Jürgen Albertsen

But I Want You
to Be Wiser than Me

Ich sitze im Lenbach mit Jochen und höre, wie er sagt: »Ich konnte in dem Zimmer nur schlafen, wenn ich die Klimaanlage angemacht habe, aber dann bin ich jeden Morgen aufgewacht mit verstopfter Nase und auch noch verschwitzt. Hätte ich denn krank werden sollen? Ich hab mir was Anderes gesucht. Ich musste ja fit sein. Kann ich was dafür, das gerade Olympia ist und alles so teuer? Jetzt wollen sie es mir nicht zahlen, 1500 Pfund. Was ist das in Euro?«

Ich habe noch ein ganzes Glas Grünen Veltliner, Jochen bestellt sich ein neues Beck’s. Er ist der einzige, den ich noch kenne in München, der einzige, der mir manchmal schreibt. Er meint, es interessiert mich, wohin die Firma wächst und wer mit wem und wieviel.

Mein iPhone vibriert. Ich ziehe es heraus. Linda hat geschrieben: Was hältst du davon? Angehängt hat sie ein PDF mit der Beschreibung einer Nomade aus Holz. Teakdeck, komplettes Segelset, Außenborder. Ich schreibe zurück Wenn sie noch runtergehen auf 12.000, warum nicht?

»Kontroll-SMS?« fragt Jochen.

Ich zucke mit den Schultern.

Ich trinke einen großen Schluck Wein und will schon sagen, dass ich gleich zahlen muss, da sehe ich sie.

Der Feierabend ist spät hier und hat mehr und mehr und Leute reingespült in den letzten beiden Stunden. Hier hinten sind alle Tische voll, aber auch auch vorne an der Bar drängen sie sich jetzt. Vielleicht ist sie ja schon viel länger da. Sie hat ihre Freundinnen mit sich, die ich nie wirklich kennengelernt habe, außer kurz auf dieser einen Party, auf der ich so tun musste, als hätten wir nichts miteinander. Die eine ist eine Deutsche, die mir damals gesagt hat: »Für einen Engländer sprichst du aber gut Deutsch«. Die andere eine Französin, deren Telefonnummer ich für einen Freund besorgen musste. Und dann ist da noch die eine, Brasilianerin wohl, die gesagt haben soll: »Dieser Typ, mit dem du schläfst, wär der nicht was für mich?«

Ich sehe weg, auf meinen Grünen Veltliner, auf mein iPhone, aber Jochen fragt schon:

»Wo schaust du denn hin?«

Er dreht den Kopf zur Bar.

»Schaust dir die Mädels an«, sagt er.

Ich trinke einen Schluck. Ich lese noch einmal die letzten SMS von Linda.

»Die Blonde da, oder?« fragt Jochen.

Ich sehe auf, er sieht mich an.

»Die kenn ich doch«, sagt er.

Ich sage nichts.

»Sandy«, sagt er. »Diese Amerikanerin.«

»Sally«, sage ich. Ich will, dass wenn wir uns erinnern, wir uns richtig erinnern.

»Die war doch da auf dieser Party. Markus’ Party.«

»Saschas. Es war Saschas Party.«

»Du bist ihr immer hinterhergerannt, und sie wollte das nicht.«

»Sie hatte einen Freund.«

»Ja, genau«, sagt er. »Du warst ihre Affäre«. Er hat sich verändert in den letzten zweiundhalb Jahren. Er könnte immer noch für Ende zwanzig durchgehen, wenn er seine Haare färben würde. Jetzt trägt er keine Hoodies mehr, sondern Sakko und immer noch Jeans. Ich bin überrascht gewesen, dass er überhaupt mitgehen wollte ins Lenbach und nicht in den Laden weiter unten in der Sonnenstraße, in dem sie seine Musik spielen und dessen Namen ich vergessen habe.

