nur eine, die sie nie besuchte?

Und was verband sie mit Peter Bergmanns Vater? Sie war überrascht gewesen, entsetzt gar, zu hören, dass er gestorben war. Hatte es sie einfach nur an ihre eigene Sterblichkeit erinnert? Oder an etwas zwischen ihr und ihm, das sie vergessen wollte? Warum hatte sie von seinem Tod nichts gewusst? Weil sie mit der Welt keinen Kontakt mehr wollte oder nur mit dem alten Bergmann nicht?

An manchen Abenden sah ich sie, drüben am anderen Ufer, dort, wo ihr Rasen auf den Kanal traf. Sie stand dort, kaum zu erkennen, in der Sonne, die so tief hing, dass sie mich blendete. Vielleicht sah sie herüber, vielleicht genoss sie aber auch nur das Rauschen des Wassers, ein Ritual vor dem Schlafengehen. Ich nahm mir vor, auch tagsüber nach ihr Ausschau zu halten, aber immer wieder vergaß ich es — zu vertieft in meiner Arbeit, zu besessen, endlich fertig zu werden, das Geld zu kassieren und alles hinter mir zu lassen: dieses Haus, dieses Land und die Erinnerung an Monika.


Es begann als Scherz: »Wir wohnen doch sowieso schon zusammen.«

Ich schlief die meiste Zeit bei Monika. Ihre Wohnung war größer als meine, hatte ein eigenes Zimmer für Kathi und war Bühne der morgendlichen Choreographie zwischen Schlafzimmer, Bad und Küche. Erst war ich nur der Zuschauer, aber übernahm bald schon die zweite Hauptrolle. Ich machte das Frühstück und packte Kathi die Pausenbox: ein Apfel, zwei Brote und manchmal ein Schokoriegel, ohne dass ich wusste, ob Monika das erlaubte.

Sie sagte: »Behandele sie, wie du einen Erwachsenen behandelst. Wenn sie etwas tut, das dich stört, sag es ihr. Warte nicht darauf, dass ich sie lobe, warte nicht darauf dass ich mit ihr schimpfe — tu es selbst, wenn du denkst, dass es nötig ist. Sei gerecht. Sie wird dich lieben.« Ich schraubte Kathi eine Kletterroute an die Zimmerwand, die sie erst kritisch beäugte und von der wir sie später manchmal runterzerren mussten, um sie ins Bett zu bringen.

»Irgendwann kann sie mal mit mir in den Fels gehen«, sagte ich.

»Irgendwann«, sagte Monika.

Wir träumten. Von einem Haus mit einem Atelier und einem Kletterzimmer unter dem Dach. Mit einem Garten, in dem Petersilie und Rosmarin wuchs, und in dem es einen Baum gab, auf dem ich Kathi eine Hütte bauen konnte. Ich träumte den Traum lauter und öfter als Monika. Ich sagte: »Es darf nicht neu sein. Es muss Spuren von Leben geben, die wir uns zu eigen machen können.«

Ich kündigte meine eigene Wohnung. Ich erzählte Monika nichts davon, aber ich wollte das Geld sparen. Ich mietete einen Lagerraum für die wenigen Möbel, die ich nicht bei IKEA gekauft hatte und die wenige Kleidung, die nicht sowieso schon bei Monika im Schrank lag. Den Rest warf ich weg.

Ich begann, mehr zu arbeiten. Seit ich Monika kannte, hatte ich nur Jobs in der Stadt angenommen, hatte abgelehnt, wenn die Baustelle zu weit draußen lag. Es hatte Tage, manchmal Wochen gegeben, in denen ich nicht gearbeitet hatte. Es war mir egal gewesen. Das Geld hatte gereicht, ich hatte Monika nicht auf der Tasche liegen müssen — und sie freute sich, wenn ich Zeit hatte, Kathi von der Schule abzuholen und zu kochen.

Ich lernte den Chef einer Firma kennen: »Beckenbauer, wie die Lichtgestalt«. Er mochte mich zwar aus den falschen Gründen — »endlich einmal ein Deutscher, der sich nicht zu schade ist, richtig zu arbeiten« —, aber verschaffte mir einen Auftrag nach den nächsten.

Manchmal lagen die Baustellen soweit außerhalb, dass es sich nicht lohnte, abends zurück in die Stadt zu fahren. Beckenbauer zahlte für die Unterkünfte: Schäbige Zimmer in Landgasthöfen, in denen man das Bratfett aus der Küche roch, mit einer Dusche für ein ganzes Stockwerk. Sogar im Auto übernachtete ich ein paar Mal, zu müde von einem ganzen Tag auf dem Gerüst, fast so, als wäre ich im Fels gewesen.

Monika fragte mich: »Wird nur noch auf den Dörfern gebaut?«

»Beckenbauers Firma ist zu klein, um wählerisch zu sein.«

»Gibt es keine anderen Firmen in der Stadt?«

»Keine, die mir soviel zutrauen.«

Manchmal fuhr ich über Land und suchte nach einem Haus, das unseres werden könnte. Ich fand einige: An Dorfrändern, an kleinen, fast unzugänglichen Weihern oder den gewundenen Straßen zwischen zwei Orten. Manche von ihnen verlassene Resthöfe, manche von ihnen auch kleine nüchterne Einfamilienhäuser, ähnlich wie das Bergmann-Haus am Kanal. Ich würde nicht viel Geld brauchen, die größte Investition würde meine Arbeit sein. Ich würde nur ein Jahr brauchen, vielleicht zwei.

Es dauerte trotzdem zu lang.


Eines nachts schreckte ich auf. Ich saß im Campingstuhl auf der Terrasse hinter dem Haus. Ich fror, mein T-Shirt war klamm. Ich musste eingeschlafen sein, erschöpft von der Arbeit, benommen vom Bier. Eine winzige Wolke zog vorbei und verdeckte den Mond für ein paar Sekunden, dann war es so hell wie zuvor.

Ich hörte ein Poltern. Hölzern — als fielen Bretter aufeinander. Zuerst wusste ich nicht, woher es kam, dann fiel mir ein: Der Möbelhaufen vor dem Haus. Eine streunende Katze vielleicht, auf der Suche nach etwas Essbarem, oder ein Marder. Ich stand auf, meine Gelenke knackten. Ich wollte nachsehen. Nicht dass das Vieh noch ins Haus kam und alles vollschiss. Ich schlich zum Haus und dann durch das Loch in der Wohnzimmerwand hinein. Ich war vorsichtig. Ich kannte Geschichten von Kletterern, die sich zum Pinkeln in die Büsche geschlagen hatten, und von einem Wildschwein überrannt worden waren.

Ich schlich weiter, bis in die Küche. Ich lugte durchs Fenster. Ich erwartete nicht wirklich, etwas erkennen zu können, vielleicht einen Schatten unter der Plastikplane, aber dann sah ich: die Plane lag gar nicht mehr auf dem Haufen, sondern in einem unförmigen Haufen daneben. Und statt eines Tiers sah ich ganz deutlich und direkt vor mir: Hanna Seidel — in Schwarz und Grau wie vor ein paar Tagen, nur trug sie jetzt einen Mantel. Ich schreckte zurück, ein Reflex, aber sie konnte mich natürlich gar nicht sehen. Zu dunkel war es hier drinnen im Haus, zu tief beugte sie sich über die Kommode, die Marek so gut gefallen hatte.

