Jürgen Albertsen

Argentinien

- 1 -


Lena wartete schon seit zwanzig Minuten, doch niemand wartete mit ihr. Autos preschten an ihr und der Haltestelle vorbei, durch die Pfützen dem Ortsschild entgegen. Die anderen Schüler aus ihrem Jahrgang hatten Smartphones, die ihnen sagen konnten, ob der Bus ausfiel, Lena nur ein altes Handy ohne Kamera.

Ein alter weißer Mercedes kam die Straße entlang. Zuerst beachtete Lena ihn nicht, ein Auto von vielen, aber er wurde immer langsamer und hielt schließlich direkt vor ihr an. Das Beifahrerfenster fuhr herunter, der Fahrer beugte sich über den Sitz und lugte hinaus. Er sagte: »Kein Bus heute. Irgendwas mit der Elektronik.« Es war Holger, ein Junge aus ihrem Jahrgang. Seine schwarzen Haare fielen ihm fast in die Augen.

Lena könnte laufen. Es regnete, aber das machte nichts. Sie würde nass werden, es wäre nicht das erste Mal. Ihre Mutter konnte sie nicht anrufen und bitten, sie abzuholen. Um diese Zeit war sie schon längst betrunken.  — Und Johann? Der würde das Telefon im Stall nicht hören. Der hatte gar kein Handy, noch nicht einmal eines ohne Kamera.

Lena kannte Holger kaum. In der Schule hielt er sich abseits. Sie hatte zwar mehr mit ihm geredet als andere Mädchen in der Klasse, aber die redeten sowieso nicht mit einem wie ihm. Holger könnte Lenas Verbündeter sein, aber sie brauchte keinen Verbündeten, sie brauchte überhaupt niemanden. Sie hatte gesehen, wie er sie beobachtet hatte, im Klassenzimmer, auf dem Schulhof. Seine Zurückhaltung war anders als die Schüchternheit der Jungs, die den ganzen Tag vorm Computer verbrachten. Sie nährte sich nicht aus der Furcht, sondern aus einem Trotz, aus dem Wissen um eine Welt, die er selbst erschuf und nicht von einer Maschine erschaffen ließ, obwohl Lena sich nicht sicher, welche Welt es sein mochte.

Sie stieg ein. Holger war kaum größer als sie und so schmächtig. Wie er hinter dem Steuer saß, die Schultern nach vorne fallend, wie er sie ansah, wirkte er, als wäre er viel zu jung zum Fahren — als hätte er das Auto von seinem Vater geklaut, einzig um Lena vor dem Regen zu retten. Er trug wie immer seinen Parka, darunter einen Kaputzenpulli.

»Dein Auto?« fragte Lena.

Er nickte.

Sie blickte sich um. Ein iPod lag in der Mittelkonsole, das einzig Moderne im Auto, über ein Kabel mit dem Radio verbunden. Der Rest war staubig und abgenutzt und schön. Auf der Rückbank lagen ein paar zerquetschte Cola-Dosen, vor Lenas Füßen eine leere Chipstüte.

»Mein Vater hat mir gesagt, dass ich nur ein Auto kriege, das ich selbst bezahlen kann«, sagte Holger, »aber dass er hilft, es zu reparieren. Ohne Auto in dieser Ödnis keine Freiheit.« Er klang, als hätte er diese beiden Sätze lange geübt.

»Fahren wir zu dir«, sagte Lena.

»Zu mir?«

»Darfst du keinen Besuch mitbringen?«

Er starrte auf die Windschutzscheibe, die langsam beschlug. Er hielt das Lenkrad umfasst, obwohl sie immer noch an der Bushaltestelle standen — als dürfte er keine Sekunde lang die Kontrolle über das Auto verlieren. Er hatte einen Plan gehabt, aber Lena war ihm zuvorgekommen. 

»Musst du nicht nach Hause?« fragte er.

»Ich muss nicht und ich will nicht.«

»Was ist mit deiner Arbeit auf diesem Pferdehof?«

»Was weißt du von meiner Arbeit?«

»Jeder weiß das.«

Was er meinte: Jeder lästerte darüber. Vielleicht nicht er, aber sicher die Mädchen, die nicht mit ihm redeten, die er aber reden hören musste.