Sally und ihre Freundinnen haben ein paar Männer in ihrem Alter kennengelernt oder kannten sie schon. Kollegen vielleicht, offene Sakkos, Hemd ohne Krawatte wie Jochen, nur eben zehn, fünfzehn Jahre jünger. Sally spricht mit einem, der ein bisschen so aussieht wie ihr Freund oder Ex-Freund, ich weiß ja gar nicht, ob sie sich getrennt haben schließlich. Er ist blond wie sie und mindestens so groß wie ich. Sie hat mir einmal gesagt: »I like to have to stand on my toes when I kiss a guy.«

Sie trinkt Wein, auch Weißwein, wie immer. Alles an ihr flirtet. Ihr Lächeln, das so schön sein kann, ist jetzt einfach nur weiß und groß. Sie hält das Glas mit beiden Händen fast bis hinauf zum Kinn. Sie schüttelt den Kopf in gespieltem Drama. Ich bin mir sicher, dass der Blonde denkt, dass er nichts mehr falsch machen kann.

Jochen sagt: »Mit der hast du dich also getröstet.«

»Weswegen?«

»Ach komm«, sagt er.

»Wegen Debbie«, sage ich.

»Ja.«

»Da gab es nichts zu trösten.«

»Was denn dann?«

»Ein Rebound.«

»Ein eine junge Blonde als Rebound.«

»Ja.«

»Eine Amerikanerin als Rebound für ne Amerikanerin. Ist das dein Ding?«

»Ich hab kein Ding.«

Jochen deutet auf dem Ring an meinen Finger. »Stimmt.«

»Was stimmt?«

»Deine Frau. Die ist keine Amerikanerin.«

»Nein.«

»Berlin also. Wannsee.«

»Müggelsee.«

»Ist das Osten?«

»Ja, das ist Osten.«

»Und eine Segelschule.«

»Ja.«

»Du hast eine Segelschule gekauft.«

»Ja.«

»Aber du machst immer noch Projekte.«

»Nur solange, bis es von selber läuft.«

»Und deine Frau?«

»Leitet die Segelschule.«

Ich werde müde. Ich muss endlich dringend etwas essen.

»Und du bist glücklich?« fragt er.

»Ja«, sage ich.

»Keine Chance auf…?«, fragt er und nickt in Richtung Sally. Sie ist wieder hinter dem Blonden aufgetaucht. Er ist an der Bar und die Freundinnen beschäftigt. Das Flirten ist vorbei und das große weiße Lächeln weg für einen Moment. Sie blickt vor sich hin, vielleicht sogar verträumt. Ist sie jetzt sie selbst oder war sie es vorhin?

Ich antworte nicht auf Jochens Frage, ich schüttele nur den Kopf. Ich sehe, wie Sally sich umdreht und zwischen den anderen Gästen verschwindet, in Richtung Toilette. Ich frage mich, ob sie dem Blonden entkommen will.

Ich sage: »Ich muss jetzt gehen.«

Jochen schaut sein Bier an, es ist leer. Er schaut mein Weinglas an, es ist leer. Er sagt: »Vielleicht solltest du Hallo sagen.«

Ich schüttele den Kopf. Ich erwarte, dass er sagt, »nur noch eines noch«, aber wir zahlen. Sofort als wir aufstehen, belegt ein Mann mit einer Frau unseren Tisch. Sie setzen sich beide nebeneinander auf die Bank, auf der ich gesessen habe und keiner der beiden auf den Stuhl gegenüber, auf dem Jochen gesessen hatte.

Wir bahnen uns den Weg durch die Gäste. Ich schiele in Richtung Toilette, aber ich sehe nur Köpfe. Keiner dieser Köpfe gehört zu Sally.

Draußen ist es einer dieser Münchner Nächte. Die Mauern strahlen die Hitze des vergangenen Tages ab. Alles ist so leicht, wie die Kleidung, die man tragen sollte, der ganze Druck des Tages weg und aufgelöst in Wein oder Bier. Mädchen in kurzen Röcken gehen vorbei in Richtung Maximilanplatz und den Clubs dort. Jochen und ich stehen zwischen den beiden Fackeln, die sie neben dem Eingang zum Lenbach aufgestellt haben und die den Mauern helfen mit der Hitze.