Eine der Schubläden stand offen. Ich konnte nicht ganz erkennen, was sie da machte, aber anscheinend tastete sie mit ihrer Hand darin herum. Immer tiefer und tiefer senkte sie ihren Kopf und spähte hinein. Wollte sie die Kommode für ihr Haus haben? Wollte sie sehen, ob ihre Strümpfe hineinpassten? Aber wie wollte sie sie mitschleppen? Ich könnte einfach aus dem Haus treten und sagen, »Ich schenke Sie Ihnen«, aber natürlich tat ich es nicht. Wozu sollte ich sie bloßstellen? 

Sie schob die Schublade zu und zog die nächste auf. Wieder tastete sie darin herum, spähte hinein, und dann verstand ich: Sie begutachtete die Kommode nicht, sie suchte etwas in ihr.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mir konnte es egal sein, ob sie in der Kommode herumschnüffelte. Sie würde sowieso nichts finden, ich hatte alles ausgeräumt: Das alte Porzellan mit den herausgebrochenen Ecken, die Häkeltischdecken und die Pornoheftchen, die der alte Bergmann darunter versteckt und wahrscheinlich irgendwann vergessen hatte.

Ich wollte sie zwar gewähren, aber nicht aus den Augen lassen. Neben dem Möbelhaufen lagen meine Baumaterialien: Steine, Mörtel, Holz. Sobald sie sich daran vergriff, würde ich nach draußen stürmen.

Sie schloss die letzte Schublade. Sie ging noch einmal um die Kommode herum, beugte sich zur Rückwand hinunter, tastete auch sie ab. Wenn sie Werkzeug gehabt hätte, hätte sie wohl versucht, sie rauszureißen. Sie richtete sich wieder auf. Ihr Blick fiel auf den Haufen mit Baumaterialien. Sie könnte einen Stein nehmen und versuchen, die Rückwand damit einzuschlagen, aber würde sie den Lärm riskieren?

Sie stand da, mit dem Rücken zu mir. Sie sah gebeugter aus so, älter. Sie tat mir Leid. Ich wusste nicht, was sie suchte, aber es war ihr wichtig genug, sich mitten in der Nacht hierherzuschleichen und zu riskieren, dass ich sie entdeckte. Sie konnte nicht wissen, ob ich nicht die Polizei rufen würde, wenn ich sie bemerkte — ob ich sie vielleicht nicht sogar mit einer Eisenstange verjagen würde.

Sie gab auf. Sie wand sich aus dem Möbelhaufen heraus und begutachtete ihn noch einmal. Vielleicht wollte sie sehen, ob sie nicht einen Winkel der Kommode übersehen hatte, vielleicht überlegte sie auch einfach nur, ob sie die Plane wieder über den Haufen ziehen sollte. Sie tat es nicht. Sie drehte sich einfach um und ging den Pfad zur Straße zurück. Ich sah ihr nach, bis sie sich hinter den Büschen verlor. 

Ich war müde. Ich fror mehr und mehr. Ich sollte nicht hier stehen und auf einen Haufen alter Möbel aufpassen. Ich sollte schlafen, morgen so früh wie möglich aufstehen, um hier endlich, endlich fertig zu werden. Was ging mich eine alte verrückte Frau an, die alte Fotos hortete und in Sperrmüll herumschnüffelte.

Die Plane lag immer noch zusammengeknüllt neben dem Möbelhaufen. Ich würde sie einfach liegenlassen. Heute Nacht würde es nicht regnen, und selbst wenn? Die Möbel landeten sowieso in der Müllpresse, ob feucht oder nicht.

Ich fühlte mich so einsam wie schon lange nicht mehr.


Ich wusste nicht, wie lange meiner Mutter noch blieb. Ich glaube auch nicht, dass ich mich anders entschieden hätte, wäre sie schon in den Dämmerzustand verfallen, den die Ärzte prophezeien. Ja, sie wird dann nicht mehr wissen, wer ich bin, aber auch wenn die Pfleger in einem Heim dafür ausgebildet sind, können sie ihr dieselbe Liebe entgegenbringen wie ich? Und dieselbe Dankbarkeit?

Nein, ich brachte es nicht fertig, sie zu verlassen. 

Mein Vater war damals mit dieser Volontärin durchgebrannt, der einzigen, die er als Chefredakteur dieses rückständigen Dorfblatts beeindrucken konnte. Meiner Mutter hatte er immer wieder vorgeworfen, »Du interessierst dich doch nur nur für deine Büsche, den Kanal und den Ruf deiner dämlichen Vögel.« Von einem Tag auf den anderen verschwand er und hinterließ nur einen Zettel auf dem Küchentisch, auf dem stand: Es gibt hier keine Zukunft mehr für mich. Mit dir nicht, in diesem Kaff nicht, schon gar nicht in diesem Haus, das für mich immer Gefängnis war.

Mich erwähnte er mit keinen Wort. Für mich war das Haus kein Gefängnis, für mich war es die Welt. Ich hatte Angst, dass meine Mutter in die Stadt ziehen wollte. Dort hätten wir es soviel einfacher gehabt, in einer praktischen Wohnung, alles in Fußweite. Aber sie wollte hier bleiben, in unserer Oase, so wie ich. Tagsüber arbeitete sie in dem zugigen Laden des Niebauers und abends kochte sie mir Essen, obwohl sie kaum Hunger hatte nach der Schufterei mit den Gemüsekisten und den ungeduldigen Kunden. Sie korrigierte meine Hausaufgaben und hörte mir zu, egal, wie müde sie war. 

Sie war immer für mich da, und jetzt bin ich an der Reihe. Jetzt koche ich für sie, jetzt mache ich hier sauber — sogar ihren Job bei Niebauers habe ich übernommen.

Wie hätte ich dasselbe tun können, was mein Vater getan hatte? Ich könnte sie niemals verlassen.

Ich habe nein gesagt, und das ist der Grund, warum du mich nicht mehr sehen willst, nicht wahr? Du hast dich damit abgefunden, dass du kein anderes Leben führen kannst, und bleibst jetzt lieber bei Karl. Warum, wenn du ihn nicht liebst?

Du hast mir erzählt: »Manchmal sitze ich neben Karl, sage etwas, und er tätschelt mich wie einen Hund, und antwortet: ›Richtig, mein Mädchen.‹« Ich habe dich nie getätschelt, ich habe dich wirklich angefasst, ich habe dich ergriffen, ich habe dich genossen, wie du auch mich genossen hast. Ich habe nie gedacht, dass ich mehr weiß als du, im Gegenteil. Ich konnte von dir lernen: die Leidenschaft, die Abenteuerlust, die Phantasie. Ich könnte dich wirklich lieben.

Nein, ich kann mit dir nicht verschwinden — aber wer sagt, dass ein Leben zusammen nur in der Ferne möglich ist? Warum nicht hier? Bei mir und meiner Mutter. Ich weiß, es ist nicht, was du dir erträumst. Du willst, dass wir reisen, dass wir zusammen die Welt bestaunen und manchmal auch einfach nur faul an uns vorüberziehen lassen, zufrieden in unserem Glück. Und ich will es ja auch, aber ich habe eine Pflicht, von der mich noch nicht einmal das Vergessen meiner Mutter mich erlösen kann.

Es wäre ein Skandal, natürlich. Meine Mutter wäre schockiert, aber sie würde es mir nicht abschlagen können, denn sie bringt mir jetzt dieselbe Dankbarkeit entgegen, die ich ihr mein ganzes Leben entgegengebracht habe. Man sagt, dass ihre Krankheit den wahren Charakter hervorbringt, und da ist nichts Gemeines, das emporkommt, sondern nur mehr und mehr die Lust, das Leben einfach fließen und andere Menschen sie selbst sein zu lassen.