»Fahr los«, sagte sie.


Lena hatte nicht geplant, was später passieren würde. Sie hatte nicht ahnen können, dass seine Eltern arbeiteten und seine Schwester Leichtathletik trainierte. Sie waren allein im Haus. Im Kühlschrank gab es noch Nudeln.

Holgers Zimmer unter dem Dach war vollgestopft mit Platten. Echtes Vinyl. Sie füllten nicht nur ein Regal, das sich über eine ganze Wand erstreckte, sondern stapelten sich auch auf dem Boden, auf dem Sofa. Lena kannte niemand außer ihm, der überhaupt welche besaß. 

»MP3s höre ich nur unterwegs«, sagte er.

Er legte eine der Platten auf. Sie saßen auf dem Boden, hatten die Nudeln in der Mikrowelle heiß gemacht. Sie aßen sie von Tellern, die sie auf ihren Schößen balancierten und die sich fast durch ihre Hosen brannten. Lena mochte die Musik zuerst nicht. Zu langsam, zu weinerlich, zu sehr wie das Wetter draußen.

»Zwanzig Jahre ist die Platte alt«, sagte Holger. »Ich habe sie von meinem Onkel.« Es war so warm in seinem Zimmer, und das nicht nur wegen der Nudeln auf ihrem Schoß. Es roch angenehm nach Teppich, nach Staub, nach normaler Familie. Holger himmelte sie an. Lena hatte ihren Pulli ausgezogen, saß nur noch in ihrem Top da. Holger trug immer noch seinen Hoodie. Vielleicht schämte er sich, obwohl sich vor ihr niemand schämen musste.

Das letzte Lied war fast zu Ende. Lena verstand den Text: Looks like from here on out it’s just me and you. 

Sie sagte: »Das gefällt mir.«

Holger antwortete zuerst nicht. Er hörte auf, seine Nudeln zu essen. Er blickte zum Plattenspieler und wartete, bis das Lied ganz zu Ende ging und die Nadel klickend zurück in ihre Halterung schwenkte. Holger stellte den Teller auf den Boden und stand auf. Er stapfte über den Teller hinweg zur Kommode, auf den der Plattenspieler stand. Er griff in die Lücke zwischen dieser Kommode und dem Schrank und holte eine Gitarre hervor.

»Sollen wir es zusammen singen?«

Das war sie also, seine Welt.


Als er sie küsste, saßen sie immer noch auf dem Boden, die Gitarre lag neben ihnen. Vielleicht hatte Lena es nicht erwartet, vielleicht hatte sie nicht gewusst, dass sie es wollte. Sein Kuss war warm und bestimmt wie seine Stimme, wenn er sang. Er drängte nicht, aber er hatte auch keine Angst. Seine Hand ruhte auf ihrem Nacken und blieb dort. Später würde sie wollen, dass sie tiefer wanderte, aber jetzt gierte sie einfach nur nach dieser Wärme, dieser Stille, diesem Nachhall der Musik.

Als sie sich lösten, sah er ihr in die Augen, das erste Mal überhaupt vielleicht. In seinem Blick lag Triumph und Dankbarkeit. Seine Zurückhaltung war vielleicht nur gutes Benehmen. Er hatte Mut gefasst.

Er fragte: »Ist es OK für dich?«

Er ließ die Hand, die auf ihrem Nacken lag, in seinen Schoß fallen. Er erwartete eine Antwort, doch Lena verstand die Frage nicht. Sie wollte nicht, dass er sie losließ. Wann war sie das letzte Mal so berührt worden? Sie griff seine Hand und legte sie auf ihr Knie. 

»Was denkst du?« fragte sie.

»Ich dachte, Johann—«

Lena stieß Holgers Hand wieder weg. Sie wollte diesen Namen jetzt nicht hören. Ihr ganzer Körper begann zu kribbeln. Sie war in Holgers Welt, sie wollte die Welt da draußen nicht mehr. Nicht ihre Mutter, nicht Johann. In ihr prallte Wut auf Scham. Ihr Herz raste, als wäre jemand ins Zimmer geplatzt und hätte sie nackt erwischt.