Ich frage: »Wo muss du hin?«

»Zum Stachus«, sagte er. »Zur Tram.« Er mustert mich. »Und du?«

»Hotel«, sage ich und gestikuliere in die andere Richtung, aber die Richtung ist eine Lüge. Ich will alleine sein.

Jochen sagt: »Wir müssen das wieder machen.«

»Müssen wir.«

»Meld dich.« Er schlägt mir nochmal auf die Schulter. Er zögert, als müsste ich noch etwas sagen, aber ich sage nichts. Er geht davon.

Ich umrunde das Lenbach und komme auf den Maximiliansplatz. Dort steht der Wittelsbacher Brunnen, an der Spitze des kleinen Parks in der Mitte des Platzes. Strahler beleuchten das sprühende Wasser und macht es zu einer Tropfenaura. Hier habe ich Sally zum letzten Mal gesehen. Es war der Abend vor ihrer Abreise nach San Francisco. Sie hatte bis um zehn Uhr gearbeitet. Sie sagte: »I can’t take you home. I have to leave so early for the airport. I won’t sleep.« Wir standen hinter diesem Brunnen und küssten uns. Es war ein Abend wie heute, und ich fasste unter ihr Sommerkleid.

Sie sagte: »If I was you it would drive me crazy. Why don’t you take my passport and rip it apart.« Ich griff nach ihrer Handtasche, die auf dem Brunnenrand stand, aber ihre Hand war sanft und zog meine weg.

»No«, sagte sie. »I have to meet my family.«

»And your boyfriend«, sagte ich.

Sie umklammerte mich und drückte ihre Wange an meine Brust. »Let’s not talk about it.«

»What should we talk about then?«

»Can’t you see that I want you?«

»You still go an see your boyfriend.«

»I really, really want you.«

»Are we going to stay in touch?«

Ich weiß nicht mehr, was sie antwortete. Leute kamen, sahen uns und gingen wieder. Wir küssten und küssten uns. Wir blieben bis weit nach Mitternacht.

Mein iPhone vibriert. Es ist Linda.

»Ich habe es gekauft«, sagt sie.

»Wieviel ist es geworden?«

»Sie sind runtergegangen auf 11.«

»Sehr gut.«

»Kalt ist es hier«, sagte sie.

Ich sehe wieder ein paar Mädchen vorbeigehen. Sie schlendern, trinken noch einen Schluck aus der Proseccoflasche, die sie kreisen lassen. Sie können sich nicht sicher sein, dass ihnen alle Getränke ausgegeben werden später. Einen Abend wie diesen sollten sie draußen verbringen, aber sie haben Angst, etwas zu verpassen drinnen.

»Hier nicht«, sage ich.

»Du fehlst mir.«

»Du mir auch.«

»Ich sitze auf der Terrasse. Ich hab mir die Decke genommen, die du mir mitgebracht hast.«

»Die aus Mumbai.«

»Ja.«

»Wie sind die Wellen?« frage ich.

»Zu hoch für die Flöße heute«, sagt sie. »Sogar bei uns hat einer abgesagt. Aber den Jollenkreuzer hab ich zweimal vermietet.«

»An einem Dienstag.«

»Ja.«

»Das ist gut.«

»Wie ist es in der Stadt?« fragt sie.

Ich schaue mich um, aber ich kann nichts Neues entdecken. Die Mädchen sind weitergezogen, aber es folgen ihnen andere Schlendere. Keiner zu alt, keiner zu arm. Am Stachus stauen sich jetzt kaum noch Autos. »Wie immer«, sage ich.

»Wo bist du?«

»Auf dem Weg ins Hotel. Ich hab Jochen getroffen. Wir haben was getrunken.«

»Wie geht’s ihm?«

»Gut«, sage ich, aber ich weiß es nicht. Wir haben nur über mich geredet.