Karl würde Schwierigkeiten machen vielleicht. Er würde an unserer Tür hämmern, vielleicht schreien und verlangen, dass du diesen Unsinn beendest und zu ihm zurückkehrst. Oder ist er ein Feigling? Ich könnte es mir vorstellen. Er ist jemand, der dich »Mädchen« nennt. Vielleicht würde er einfach nur leise von hier verschwinden, erniedrigt von der Schmach, dass du dich für mich entschieden hast und dass er dich nicht glücklich machen konnte.

Und die Leute im Dorf? Sie würden sich das Maul zerreißen, natürlich. Aber auch sie müssen verstehen, dass neue Zeiten angebrochen sind. Es ist nicht gegen das Gesetz, nicht zwischen uns beiden. Ich würde vielleicht meine Stelle verlieren, aber der Niebauer hat sowieso keine Chance mehr, nicht gegen den Spar, der jetzt aufgemacht hat, direkt gegenüber. Ich würde etwas Neues finden, wenn nötig in der Stadt, heutzutage kann man pendeln, und vielleicht wäre es sowieso besser, dort zu arbeiten, wo mich niemand kennt.

Es würde nicht einfach werden, sicher nicht, aber wir wären zusammen. Und so wenig ich auch Mutters Tod herbeiwünsche, irgendwann wird er kommen, und wenn er kommt, wird er eine Erlösung sein. Du und ich wären frei dann, in ein paar Jahren, und bis dahin würden wir unser erstes Glück genießen, hier in unserer Oase und uns auf das noch größere Glück in der großen Welt freuen.

Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als diesen Brief zu schreiben. Ich will dir nicht auflauern, und schon gar nicht will ich vor eurer Tür stehen und eine Szene machen. Ich will, dass du weißt, was in mir vorgeht. Ich will, dass du weißt, dass wir eine Zukunft haben könnten.


Zwei Tage nachdem Hanna Seidel die Kommode durchsucht hatte, tauchte Monika auf. Erst hörte ich ihr Auto auf der Straße, dann sah ich es den Kiesweg heraufkommen. Was konnte ich anderes tun, als ihr entgegen zu gehen? Ich wollte sie nicht in das Haus lassen, auch wenn es mir nicht gehörte. Sie stellte ihr Auto neben meinem VW-Bus ab. Sie stieg aus. Sie sah sich um, wie sie sich damals vor unserer ersten Nacht in meiner Wohnung umgesehen hatte, und vielleicht dachte sie: So sieht es also aus, wenn er renoviert.

»Du versteckst dich gut«, sagte sie.

»Wie hast du mich gefunden?«

»Marek ist loyal, aber anders, als du denkst. Er ist der Meinung, dass du nicht weißt, was du tust.«

Sie war viel zu hübsch natürlich mit ihren offenen Haaren und diesen Augen, die jetzt weder lachten noch spotteten, aber deren Blick ich trotzdem mied. Hatte ich wirklich geglaubt, dass ich sie niemals wiedersehen würde?

»Ich bin ja bald weg«, sagte ich. »Da muss er nicht mehr loyal sein.«

»Du rennst davon.«

»Ich will mein altes Leben zurück.«

»War dein neues so schlimm?«

»Du hast es zerstört.«

»Ich wollte dir alles erklären.«

»Es gibt ja nichts zu erklären.«

»Du hast ja kein Handy. Wie sollte ich dich da erreichen?«

»Ich will nicht erreicht werden. Du siehst ja, was dabei rauskommt.« Ich deutete auf sie, auf das Haus hinter mir, aber was verstand sie schon? Sie musste doch wissen, dass Liebe nicht stirbt, nur weil sie betrogen wird. Warum war sie hier? Warum war sie nur so schön?

»Ich will, dass du zurück kommst«, sagte sie.

Ich lachte. Wie sie sich herausgeputzt hatte. Sie trug nicht nur hochhackige Schuhe, sondern auch ein Kleidchen. Wie bei unserem ersten Date nach unserem ersten Sex.

»Ich muss jetzt weiterarbeiten«, sagte ich. »Je schneller ich fertig bis desto—«

»Ich weiß ja, dass ich einen Fehler gemacht habe.«

»Weißt du das.«

»Du warst nie bei mir. Manchmal bist du die Nacht weggeblieben und hast doch noch nicht einmal abgemeldet.«

»Ich war auf den Baustellen.«

»Auch wenn du kein Handy hast: Was ist mit deinen Kollegen? Und so ein Gasthof hat doch auch ein Telefon, oder? Konntest du dich nicht melden?«

»Ich muss dir nichts erklären.«

»Woher sollte ich denn wissen, dass du nicht eine von deinen Mädchen aus den Klettercamps wiedergetroffen hast? Wolltest mal wieder Spaß haben, ohne dass ein Kind morgens um sieben zu dir und deiner Frau ins Bett kriecht.«

»Ist es jetzt etwa meine Schuld?«

»Ich konnte doch auch nichts dafür, dass der Kunde so spät ein Meeting wollte. Rico hat mich gefragt: ›Kannst du bleiben? Wer sonst soll es organisieren?‹ Es waren eben die heiße Phase bei uns. Bis zuletzt hab ich noch gehofft, dass du nach Hause kommst. Hast dich wieder einmal nicht abgemeldet. In letzter Sekunde musste einen Babysitter organisieren. Weißt du, wie demütigend das ist, wenn dir dabei der Chef im Nacken sitzt?«

»Und darum bist du gleich mit ihm ins Bett gestiegen.«

»Rico wollte danach mit uns anstoßen, wollte feiern. Gut war es gelaufen, das Meeting, der Kunde zufrieden, und ich habe gedacht: Scheiß drauf. Mein Freund ist Gott weiß wo, vielleicht vögelt er so eine Klettermaus, und die Babysitterin muss so oder so bezahlt werden. Ich hab noch ein zweites Glas Champagner getrunken, und ein drittes. Rico hat mich nach Hause gebracht, er war dankbar. Und als ich dann die Tür zur Wohnung aufgemacht habe und dieses Gör auf dem Sofa gesessen hat, noch nichtmal von ihrem Handy aufgesehen und nur genuschelt hat, ›Ich will 12 statt 10 Euro‹, da hab ich halt zu Rico gesagt, ›Willst du noch was trinken?‹«

Wie wir uns gegenüberstanden: Hier draußen auf dieser Baustelle, umweht von Morgenluft, die den Saum ihres Kleides streichelte und meine nackten Arme eisig werden ließ. Ein Showdown, eine Seifenoper.

»Ich brauche meine Sachen wieder«, sagte ich. »Die Kletterausrüstung, das Zelt, meine Klamotten. Ich schicke Marek vorbei. Er ist doch so loyal.«

»Ich will nicht umsonst hierher gekommen sein.«

»Du hättest gar nicht herkommen sollen.«

»Hast du noch nie einen Fehler gemacht?«

»Keinen, der soviel zerstört hat.«

»Es war nur dieses einzige Mal.«

»Du meinst, wenn ich nicht doch noch in der Nacht gekommen wäre, wenn ich euch nicht erwischt hätte, wäre noch alles so wie vorher? Wie ist das so, mit ihm zu arbeiten jetzt, diesem Rico, jeden Tag? Deinem Chef. Betatscht er dich? Ganz nackt lag er da, neben dir, in unserem Bett, die Beine breit. Seine Hand auf deinem Schenkel. Was, wenn Kathi euch so gesehen hätte?«

»Sie fragt nach dir.«

»Was?«

»Kathi fragt nach dir.«

»Warum sagst du das jetzt?«

»Sie fragt: ›Kommt er zurück?‹«

»Lüg sie bitte nicht an.«

»Ich habe ihr gesagt, wir haben uns gestritten.«

»Oder — doch. Lüg sie an. Sag ihr, ich habe dich im Stich gelassen.«

»Du solltest dich von ihr verabschieden.«

»Je eher sie mich vergisst desto besser.« Ich wusste nicht mehr, wie lange ich noch so weiterreden konnte. Ich fühlte mich erschöpfter als nach zehn Stunden Arbeit. Ich sagte: »Ich gehe jetzt zurück ins Haus und arbeite weiter. Komm mir nicht nach. Ich schicke Marek vorbei.«