»Was soll das?« fragte sie.

In Holgers Blick flackerte Panik. Er biss sich auf die Unterlippe. Kein Triumph mehr, keine Dankbarkeit. Vielleicht sollte Lena aufstehen, seiner Gitarre einen Tritt geben und ihm auch. Vielleicht sollte sie nie wieder mit ihm reden, nie wieder mit irgend jemanden reden.

»Tut mir Leid«, sagte er.

»Warum hörst du darauf, was sie reden?«

»Ich will nur keinen Fehler machen. Wenn du mit Johann—«

»Ich arbeite bei ihm«, sagte sie. »Ich liebe die Pferde. Er ist fünfundzwanzig Jahre älter.«

»Das reden sie ja.«

»Wenn es stimmen würde, warum bin ich dann hier?«

Er sah so gequält aus. Die Wärme war verschwunden, die Musik auch. Sie hatte nichts darauf gegeben, was die Leute redeten, aber sie hatte auch nicht gewusst, was genau es war. Sie zwang sich, sitzen zu bleiben. Er strich ihr über den Arm. Sie konnte sehen, dass er sah, was er zerstört hatte. Er war der erste seit langem, dem es Leid tat, dass er sie verletzte. Sie zwang sich weiter: Seine Hand zu nehmen, sie wieder auf ihren Nacken zu legen. Sich nach vorne zu beugen und ihn zu küssen. Sie wollte, dass er einen Fehler gemacht hatte. Sie wollte, dass er einfach nur nicht wusste, wie er weitermachen sollte. Sie wollte die Wärme zurück und die Musik.


»Was ist dein größter Traum?« fragte Holger.

»In Argentinien auf einer Farm zu arbeiten.«

»Mit Pferden?«

»Auf ihnen zu reiten und die Kühe vor mir herzutreiben. Am Lagerfeuer zu essen und neben der Glut zu schlafen. Und wenn es zu weit wird für das Pferd, mit dem Hubschrauber zu fliegen.«

Sie lagen nebeneinander auf seinem Bett, zu dem sie über eine Leiter hatten hinaufsteigen müssen. Sie blickte an die Decke, die er blau gestrichen hatte und die sie fast berühren konnte, wenn sie ihre Hand ausstreckte. Seine Mutter war ins Zimmer gekommen und hatte gerufen, »Bist du da?« Sie waren ganz still geblieben, hier oben würde sie nicht nachsehen.

»Und du?« fragte sie.

»Auf einer Bühne stehen und singen.«

»Und bejubelt werden?«

»Natürlich.«


In dem Sommer nach dem Abitur fuhr sie oft mit Holger in seinem Mercedes. Der erschien ihr gar nicht mehr zu groß, manchmal fast nicht groß genug. Sie genoss die Freiheit in dieser Landschaft, die für sie keine Ödnis war. Sie genoss die Freiheit fahrend neben Holger auf dem Beifahrersitz oder nackt neben ihm liegend auf Rücksitz. Sie genoss die Freiheit auf dem Rücken der Pferde, die Arbeit auf Johanns Hof, die so müde machte, dass sie abends an nichts mehr denken konnte, noch nicht einmal ans Bett. Sie genoss diesen ersten freien Sommer ihres Leben, bis Holger irgendwann sagte: 

»Du liebst die Pferde mehr als mich.«


- 2 -


Am Ende des Sommers kam Lenas Vater zurück. Er tauchte auf in einem sehr neuem, sehr schwarzem Audi und trug jetzt einen Anzug — so selbstverständlich, so leger. Sein Haar war ein bisschen grauer und kürzer als früher und er gutes Stück dünner. Er sah so viel gesünder aus als Lenas Mutter.

Natürlich würde er nicht bleiben. Er hatte sich angekündigt, aber Lenas Mutter hatte Lena nichts davon erzählt. Sie hatte gewusst, dass ihre Tochter sofort geflüchtet wäre.