»Vermisst du die Stadt?«

»Ich glaube nicht«, sage ich. »Hier gibt es keine Terrasse. Hier gibt es keine Wellen. Hier gibt es dich nicht.«

»Und die Partys? Und die Mädchen?«

»Welche Mädchen?«

Linda lacht. »Du musst das nicht mehr machen.«

»Was nicht?«

»Die Projekte.«

»Wir brauchen das Geld.«

»Ich hab mit Gröner von der Bank gesprochen«, sagt sie. »Er sagt, er kannte Kleber.«

»Wer ist Kleber?«

»Dem hat unsere Segelschule gehört vorher.«

»Und was sagt Gröner?«

»Dass Kleber unfähig war, aber trotzdem Gewinn gemacht hat. Hier kann man fast nichts falsch machen. Er würde uns jeden Kredit geben.«

»Das sind dann Schulden.«

»Aber du wärst dann hier.«

»Ja.«

»Und nicht in der Stadt. Bei deinen Projekten.«

»Sie zählen auf mich.«

»Du hast selbst gesagt, jeder ist ersetzbar.«

»Wirklich«, sage ich. »Je weniger Schulden wir haben desto besser.«

»Wenn du hier wärst«, sagt Linda, »können wir mehr Boote haben. Und mehr vermieten. Und mehr Geld machen. Und ich brauch dich.«

»Um dich warm zu halten?«

»Zum Beispiel.«

»Ich muss dieses Projekt zu Ende machen. Zumindest das.«

»Dann solltest du jetzt ins Bett.«

»Ja. Ich bin auf dem Weg.«

»Allein?«

»Linda.«

Sie lacht. Sie lacht immer, wenn sie das sagt.

»Ich liebe dich«, sage ich.

»Ich dich auch«, sagt sie. »Sei brav. Oder sei nicht brav, solange du dabei allein bist.«

»Ich habe ja Pay-TV.«

»Vergiss nicht: Wir müssen sparen.«

Wir lachen wieder. Wir sagen gute Nacht und noch einmal Ich liebe dich. Wir wir legen auf. Ich gehe los. Ich mache meine Runde voll, komme jetzt am Hearts vorbei. Ich müsste müde sein und immer noch Hunger haben, aber ich werde nicht schlafen können und ich werde nichts mehr essen heute nacht. Ich bin nüchterner jetzt. Ich gehe am Hearts vorbei und zurück ins Lenbach.

Dort ist es leerer jetzt, sogar viele der Tische unbesetzt, die Gäste weitergezogen oder nach Hause, erst jetzt richtig in den Feierabend. Sally steht immer noch an der Bar, aber ich sehe den Blonden nicht mehr und auch ihre Freundinnen nicht. Statt dessen eine andere Frau, ein anderes Mädchen in ihrem Alter, das ich nicht kenne. Eine Deutsche, würde ich sagen. Sally flirtet jetzt nicht mehr, natürlich, aber sie ist immer noch ein einziges Lächeln, All-American Girl. Sie hat ihr Glas Weißwein auf die Bar gestellt. Das Glas des anderen Mädchens ist leer. Ich gehe an die Bar und stelle mich neben sie.

Ich weiß nicht, ob Sallys Überraschung gespielt ist, und ob sie sich wirklich freut, aber wie sie »Heyyyyy« sagt und das Wort dehnt, denke ich vielleicht doch.

»Well, that’s a surpise«, sage sie dann.

»Yes«, sage ich.

»You. Here.«

»I was walking by and I felt like a drink«, sage ich.

»What a surprise.«

»Yes. You here«, sage ich, und das Mädchen, das neben Sally auf dem Barhocker sitzt, lehnt sich rüber, und ich frage: »Who’s that?«

Wir werden einander vorgestellt und ich vergesse den Namen sofort wieder. Es ist wirklich eine Kollegin von Sally, eine Deutsche. Sie ist hübsch wie alle von Sallys Freundinnen, und sie merkt sicher, was vor sich geht. Sie sagt, »Okay, ich muss los.« Sie zahlt ihren Mojito, und sie umarmt Sally und gibt mit die Hand.