»Was willst du, dass ich tue?«

»Ich will, dass ich dich niemals kennengelernt habe.« Ich drehte mich um und ging ins Haus. Ohne nachzudenken lief ich die Treppe hoch, als versuchte ich, soweit wie möglich von ihr wegzukommen. Ich wusste nicht, was ich tun würde, wenn sie mir doch hinterher kam. Ich war nicht in der Lage, sie anzuschreien, und ich war erst Recht nicht in der Lage, sie anders von mir zu stoßen als mit Worten. Als ich oben angekommen war, blieb ich in der Mitte des Raumes stehen und rührte mich nicht. Ich starrte auf die Matratze, auf der ich heute morgen gelegen und geträumt hatte. Das zerknüllte Laken, der Abdruck meines Kopfes auf dem Kissen.

Ich hörte Schritte draußen. Zuerst wurden sie lauter, aber dann stoppten sie. Sie musste jetzt vor der Tür stehen, fast wie Vampir, den man nicht hineingebeten hatte, wie in diesen albernen Filmen. Eine Minute, zwei Minuten hörte ich nur den Wind und mein eigenes Herz, das raste. Dann wieder Schritte, doch diesmal entfernten sie sich. Eine Autotür. Eine Zündung, ein Motor, eine Beschleunigung. Ich hatte die Luft angehalten und atmete aus. Ich keuchte. Ich wartete, bis auch die letzte Ahnung vom Motorengeräusch verklungen war. Ich brauchte jetzt die schwerste Arbeit, die ich finden konnte.

Ich ging die Treppe hinunter. Was konnte ich zerstören? Mehr Löcher brauchten die Wände nicht, sämtliche Fliesen hatte ich schon weggehämmert und alle Fensterrahmen herausgerissen. Ich hätte eigentlich mauern müssen, aber das war mir jetzt zu konstruktiv.

Doch stand draußen nicht noch die Kommode? Musste sie nicht noch zerkleinert werden, um in meinen Bus zu passen. Mir war egal, wie schön Marek sie fand und dass Hanna Seidel sie mitten in der Nacht hierhergelockt hatte. Schade dass ich keine Axt hatte, aber der Vorschlaghammer, der an der Wand lehnte, würde es auch tun. 

Ich trat nach draußen. Ich lauschte noch ein paar Sekunden auf ein Motorengeräusch, aber es war so still — noch nicht einmal den Wind in den Blättern hörte man. Ich schlug die Plane zurück. Ja, schön war sie wirklich, die Kommode, und hätte ich dieses Haus nicht für Peter Bergmann gerichtet, sondern für—

Ich ließ den Hammer hinabsausen. Das Holz splitterte, aber unter Protest. Die Kommode war so stabil, wie sie aussah. Die Deckplatte knickte nur leicht ein. Wieder und wieder hämmerte ich auf sie ein, bis sie schließlich krachend nachgab. Ich schwitzte. Vielleicht schrie ich sogar.

Jetzt war die Rückwand dran. Ich drehte mich ein bisschen damit ich einen besseren Winkel hatte. Seitlich ließ ich den Hammer auf das Holz krachen. Die Rückwand gab so leicht nach, dass ich fast das Gleichgewicht verlor. Ich trat einen Schritt zurück und wollte gerade wieder ausholen, doch dann hielt ich inne.

Etwas flatterte mir entgegen. Zuerst hielt ich es für ein viel zu großes, viel zu helles Blatt von einem der Büsche, aber dann erkannte ich, was es wirklich war. Ein Blatt, ja, aber eines aus Papier. Es wehte gegen die Rückenlehne eines der Sessel und blieb auf der Sitzfläche liegen. Zuerst wollte ich einfach weitermachen — was sollte es schon sein außer Müll? —, aber dann fiel mir ein: Hanna Seidel nachts, die die Kommode durchsuchte. Ich stellte den Hammer ab, ging zu dem Sessel und nahm das Blatt.

Es war beschrieben, mit einer Handschrift, so präzise, so klar, dass ich keine Probleme hatte sie zu entziffern. Der erste Satz lautete: Ich weiß, du willst mich nicht sehen. Danach ging es in engen Zeilen weiter bis zum Ende der Seite und auch auf der nächsten Seite. Ich sah zur Kommode. Ich konnte von hier aus nichts erkennen, aber als ich näher trat und mich hinhockte, sah ich durch das Loch, das ich geschlagen hatte, noch mehr Blätter, flatternd in dem Luftzug, der hindurchstrich. Vorsichtig, eines nach dem anderen zog ich die Blätter hinaus. Ich setzte mich einfach auf den Boden. Ich wollte jetzt nicht mehr zerstören, ich wollte lesen.

 


Hanna Seidel öffnete fast sofort. Sie trug wieder nur Schwarz und Grau und sah noch müder aus als beim letzten Mal. Sie wusste, dass ich nicht gekommen war, um ihr Telefon zu benutzen. In der Hand hielt ich die Briefe, die Seiten so gut geordnet, wie ich es gekonnte hatte.

Sie sagte: »Es tut mir so Leid.«

»Ich habe Sie beobachtet in jener Nacht.«

Sie nickte. Es war sicher keine Überraschung für sie. 

»Kommen Sie doch rein«, sagte sie.

Ich wollte erst nicht. Ich wollte ihre die Briefe übergeben und dann zurück zu der halbzertrümmerten Kommode, endlich den ganzen Müll wegschaffen. Aber sie sah mich mit einer solchen Wärme an, mit ihrem blauen Auge, mit ihrem grünen Auge, mit einem solchen Bedürfnis, endlich einmal jemanden willkommen zu heißen, dass ich nicht nein sagen konnte.

Ich folgte ihr ins Innere.

An der Wand in ihrem Wohnzimmer hingen immer noch Fotos, aber andere diesmal. Keine Menschen waren auf ihnen zu sehen, sondern Sträucher, Bäume, der Himmel über ihren Wipfeln, Fahrräder, die an Zäunen lehnten. Der Kanal. Häuser auch — ich glaubte, eines oder zwei aus dem Dorf erkennen —, aber weder ihres noch das der Bergmanns.

»Ich mache uns Kaffee«, sagte sie.

Während sie in der Küche verschwand, blickte ich aus dem Fenster. Dort hatte Hanna Seidel mit der jungen Bergmann gesessen, die Mutter bei ihnen, hatten unter dem Tisch nach einander gegriffen, sich danach gesehnt, endlich miteinander allein sein zu können. Ich fragte mich, in welche Richtung die Lichtung lag. Von hier aus erschien alles nur ein undurchdringliches Grün, perfekt, um Liebende zu verschlucken.

Als Hanna Seidel zurückkam, fragte ich: »Wie hieß sie?«

Hanna Seidel stellte das Tablett auf den Sofatisch. Sie setzte sich, als kostete sie die Erinnerung zu viel Kraft, als dass sie dabei stehen könnte.

»Juliane.«

Es war ein Name, den man schön flüstern konnte. Ich stellte sie mir als eine Frau vor, die auch jetzt noch zierlich gewesen wäre, ganz ohne Askese, ganz anders als Hanna Seidel, bunter und verspielter und mit Haaren, die immer ein bisschen in Unordnung waren.

Weil es keinen Sessel gab, setzte ich mich neben die Seidel. Sie schenkte mir ein

»Sie haben richtig gefragt«, sagte sie.