»Ich habe jemanden kennengelernt«, sagte er, aber er verriet nicht, wann. Weder Lena noch ihre Mutter fragten ihn danach. Lena wollte ihm nicht eine einzige Sekunde mehr Aufmerksamkeit schenken als nötig, und ihre Mutter hatte der Chantré so sentimental gemacht, dass sie diese Demütigung ertrug.


Mit den Reisen nach Hamburg hatte es angefangen, vor drei Jahren. »Ich muss«, hatte er damals gesagt und Lena über den Kopf gestrichen. Er hatte wirklich so ausgesehen, als hatte er nicht gehen wollen. Die winzige Firma für Windkraftturbinen, für die er damals gearbeitet hatte, war gekauft worden, die Leute in der Verwaltung entlassen und die Ingenieure vor die Wahl gestellt: Entweder sie reisten alle drei Wochen ins Hauptquartier oder sie mussten gehen. Ein paar kündigten sofort, ein paar später, die meisten arrangierten sich.

Seine Firma brachte ihn und seine Kollegen in einer möblierten Wohnung unter. »Wir sitzen abends im Wohnzimmer«, erzählte Lenas Vater, »und zählen die Tage, bis wir wieder nach Hause können.«. Lena wusste nicht, wann es zur Lüge wurde.

Irgendwann fing er an, dreimal im Monat nach Hamburg zu fahren statt nur einmal. Immer öfter blieb er über das Wochenende weg. Und er reiste nicht nur nach Hamburg, sondern auch nach London, in die Bretagne, sogar nach Shanghai. Wann genau er gar nicht mehr zurückgekommen war, konnte Lena nichts sagen. Irgendwann hatte sie aufgehört zu fragen: »Ist Papa bald wieder da?« 

Ihre Mutter hatte immer nur geantwortet: »Ich glaube, er braucht Zeit.«


»Ich habe jemanden kennengelernt«, sagte er jetzt, und es war egal, wann. Was er meinte, war: »Jetzt kann ich euch sagen, wie endgültig es ist.«

Er wollte ein paar Erbstücke von seinen Großeltern, er wollte ein paar Papiere, er wollte den Rest seiner Kleidung, die immer noch im Schrank im Schlafzimmer lag. Er brauchte kein neues Leben anzufangen, das hatte er schon. Er musste sein altes nur noch beenden.

Er hatte den Anstand, Lena nicht zu sagen, wie groß sie doch geworden war, aber er fragte sie, wie sie das Abitur bestanden hatte (»Mit 2,7«) und was sie jetzt machen wollte (»Weiß noch nicht«). Mehr fiel ihm nicht ein. Er und ihre Mutter verschwanden im Wohnzimmer, die Erbstücke holen und die Papiere. 

Lena wusste, dass sie nicht viel Zeit hatte. Sie stürmte die Trappe nach oben und in ihr Zimmer. Sie griff sich ihre Sporttasche und warf ein paar Sachen hinein: Unterwäsche, eine Jeans, einen Pullover. Sie blickte kurz um sich. Da lag der Stapel Bücher — billige Krimis, die sie las anstatt unten mit ihrer Mutter fernsehen zu müssen, und die Berichte über Pferdetrecks durch die USA und über Farmen in Argentinien, die sie schon auswendig kannte.

Sie dachte an Holger, an sein Bett und die niedrige blaue Decke. Sie dachte an seine Gitarre. Was wusste er schon von Pferden, was wusste er schon von der Liebe? 

Und was wusste ihr Vater schon über sie? Sie wollte nicht verzeihen, sie wollte niemanden etwas versprechen müssen.

Sie zog den Reißverschluss der Tasche zu und huschte aus ihrem Zimmer. Sie schlich die Treppe hinunter. Sie hörte die Stimmen ihrer Eltern aus dem Wohnzimmer: Ihr Vater beseelt von dem Selbstbewusstsein, »jemanden kennengelernt zu haben«, ihre Mutter betäubt vom Chantré.