Als sie weg ist, sagt Sally: »She thought you were English.«

»Didn’t you once tell me I had a Portland accent?«

»Just the first time we met.«

Sie lacht. Ihr Haare fällt ihr in die Stirn. Es ist nicht dieses große weiße Lachen, sondern das Lachen in den Mundwinkeln, das Lachen, das sie lachte, wenn sie bei mir auf dem Sofa saß, ihre Füße auf meinem Schoß. Ich frage: »Are you having another one?«

Sie kräuselt den Mund, als müsste sie überlegen. Sie nickt.

»White wine of course«, sage ich.

Sie nickt wieder.

»Is that Grüner Veltliner?« frage ich.

»What’s that?«

»The wine that... that I fed you at my place.«

Ihr Lächeln verschwindet für eine Sekunde, und sie sagt: »I just ordered a white wine. Any white wine.«

Also bestelle ich noch zwei Grüne Veltliner. Sie kippt den Rest ihres Glases herunter und steigt von ihrem Barhocker herunter. Sie stellt sich neben mich. Es sind noch zwei Zentimeter Abstand zwischen uns, aber ich spüre schon ihren Körper, so wie ich ihn zum ersten Mal schon gespürt habe, als wir uns kennengelernt haben auf diesem Weihnachtsmarkt und ich ihr weismachte, ich hätte Dessous für Debbie in meiner Einkaufstasche.

Wir stoßen an, und ich sage: »Prost.«

»Prost«, sagt sie, und wir trinken.

»Sollen wir nicht Deutsch sprechen?« frage ich.

»Oh nein, bitte nicht«, sagt sie, und sie hat natürlich immer noch diesen Akzent und die Probleme beim CH, aber ich weiß, wie gut ihr Deutsch ist.

»Warum nicht?« frage ich.

»Du weißt doch...«

»Ja…?«

»Weil du dann so alt klingst«

»Ich dachte du magst, dass ich alt bin.«

Sie fährt mir mit dem Finger übers Kinn. »You got some more grey in your beard.«

»It has been more than two years.«

»You look great.«

»So do you.«

»Thank you.«

»You didn’t change at all«, sage ich.

»I did«, sagt sie. »I got wrinkles.«

»Where?« frage ich.

»I’m trying hard to make them disappear.«

»You’re still young.«

»Mabye.«

»Yes you are.«

»You looked tanned«, sagt sie.

»It’s the sailing.«

»The sailing. You never took me out on a boat trip.«

»No. It never happened.«

»Yeah, I guess it didn’t.«

»Shall we go sit down in a booth?« frage ich.

»Like the last time we’ve been here?«

»Just like the last time.«

»Why not?«

An der Bar stehen nur noch ein halbes Dutzend Leute, und fast alle Tische hinten sind frei. Wir gehen zu einem Tisch ganz in der Ecke, zwei Tische von dem entfernt, an dem Jochen und ich gesessen haben. Wir setzen uns beide auf die Bank, wie die beiden, die gekommen sind, nachdem Jochen und ich gegangen sind und die jetzt schon wieder verschwunden sid. Mein Bein berührt Sallys Bein. Ich will meine Hand auf ihren Schenkel legen

Ich sage: »I know this dress.« Es ist schwarz und eng und endet zwei Zentimeter über ihr Knie.

»It’s not the same«, sagt sie. »It’s just a similar one.«

»And you were wearing boots and not heels.«

»It was winter then.«

»Yes, it was.«

»I thought I would never hear from you again«, sagt sie.

»I still feel bad«, sagte ich.