»Was gefragt?«

»›Wie hieß sie‹? Nicht: ›Wie heißt sie?‹«

Wie tranken den Kaffee. Er war zu dünn. Askese oder Geiz?

»Ich habe gar nicht darüber nachgedacht.«

»Sie ist tot.« Sie zögerte, als müsste ich darauf etwas erwidern. Als ich es nicht tat, fügte sie hinzu: »Sie ist ertrunken.«

»Im Kanal?«

Sie nickte.

»Wie ist es passiert?«

»Wir hatten uns gestritten. Hier im Garten standen wir, dort, wo sie gerade hinausgeschaut haben. Ich kann mich nicht gut streiten. Ich bin nicht gut mit Worten. Sonst wenn ich mit ihr zusammen war, musste ich nichts erklären, nicht beeindrucken. Ich wusste immer, was ich sagen sollte. Bis zu dem Streit. Ich rannte einfach weg.«

»Wohin?«

Sie blickte mich nicht an. Sie starrte nur auf ihre Tasse mit dünnem Kaffee, ohne Milch, ohne Zucker. »Ich wollte einfach nur weg. Ich wollte nicht hören, was sie mir sagte. Ich rannte los, in die erstbeste Richtung. Ich rannte zum Kanal. Sie kam hinter mir her. Sie griff nach mir. Ich weiß nicht, ob sie dachte, dass ich mich ins Wasser stürzen würde, oder ob sie einfach nur wollte, dass ich wieder stehenblieb und wir miteinander reden konnten. Ich rutschte aus. Das Gras kann so glitschig sein. Ich fiel ins Wasser. Waren Sie schon einmal im Kanal?«

»Nein.«

»Dann säßen sie wahrscheinlich auch jetzt nicht hier. Das Wasser ist eiskalt, und es ist schnell. Es sind schon viele in ihm ertrunken. Man hat einfach keine Chance, das Ufer zu erreichen, die Strömung zieht einem immer wieder in die Mitte. Man kann nur versuchen, sich über Wasser zu halten und selbst dann: Irgendwann spült einen der Kanal in den Fluss. Der ist fast genauso schnell, aber noch viel breiter… Ich wurde sofort mitgerissen. Ich bin keine gute Schwimmerin, aber wahrscheinlich hätte es mir auch nichts geholfen. Ich war hilflos. Mein Kleid sog sich sofort voller Wasser, wickelte sich um meine Beine. Ich verlor völlig die Orientierung. Alles war grün: Das Wasser, die Bäume über mir. Es war nur ein Zufall, dass ich überlebte. Ich prallte gegen etwas und hatte den Reflex, mich festzuklammern. Ich schnappte nach Luft. Erst allmählich erkannte ich, woran ich mich festhielt. Es war ein Holzpfahl. Ein paar hundert Meter weiter kanalabwärts gibt es einen kleinen Kanuverein. Der Pfahl gehörte zu deren Steg. Die Strömung hatte Gnade walten lassen. Irgendwie schaffte ich es, mich auf den Steg hinaufzuwuchten. Ich war zu Tode erschöpft. Ich lag einfach nur da, schnappte nach Luft und sog die Sonnenstrahlen ein. Niemand kam und fragte mich, ob ich Hilfe brauchte. Wie lange ich so dalag, weiß ich nicht. Eine halbe Stunde wahrscheinlich, aber damals kam es mir nur vor wie fünf Minuten. Ich denke natürlich: Hätte ich es verhindern können, wenn ich früher aufgestanden wäre? Wenn ich mich umgesehen hätte?«

»Was verhindern?«

Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte keine Fragen, sie wollte nur ihre Geschichte erzählen, vielleicht das erste Mal in ihrem Leben. »Irgendwann rappelte ich mich dann endlich wieder auf. Es war eigentlich nicht schwer, zum Haus zurückzufinden, ich musste ja nur kanalaufwärts gehen. Aber sie wissen ja vielleicht: Es gibt keinen Weg, der direkt am Kanal entlang führt. Ich musste mich also also irgendwie durchschlagen. Ich ging den Weg, der zur Straße führt, und bog dann irgendwann  in einen Pfad ungefähr in die richtige Richtung ab. Wahrscheinlich wäre ich schneller gewesen, wenn ich einfach bis zur Straße gegangen wäre, dort hätte ich mich auf jeden Fall wieder ausgekannt. So habe ich wieder Zeit verloren. Und ich hatte doch keine Zeit. — Die letzten paar hundert Meter kämpfte ich mich quer durch die Büsche. Ich hatte den Pfad längst verloren. Endlich sah ich das Haus. Ich hatte schon Angst gehabt, mich komplett verirrt zu haben. Wo war Juliane? Ich konnte sie nicht sehen, aber ich dachte: Die Äste und Blätter versperrten mir einfach nur die Sicht. Ich kämpfte mich weiter und endlich stolperte ich aus dem Wald heraus. Ich rannte sofort zum Ufer. Keine Juliane. Ich war vollkommen erschöpft. Ich weinte. Ich dachte, sie wäre einfach verschwunden, hätte mich im Stich gelassen. Ich rannte zurück zum Haus. Vielleicht war sie da, am Telefon. Hatte die Feuerwehr gerufen. Aber ich fand nur meine Mutter am Küchentisch sitzen. Sie hatte geschlafen, als Juliane und ich uns gestritten haben, und saß da und trank ihren Tee wie jeden Nachmittag. ›Wo ist Juliane?‹ fragte ich. — ›War sie hier?‹, fragte sie. ›Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen… Habt ihr euch gestritten.‹ — Ich antwortete nicht und stürmte wieder hinaus. Ich durchsuchte noch einmal den ganzen Garten, ich rief nach Juliane. Ich ging sogar auf unsere Lichtung. Nichts. Ich weiß nicht, warum ich so panisch war. Vielleicht ahnte ich etwas. Hätte ich wirklich geglaubt, dass sie Hilfe gerufen hätte, hätte ich einfach gewartet, bis die Feuerwehr auftauchte. Ich ging ins Haus zurück. Ich wusste, dass es ein Fehler war, aber ich rief bei den Bergmanns an. Ich hoffte so sehr, dass sie an Telefon ging, aber statt dessen meldete sich Karl.«

»Ihr Mann.«

»Ja. Unwirsch, pampig, genauso, wie ich ihn mir vorstellte. Ich fragte ihn, ob er wüsste wo Juliane ist. Er sagte: ›Das wüsste ich auch gern. Der Kleine plärrt schon seit Stunden.‹ Ich legte einfach wieder auf.«

Hanna Seidel lehnte sich zurück. Sie schloss die Augen. Sie hatte schnell und hektisch geredet und wahrscheinlich viel mehr als an irgend einem Tag in den letzten Jahren. Es war egal, ob ich ihr zuhörte oder irgend jemand Anderes.

Mit immer noch geschlossenen Augen fuhr sie fort. Sie sprach langsamer jetzt, bedächtiger: 

»Ich hatte ja geglaubt, dass sie gar nicht mehr mit Karl schlief. Sie hatte doch mit mir davonlaufen wollen.« Sie öffnete die Augen und sah mich an. »Aber das wissen Sie ja.«

»Warum wollten Sie die Briefe unbedingt zurück?«

»Sie sind die einzige Erinnerung an sie. Ich habe noch nicht einmal ein Foto von ihr.« Ich sah sie wohl überrascht an, denn sie fügte hinzu: »Das Fotografieren fing ich erst später an. Zuerst als eine Art Zeitvertreib, als meine Mutter schon nicht mehr aus dem Haus konnte und ich es satt hatte, einfach nur allein durch die Natur zu streifen. Später machte ich es sogar zum Beruf.« Sie zeigte auf die Wand, an der die Fotos hingen und auf Kartons, die neben dem Tisch stapelten, auf dem die Mappe lag.

»Ich hatte mich nie als Geliebte gesehen«, sagte sie, »sondern als ihre wahre Liebe. War sie nur deshalb schwanger geworden, weil ich nicht mit ihr davonlaufen konnte? Hatte sie es geplant? Es gab die Pille ja schon, aber ich hatte sie nie gefragt, ob sie sie nahm. Wozu auch? Aber vielleicht hatte sie sie abgesetzt, als ihr klar wurde, dass ich mich um meine Mutter kümmern musste. Ich hatte ja auch gar nichts von dem Kind gewusst. Erst an jenem Tag sagte sie mir es.«

»Haben Sie sich deshalb gestritten?«

»Darüber auch. Sie war gekommen, um mir zu sagen, dass ich aufhören sollte, ihr Briefe zu schreiben.«

»Aber sie hat sie aufbewahrt.«

»Ja. Sie sagte: ›Sie sind sicher in meiner Kommode. Wenn ich es ertragen kann, werde ich sie herausholen und lesen, aber jetzt braucht mich mein Sohn.‹«

»Haben Sie ihn jemals kennengelernt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Natürlich sind wir uns zufällig begegnet. Ich muss dort ja vorbei, wenn ich ins Dorf will. Manchmal wollte ich wissen, wie viel von Juliane in ihm steckte, aber es hat mir zu sehr wehgetan, ihn länger als nur ein paar Sekunden anzusehen. Auch seinem Vater lief ich von Zeit zu Zeit über den Weg, aber vor ihm hatte ich Angst.«

»Weil er von der Affäre wusste?«

»Weil er überzeugt war, dass ich Juliane auf dem Gewissen hatte.«

»Was war passiert?«

»Ich rief die Polizei. Ich erzählte ihr natürlich nichts von dem Streit, sondern nur, dass ich ausgerutscht und in den Kanal gefallen war. Dass ich Angst hatte, dass sie versucht hätte, mich zu retten und dabei ertrunken wäre. Dass ich sie nirgends finden könnte. Jeder wusste, wie tückisch der Kanal sein konnte. Sie ließen seine Ufer absuchen, und die des Flusses. Drei Stunden dauerte es. Immer wieder rief Karl an und brüllte mich an: ›Sie soll endlich nach Hause kommen, verdammt!‹.« Hanna Seidel stockte. Sie holte Luft. »Sie fanden Juliane, drei Kilometer weit flussabwärts. Sie war auf eine der Kiesinseln angestrandet. Dort, wo der Fluss endlich breiter wird und nicht mehr so schnell ist. Sie war tot.«

Ich weiß nicht mehr, was wir danach noch redeten. Ich stellte sicher noch ein paar Fragen über Juliane, über Karl und über sie selbst. Aber die Geschichte war erzählt, es gab nur noch Details hinzuzufügen, die nichts mehr änderten. Mit jeder Frage wurden Hanna Seidels Antwort einsilbiger. Sie sah müder aus als je zuvor. Sie wollte, dass ich ging.

Ich sagte etwas davon, dass meine Arbeit wartete. Ich versuchte gar nicht erst, sie zu trösten. Wie sollte es mir auch gelingen nach all den Jahren? Als sie mich verabschiedete, gab sie mir die Hand, eine letzte, erschöpfte Form von Herzlichkeit. Langsam ging ich nach Hause und überlegte, was schlimmer war: Eine Liebe zu verlieren, weil sie betrogen wurde oder eine Liebe zu verlieren, weil die Welt gegen sie war.


Am Montag ging mein Flug, in sechs Tagen. Ich war fertig mit dem Haus. Die Möbel hatte ich zum Sperrmüll gebracht, die Räume gefegt, mein Werkzeug im VW Bus verstaut. Nur meine Matratze lag noch in dem Zimmer unter dem Dach. Am Samstag würde Peter Bergmann kommen. »Ich will die Übergabe nicht abends machen«, hatte er gesagt. »Ich brauche dafür Tageslicht. Ich kann keinen Urlaub nehmen. Vor dem Wochenende wird das nichts.«

Ich schlug die Zeit tot. Ich fuhr in die Stadt, um mir Bücher zu laufen, Reiseführer über Australien, ein paar billige Krimis. Jeden Morgen ging ich laufen. Ich müsste das Klettern trainieren, eine halbe Stunde südlich gab es ein paar Felsen, aber meine Ausrüstung war immer noch bei Marek, der zwar protestiert, aber sie trotzdem abgeholt hatte, und ohne sie war ich nicht verrückt genug, es zu versuchen. Stattdessen saß ich auf der Terrasse, las und ging ab und zu zum Kanal, um meine Füße hineinzuhalten. Manchmal sah ich Hanna Seidel am Ufer stehen, grau und schwarz, dort, wo ihr Grundstück auf das Wasser traf. Ich war versucht zu winken, aber sie stand dort so still, dass ich nicht glaubte, dass sie mich überhaupt sehen würde.

Ich würde Samstag- und Sonntagnacht bei Marek und Agnieszka übernachten, aber als ich Marek aus einer Telefonzelle angerufen hatte, hatte er gesagt: »Davor wir feiern Männerabschied«. 

Als er kam, brachte er einen Grill mit, Brot, eine Kühlbox mit Fleisch und Bier, einen Schlafsack und eine Isomatte. Keinen Salat oder irgend welche anderen Beilagen. Wir heizten den Grill ein und setzten uns auf die Terrasse. Wie tranken, rauchten und redeten kaum. Als die Kohle glühte, legten wir das Fleisch auf den Rost. Wenn es fertig war, beschmierten wir es mit Ketchup, legten es zwischen zwei Brothälften und bissen hinein. Das Bier dazu schmeckte viel besser als zu meinen Dosenravioli.

Die Sonne ging unter, die Kälte kroch zu uns, aber die Glut im Grill hielt sie auf Distanz. Wir waren satt, und zwischen uns gab es nichts als die Selbstzufriedenheit der Freundschaft.

Als ich schon nicht mehr damit rechnete, sagte Marek: »Ich habe mit Monika geredet.«

Ich stöhnte auf.

»Du hast mich hingeschickt. 

»Um meine Sachen zu holen. Nicht um mit ihr zu reden.«

»Ich habe deine Sachen. Sie sind im Auto.«

»Gut.«

»Sie sagt, ich habt wohl nicht so gut gepasst zusammen.«

»Sieht ganz so aus.«

»Du mit deinem Klettern. Du willst frei sein. Und sie hat Kind.«

»Ich habe mich immer gekümmert.«

»Sie sagt, vielleicht ist Pflicht nichts für dich.«

»Marek, nicht schon wieder«

»Lange dauert es nicht mehr.«

»Was nicht?«

»Bis sie hat einen Neuen.«

»Natürlich nicht.«

»Ist dir egal?«

»Sie ist hübsch, sie ist klug, sie ist lustig. Wie sollte sie nicht bald einen Neuen haben?«

»Das sage ich ja.«

»Ist es der Rico?«

»Das war nur Affäre.«

»Also kein Neuer?«

»Noch nicht. Aber es kann nicht mehr—«

»Schon gut. Hast du keinen Wodka dabei?«

Marek behauptete immer, die Polen würden längst nicht soviel Wodka trinken, wie wir Deutschen dachten, aber egal ob auf der Baustelle oder zu Hause, immer zauberte er dann doch eine Flasche hervor. Diesmal grub er sie aus der Kühltasche aus. Wir hatten keine Gläser, also tranken wir direkt aus der Flasche. Marek erzählte mir, dass er mit seinen Kleinen einen Segelkurs machen wollte, wenn er das nächste Mal in Danzig war. Dass Angieszka Kleider nähte, sie über das Internet verkaufte und in manchen Monat fast soviel Geld verdiente wir er.