»About what?«

»That I kicked you out the next morning.«

»You had all this stress with your girlfriend.«

»I cheated on her that night.«

»But you broke up just a few days later.«

»Yes.«

»It was a good idea for me to go home.«

»It was freezing.«

»I didn’t feel that well anyway.«

»All the wine.«

»But you didn’t ask for my phone number. What would you have done if I hadn’t facebooked you?«

»I would have found you«, sage ich. So oft haben wir dieses Gespräch schon geführt. Ich lege meine Hand auf ihren Schenkel und spürte, dass ich anfange hart zu werden. »Just like you have found me .«

Sie legt ihre Hand auf meine Hand und sagt: »Oh. Who ist this?« Sie fühlt den Ring an meinen Finger.

»Linda«, sage ich.

»You’re married?«

»Yes.«

»An American?«

»No. German.«

»Somebody I know?«

»No. She’s from Berlin.«

»And she moved here.«

»No, I moved to Berlin.«

»Oh, that’s why.«

»Why’s what?«

»I never bumped into you.«

»We didn’t bump into each other while I was still living here.«

»I was hoping to bump into you.«

»I moved to Berlin only a year ago. Before that we never bumped into each other either.«

»I was just hoping to.«

»Well, now we did.«

»You never contacted me«, sagt sie.

»I didn’t think you were keen on being in touch«, sage ich.

»It was difficult.«

»When you came back from the States.«

»And when my boyfriend came back from the States a week later.«

»You told me you felt sad end empty.«

»I did.«

»You told me you needed to revolve things and work through it.«

»I did.«

»You didn’t return my messages. I told you to tell me when you were ready.«

»I never thought it would affect me so much.«

»So did you break up eventually?«

Sie nickt. Ihre Hand krallt sich in meine Hand. Mit der anderen Hand nimmt sie das Glas und trinkt.

»What happened?« frage ich.

»I don’t want to talk about it«, sagt sie.

»I was wondering if you had gone back to the States.«

»I am still here.«

»Are you still living in the same place?«

»Yes, I am.«

»Is the hook still there?«

»Which hook?«

»The hook your boyfriend hung his punching back on.«

»No, it’s gone.«

»It scared me«, sage ich.

»Why did it scare you?«

»He was a boxer.«

»He would have just been mad at me. Not at you.«

»Would he?«

»And I never told him about you.«

»So how did you break up then?«

»I don’t want to talk about it.« Sie fragt: »What about you? Did you hear from Debbie?«

»Why is the hook gone?« frage ich.

»He took it with him. He took his thing with him when he moved out.«

»So he moved out.«

»Yes«, sagt sie. »Did you hear from Debbie then?«

»No. After me she had this thing with another guy from work but looks like it didn’t work out. She went back to the States.«

»No more messages?«

»No.«

»How many did she sent you?«

»I don’t know. I deleted all of them.«

»Oh really... I would have liked to read them again.«

»Why?«

»They were so real.«

»I thought the thing between you and me was real.«

»I guess it was.«

»Well, now I am in Berlin.«

»So you left the company.«

»Yes.«

»Because of her?«

»Because I met Linda.«

»Your wife.«

»Yes.«

»Tell me about her. How did you meet?«

»I don’t want to talk about it.«

»Oh, please. I love your stories.«

»We simply met.«

»Please.«

Also erzähle ich ihr die Geschichte. Von dem Segeltrip vor Kroation, als ich meinen SBS See machte und dass Linda die einzige Frau in dem Kurs war. Wie wir einander unsere Bücher liehen. Wie sie den kleinen, dicken Segellehrer so gut nachmachen konnte, obwohl sie doch so groß war und schlank, wie er immer in dem Niedergang zur Kajüte stand und seine Befehle gab. Dass sie diese wundervollen lange schwarzen Haare hatte, die sie meistens zusammenband und wie sich dann immer Härchen herauskräuselten und sie sagte: »Wenn sie das tun, gibt es Regen«. Wie wir immer die letzten waren, die wach blieben. Wie wir immer noch eine Flasche Wein irgendwo auftrieben. Wie mir das schwule Pärchen aus Stuttgart erzählte, dass sie schon Wetten auf uns abgeschlossen hatten. Wie ich in der Zeit wieder Nachrichten von Debbie kriegte, »So I heard about your young slut. I’m not surprised. You can’t handle grown-ups«, und »You continue to kid yourself and, likely, drink yourself stupid« und »I REALLY regret the time with you. You were really damaging.« Wie ich natürlich nicht zurückschrieb, dass ich Sally schon seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Wie ich am vorletzten Abend mit Linda schlief in der Plicht. Wie ich dachte, ich würde sie nie wiedersehen und dass ich es nur getan hatte, weil Debbie mich einfach nicht in Ruhe ließ. Wie ich Linda sofort anrief, als ich zurück war und sagte, »Du fehlst mir schon«. Wie ich feststellte, dass es stimmte.

Sally lehnt sich mir entgegen und küsst mich. Sie drängt in meinen Mund. Ich werde so hart wie schon seit Monaten nicht mehr. Meine Finger drängen zwischen ihre Schenkel. Sie öffnet die Beine und lässt mich, aber nicht zu weit nach oben. Ihre Hand ist auf meiner Hand oder auf meiner Haut unter dem Hemd. Ich weiß, dass sich das Lenbach leert. Wenn ich ihr über die Wange streiche, sagt sie:

»Remember to always stroke up. Always up. Down will make wrinkles«

»You don’t have a single wrinkle.«

»Yes I do.« Sie kneift die Augen zusammen, und ich sehe keine.

Die Musik hört auf, die Lichter werden heller. Ich will keine Uhrzeit wissen.

Sie sagt: »My nose.«

»What about your nose?« frage ich.

»It hurts.«

»Why does it hurt?«

»You know how sensitive it is, my nose. You have to be really careful. Try to kiss around it.«

Ich küsse sie weiter und weiß nicht, ob ich irgend etwas anders mache. Ich weiß nicht, ob ich vorsichtiger bin.

Der Kellner steht an der Bar und wirft uns Blicke zu. Ihn stört nicht, was wir tun. Er will nur seinen Feierabend.

Sally sagt: »We should go.«

»Where?«

»Where are you staying?«

»In this crappy hotel close to Hauptbahnhof.«

»Well…«

»Yes?«

»Well, you could come to my place...« Sie lässt den Satz hängen. Ich weiß nicht, ob es eine Frage ist .

»I could«, sage ich.

»Do you want to?«

»I guess.«

»You guess?«

Ich küsse sie und sage: »I do.«

Sie lächelt noch einmal in den Mundwinkeln. Sie sagt: »I need to go to the bathroom real quick.«

»Okay. I’ll get the check.«

Sie schält sich heraus aus der Bank und muss erstmal ihren Rock herunter ziehen. Ich sehe ihr hinterher. Ich denke an die Nächte mit ihr. Die allererste Nacht, als ich noch zusammen war mit Debbie und ich zu gestresst von all dem Streit und zu betrunken, um zu funktionieren. Die folgenden paar Nächte, als sie noch nicht wollte, das ich in sie eindrang, sie meinen Schwanz ganz in dem Mund nahm und ich mich fragte, ob ihr Freund es immer so wollte. Die späteren Nächte dann, wenn ich das Kondom überzog, was mich immer aus der Bahn warf, und sie mir drüber hinweghalf, indem sie meine Eier packte. Wenn ich mich in ihr bewegte, war ihr Blick eine Mischung aus Flehen und Triumph.