»Vielleicht bleibe ich zu Haus und passe auf Kinder auf!« Ich wusste, dass er nicht scherzte.

Ich erzählte von den Blue Mountains, von der Reise, die 48 Stunden dauern würde, weil ich es mir anders nicht leisten konnte. Als er fragte, »Kommst du zurück?«, sagte ich: »Ich weiß es nicht.«


Ich stand am Ufer des Kanals. Meine nackten Füße waren feucht vom Tau auf dem Gras. Ich starrte in das Wasser. Es floss silbern und schnell und kalt dahin und reflektierte das erste Licht des Tages.

»Man hat einfach keine Chance, das Ufer zu erreichen«, hatte die Seidel gesagt, »die Strömung zieht einem immer wieder in die Mitte. Man kann nur versuchen, sich über Wasser zu halten und selbst dann: Irgendwann spült einen der Kanal in den Fluss, der ist fast genauso schnell, aber noch viel breiter…«

Ich sah mich zur Terrasse um. Marek schlief noch in seinem Camping-Stuhl. Hinter dem Haus kroch die Sonne empor. Ich würde Marek vermissen. Als er weggedämmert war, hatte ich neben ihm gewacht, war trotz des Wodkas nur eingenickt und immer wieder aufgeschreckt, die ganze Nacht — bis sich irgendwann die Schatten zurückzogen hatten und die Farben zurückgekehrt waren. Die Grillglut war längst kalt.

Ich könnte Marek wecken. Ich könnte mit ihm ins Haus gehen, noch ein paar Stunden schlafen, bevor wir zusammenpacken, sauber machen mussten und Peter Bergmann kam. Ich wollte ihm keinen Anlass geben, mir einen Cent weniger zu geben, als vereinbart. Er sollte nicht die geringste Spuren von Leben in diesem Haus mehr finden können.

Ich blickte flußaufwärts. Ein letzter Gedanke an Hanna Seidel. Die Schuld hatte sie an ihr Haus, hatte sie an diesen Kanal gefesselt. Ich war froh, soviel freier sein zu können als sie. In ein paar Monaten, würde ich Monika vergessen haben.

Plötzlich sah ich drüben eine Bewegung. Eine Gestalt trat aus dem Grün der Bäume heraus ans Ufer. Ich konnte sie nicht richtig erkennen, aber wer sollte es schon sein? Sie trug weiß, etwas Weites, Wallendes, ein Nachthemd wahrscheinlich. Ich hatte sie so früh noch nie gesehen, aber um diese Zeit hatte ich mir die letzten Wochen immer meinen Kaffee gekocht, hatte versucht, meine Träume von der Vergangenheit abzuschütteln und die Aufgaben für den Tag durchzugehen. Vielleicht war es für sie ein ähnliches Ritual wie abends: Trat ans Ufer, sog die Frische und die Feuchtigkeit ein, barfuß wie auch ich jetzt.

Sie beugte sich übers Wasser, wollte sich vielleicht paar Tropfen Wasser ins Gesicht spritzen, eine morgentliche Taufe. Aber sie streckte die Hände nicht aus, sondern kippte immer weiter — bis ich erschrak und wusste: Sie würde fallen. Sie platschte ins Wasser und ging sofort unter. Bis jetzt war ich eingelullt gewesen von dem Morgenzwielicht, von der durchwachten Nacht — doch dieses Platschen riss mich ins Hier und Jetzt.

Später fragte ich mich, ob sie sie mich vielleicht gesehen hatte und deshalb sprang. Ein Schrei der Verzweiflung, wie man sagt, kein wirklicher Wunsch zu sterben. Aber musste sie nicht besser wissen als andere, wie sehr sie mich dadurch in Gefahr bringen würde?

Warum sprang ich? Ich war in guter Form, durchs Klettern, durch die Arbeit am Haus, ich lief 15km in einer Stunde, aber außer dass ich mich manchmal nach dem Klettern in einem Bergsee abkühlte, schwamm ich nie. Wieso dachte ich, dass mir die Strömung nichts anhaben konnte?  Dachte ich überhaupt etwas?

Ich hätte Marek rufen sollen, aber es war zu spät. Ein Stück ihres Nachthemds tauchte wieder auf, nur noch 10, 20 Meter entfernt. Ich riss mir nur schnell die Hose herunter, um das T-Shirt auszuziehen, blieb mir keine Zeit. Ich hechtete kopfüber in den Kanal. Die Kälte schlug mir die Luft aus der Lunge und trieb die Biere und den Wodka vom Abend durchs Blut. Ich kam an die Oberfläche, ich japste. Ich blickte mich um. Wo war sie? Um mich herum nur reißendes Wasser. Und das Haus? Ich war schon längst daran vorbeigetrieben, links und rechts nur noch Wald. Ich tauchte, suchte das Wasser vor und hinter mir ab. Hier unten war es viel trüber als von oben, nicht silbern, sondern grün und braun. Ich versuchte wieder aufzutauchen, aber irgend etwas zog mich immer wieder nach unten. Ich strampelte mit Armen und Beinen. Panik stieg in mir auf. Es war, als lauerte auf dem Grund des Kanals ein Vakuum, das mich verschlucken wollte.

Irgendwie schaffte ich es dann doch, den Kopf über Wasser zu bekommen. Gierig sog ich Luft ein. Meine Augen waren verschleiert vom Wasser. Ich konnte überall sein. Noch im Kanal, im Fluss. Nur nach und nach erkannte ich wieder die Blätter der Bäume. Von Hanna Seidel keine Spur. Die Strömung zieht einen immer wieder in die Mitte. Ich wollte mich treiben lassen, Kräfte sparen, aber das Vakuum unter mir ließ nicht nach. Ich versuchte, mich zum Ufer vorzukämpfen, schaffte auch ein paar Meter, aber je weiter ich kam desto mehr wurde ich wieder zurückgeworfen. Das Wasser schwappte gegen mein Kinn. Ich warf den Kopf in den Nacken. Es durfte mir nicht in den Mund kommen — ich wusste, dann war ich verloren.

Am Ufer tauchte ein Steg auf. Das musste der Kanuverein sein, von dem Hanna Seidel erzählt hatte. Ich versuchte zu erkennen, ob sie sich an einem der Pfeiler festhielt, aber nichts. Konnte ich den Steg erreichen? Ich schwamm so schnell wie ich konnte, aber meine Kraft hatte hier keine Wirkung. Mit mir hatte die Strömung keine Gnade. Alles wurde unendlich. Ich fühlte mich so verloren. Mir war kalt, obwohl ich mich doch so anstrengte. Ich schnappte nach Luft, mein Kopf tauchte unter, fast eine Erleichterung, dem Sog nachzugeben. Ich würgte, ich hustete. Es gab kein Oben und kein Unten mehr. Kaltes, trübes Wasser. In der Ferne ein weißer Schleier. Die Seidel? Ich strampelte und schlug um mich. Meine Lunge barst.

Dann wurde es dunkel.


Manchmal beneide ich meine Mutter. Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit — für sie wird alles bald dasselbe sein. Sie muss sich diese Freiheit mit Momenten der Verlorenheit, der Verwirrung und der Widersprüchlichkeit erkaufen, aber hilft es nicht, diese Momente zu ertragen, weil sie sich nicht wird daran erinnern können, solche Momente wieder und wieder durchlebt zu haben, und auch vergessen wird, dass sie immer häufiger werden?

Manchmal habe ich Lust, einfach zu verschwinden. Ich könnte auf unsere Lichtung gehen und dann weiter, in der Hoffnung, der Wald möge niemals enden und meine Erinnerung an dich und meine Dankbarkeit meiner Mutter gegenüber schließlich verschlucken. Ich könnte mir eine Hütte bauen aus Zweigen und aus Blättern. Ich könnte mich verstecken. Ich könnte von den Beeren leben und von den Vögeln und nichts mehr brauchen von der Welt jenseits des Waldes.

Oder ist der Kanal die Lösung? Vielleicht trägt er mich viel schneller fort und noch viel weiter, in den Fluss und wohin dann? Ich weiß es gar nicht so genau. Sicher in die Donau, nach Österreich und Ungarn und irgendwann ins Schwarze Meer. Vielleicht kann er mich gefangen nehmen und mit seiner Kälte jeden Gedanken abtöten.

Denn das wünsche ich mir: Wenn ich schon keine Zukunft mit dir haben kann, dann will ich zumindest vergessen, dass sie jemals möglich gewesen war. Dann will ich vielleicht gar keine Zukunft haben.


»Ich kann dir noch nicht einmal einen Kaffee ausgeben«, sagte ich.

Marek stellte die beiden Tassen auf den Tisch und hob abwehrend die Hände. »Du bist im Krankenhaus. Du musst dir auch nicht noch Sorgen machen um Geld.«

»Setz dich«, sagte ich.

Das tat er. Er sah sich um. »Wie soll man hier gesund werden? Alles so traurig hier.«

»Nicht nur einen Kaffee sollte ich dir ausgeben. Wenn ich hier raus bin, gehen wir richtig gut Essen. Du, Agnieszka und ich. Auf meine Rechnung.«

»Was ist mit Australien?«

Ich legte die Hand auf meine schmerzende Brust. »Das kann warten.«

Er nickte — zufrieden, wie mir schien. Wir tranken von dem Kaffee. Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst, aber er schmeckte erstaunlich gut. Nur beim Schlucken tat es ein bisschen weh.

»Gut, dass du aufgewacht bist«, sagte ich.

»Du warst laut genug«, antwortete er. »Platsch!«

»Du hast mich gerettet.«

»Aber ohne diesen Baum«, sagte er. »Du wärst verloren.«

Ich nickte. Am Tage war es nicht so schlimm, aber nachts, wenn ich aus meinen Albträumen aufwachte, in denen sich alles grün und braun drehte, dazwischen Fetzen von Weiß, dann wusste ich, wieviel Glück ich gehabt hatte. Ich dankte dem Sturm, der einen Baum umgerissen und ins Wasser hatte kippen lassen, und ich dankte der Behörde, die es nicht geschafft hatte, diesen Baum aus dem Wasser zu ziehen. Und ich dankte natürlich vor allem Marek, der aufgewacht war, sofort den Kanal abwärts gerannt war und mich in den Ästen dieses Baums gefunden hatte, mit meinem T-Shirt hängegeblieben. Gott sei Dank hatte ich es nicht ausgezogen.

»Warum bist du überhaupt gesprungen?« fragte Marek.

»Was hätte ich tun sollen? Die Polizei rufen und warten?«

»Du wusstest, wie gefährlich Kanal ist.«

»Ich dachte, nicht für mich.«

»Wie wolltest du sie herausziehen? Du konntest selbst fast nicht schwimmen in Kanal.«

»Ich habe nicht darüber nachgedacht. Es ging alles so schnell.«

»Sie ist gestorben, sowieso.«

Ich nickte nur. Sie hatten sie im Fluss gefunden, an einer Untiefe gestrandet, ihr Nachthemd um ihre Beine gewickelt. Ich stellte mir vor, dass es dieselbe Stelle war, an der sie auch Juliane gefunden hatten — hätte Hanna Seidel das gewollt? —, aber natürlich fragte ich niemanden danach. Wer hätte sich auch schon an Juliane erinnern können? Es war zu lange her und die Ärzte zu jung.

»Sie hatte Krebs«, sagte ich.

Marek hielt im Schluck inne. »Was sagst du?«

»Darmkrebs. Sie hatte Darmkrebs.«

»Woher weißt du?«

»Gestern hat mich ein Arzt besucht. Er hat mir erzählt, dass sie in Behandlung war — oder vielmehr: Dass sie die Behandlung verweigert hat. Sie hätten vielleicht etwas machen können, operieren, Chemo, was weiß ich, aber sie ist einfach wieder nach Hause gegangen.«

»Darum ist sie in Kanal gegangen.«

»Ja.«

»Und du wolltest sie retten.«

»Konnte ich das ahnen?«

Der Arzt hatte es mir erzählt, weil er nicht wollte, dass ich mir Vorwürfe machte. Wäre ich ihr hintergesprungen, wenn ich vom Krebs gewusst hätte? Vielleicht nicht. Mir war nicht viel durch den Kopf gegangen in jenem Moment, aber ich hatte die Briefe natürlich nicht vergessen und den Nachmittag nicht, an dem Hanna Seidel mir alles erzählt hatte. Ich wollte nicht, dass sie sich für eine verlorene Liebe umbrachte — schon gar nicht an eine, an die ich sie erinnert hatte.

»Ich bin froh, dass du nicht fliegst«, sagte Marek.

»Noch nicht.«

Er lächelte. Er kannte mich besser. Sein gütiges Gesicht, seine Augen, die mich jetzt so sentimental ansahen. Ich hatte nie überlegt, dass er mich vermissen könnte. Er hatte nicht viele Freunde. Hatte er überhaupt welche außer mir? Wenn Besuch bei ihm kam, dann waren es Eltern, die Agnieszka über den Kindergarten kennengelernt hatte, oder Frauen, mit denen sie sich fast jede Woche traf, um ihre Näh- und Internettipps auszutauschen. Wenn Marek und ich Bier trinken gingen, dann immer nur zu zweit, doch nie hatte mir etwas gefehlt. Außer ihn hatte ich auch kaum jemanden — nur ein paar Kletterbekanntschaften, die oberflächlich blieben, zu festgefahren waren die meisten in ihrer Besessenheit. Marek und ich mochten beide das Alleinsein, aber beide brauchten wir auch einander.

»Hast du dein Handy dabei?« fragte ich.

»Natürlich. Ich bin nicht wie du.«

»Kann ich es mal haben?«

Er zog es aus seiner Hosentasche. Ein billiges Handy, schon dutzende Male auf dem Bau heruntergefallen, aber es funktionierte immer noch. »Was willst du damit?«

»Telefonieren natürlich.«

»Dort hinten ist doch Telefon.« Er zeigte auf die offenen Kabinen mit den grauen Apparaten hinter mir.

»Ist mir zu laut da.«

Er tippte seine PIN ein und reichte mir sein Handy. Er lächelte jetzt noch breiter. Ja, er kannte mich wirklich viel zu gut.

Ich nahm das Handy und stand auf. Ich mied seinen triumphierenden Blick, der sich zu seinem Lächeln gesellte, und ging auf den Ausgang zu. Obwohl ich noch nie ein Handy besessen hatte, wusste ich, dass es sich bald sperren würde. Also tippte ich schnell die Nummer ein, die ich auswendig konnte. Oder wollte ich nur vermeiden, dass ich es mir anders überlegte?

Es klingelte. Ich trat nach draußen. Ein paar Raucher standen hier, manche sogar im Bademantel, einer zog seine Infusion hinter sich. Ich entfernte mich von ihnen so schnell es ging und blieb neben einem Blumenkübel stehen.

Es klickte im Telefon.

»Ja?«