Einmal fragte sie: »What should I do?«

Und ich sagte: «I’m not any wiser than you.«

Und sie sagte: «But I want you to be wiser than me.«

Und am nächsten Morgen rief ich immer ein Taxi. Die Zentrale schickte eine SMS: Es bräuchte 4-6 Minuten, 8-10 Minuten. So lange blieben wir dann noch liegen, Bauch an Rücken. Ich konnte nicht genug kriegen von der warmen Glätte ihrer Haut, von ihrem Flüstern. 4-6 Minuten, 8-10 Minuten. Wenn es klingelte sprang sie auf, immer noch nackt. Sie suchte ihre Hose, ihr BH, ihr Top: Vor dem Bett, unter dem Bett, auf dem Stuhl neben dem Bett. Ich half ihr beim Suchen, sie zog sich an. Ich küsste noch schnell ihren Bauch, bevor er unter Stoff verschwand. Sie stolperte in ihre Schuhe. Ich brachte sie zur Tür. Wir küssten uns zum Abschied. Manchmal hatte sie ihre Strümpfe nicht mehr finden können, oder ihre Unterhose. Wenn sie durch den Flur zur Haustür ging, sah ich ihr nach, aber sie sich nicht um. Ich war allein.


Ich winke dem Kellner.

Ich bezahle, und ich gehe.


Als ich mich ins Bett lege, habe ich zwei verpasste Anrufe von Sally, eine Nachricht auf meiner Mailbox und eine SMS. Ich kann die SMS nicht schnell genug löschen, bevor ich sie lese - »Why did you just go and didn’t say goodbye? I know it would have been a bad idea but why didn’t you say goodbye?« Die Nachrichten auf meiner Mailbox lösche ich, ohne sie abzuhören.

Ich schlafe fast nicht in der Nacht. Ich denke daran, die Minibar zu plündern, aber dann stehe ich um fünf Uhr auf. Ich packe meine Sachen und checke aus. Ich nehme ein Taxi zum Flughafen. Ich kann natürlich mein Ticket für übermorgen nicht umbuchen und muss ein neues kaufen. 600 Euro, egal. Der Flug geht um acht. Ich weiß, dass mein Projektmanager noch nicht wach ist, also rufe ich ihn an und hinterlasse ihm eine Nachricht. Als ich auflege, habe ich schon wieder vergessen, was ich ihm vorgelogen habe.

Der Flug hat nur zehn Minuten Verspätung. In Tegel nehme ich wieder ein Taxi, bis hinaus zum See, 100 Euro. Als ich da bin, lasse ich einfach nur meinen Koffer im Flur stehen und gehe direkt nach draußen auf die Terrasse. Linda ist nicht da. Es ist Mittwoch, da haben wir den Vormittag zu. Irgendwann muss ja jemand einkaufen fahren.

Auf dem einen Stuhl liegt immer noch die Decke, in die sie sich gestern eingewickelt hat, dunkelrot mit Goldfäden. Ich trete auf den Steg. Es ist immer noch windig, die Wellen haben sogar Schaumkronen. Der Jollenkreuzer tanzt auf und ab, die Fallen schlagen gegen den Mast. Ein paar Wellen spritzen durch die Bretter des Stegs empor. Ich steige auf den Jollenkreuzer. Wie immer, wenn ich so lange nicht auf dem Boot war, muss ich einen Moment innehalten, um dem Schwanken nachzuspüren. Ab jetzt werde ich mich daran gewöhnen können.

Ich löse die Fall, ziehe sie fest und belege sie wieder. Sie hört auf zu schlagen. Für einen Moment sehe ich dem Mast zu, wie er gegen den grauen Himmel pendelt, dann drehe mich um. Ich sehe Linda kommen. Sie ist noch an beim Haus. Sie beschleunigt den Schritt, dann erkennt sie mich, verlangsamt den Schritt und dann beschleunigt sie ihn wieder. Sie ist jetzt auf dem Steg. Ich trete vom Boot, es springt von mir weg, springt auf den Wellen. Ich gehe Linda entgegen. Sie hat ihre Haare zusammengebunden, ein paar Härchen kräuseln heraus. Irgendwas scheint sie zu belustigen, aber vielleicht kneift sie auch nur die Augen gegen das Licht zu, das hell sein kann hier, trotz der Wolken. Ich sehe die Fältchen in ihren Augenwinkeln, und ich liebe sie.

»Hattest du genug von der Stadt?« fragt sie.

»Ja«, sage ich.