Lena holte ihre Stiefel aus dem Schuhschrank und zog sie an. Sie wollte keine »Gespräch«. Keine Sätze die anfingen mit »Dein Vater und ich hatten schon lange Probleme gehabt« oder »Erst als ich weg war von deiner Mutter war, habe ich zu mir selbst gefunden.«

Sie wollte einfach nur weg.


»Du brauchst nicht auf dem Sofa zu schlafen«, sagte Johann. »Nimm das Nähzimmer.« Er machte keine Anstalten herauszufinden, was passiert war und erst recht keine, sie zu trösten. »Hast du schon gegessen?«

»Ich habe keinen Hunger.«

»Du musst mir beim Zaun helfen.«

»Ich bring nur erst meine Sachen hoch.«

Er nickte und stapfte an sie vorbei nach draußen. Lena ging die Treppe hoch. Vom Flur oben gingen vier Türen ab. Johanns Zimmer, in dem er sich nur zum Schlafen aufhielt und nichts mehr an seine Ex-Frau erinnerte. Das Zimmer, in dem Timo schlief, wenn er hier zu Besuch war und das immer so wirkte, als wäre er gerade erst herausgestürmt, um mit den Pferden zu spielen, die Tür offen, Lego und Spielzeugautos wild über dem Boden verstreut. Und schließlich das Nähzimmer, das so hieß, weil Johanns Ex-Frau irgendwann genug von den Pferden gehabt und angefangen hatte, hier Kleider zu schneidern.

 Die vierte Tür ging zum Badezimmer, in das sie später ihre Zahnbürste legen würde.

In dem Nähzimmer stand ein Schreibtisch, ein Schrank und eine Anprobepuppe ohne Kopf. Auf dem Boden lag eine Matratze. In dem Schrank fand Lena eine Decke, ein Kissen und Bettwäsche. Vielleicht hatte Johanns Ex-Frau sie hier hineingelegt, bevor sie mit Timo nach Köln verschwunden war, vielleicht auch Johann, weil er doch manchmal Gäste erwartete — egal.

Lena bezog die Matratze und legte ihre Sachen in den Schrank. Sie sah aufs Handy. Drei verpasste Anrufe von ihrer Mutter, einer von einer unbekannten Nummer. Sie legte das Handy zu ihren Sachen in den Schrank. Es gab keine Schule mehr, es gab keinen Holger mehr, es gab keine Eltern mehr. Die Anrufe, die sie bekommen würde, wollte sie nicht. Ab jetzt gab es nichts anderes als die Pferde und die Matratze hier auf dem Boden.


Lena verbrachte den Rest des Tages damit, Johann zu helfen. Sie schaffte den Draht heran, hielt die Pfähle fest, wenn er sie in den Boden schlug, und reichte ihm das Werkzeug. Sie wechselten kaum ein Wort. Lena war dankbar für die Arbeit und die kalte Luft. Niemand würde sie stören. Frau Kuhn, die einzige Reitschülerin für heute, hatte abgesagt: »Ich sollte nur reiten und nicht Fahrrad fahren. Drei Wochen darf ich mein Fußgelenk nicht bewegen.«

Sie arbeiteten bis in den späten Nachmittag. Das Gras begann, feuchte Spuren am Saum von Lenas Jeans zu hinterlassen. Wenn sie ganz besonders tief ausatmete, hingen Wolken vor ihrem Gesicht. Trotz der Anstrengung fror Lena und begann zu zittern. Sie hatten noch gut ein Drittel vor sich.

Johann sagte: »Geh rein und bereite schonmal das Abendbrot vor.«

»Wir sind noch nicht fertig.«

»Wenn du jetzt nichts isst, kippst du um. Das kann ich nicht brauchen.«

Er wartete nicht ab, wie sie reagierte. Er nahm einen neuen Pfahl und schritt die Entfernung ab, die zwischen diesem und dem vorigen liegen sollte. Lena rührte sich nicht. Sie wollte weiter arbeiten, sie wollte weiter nicht denken müssen.

Johann rammte den Pfahl mit den Händen in den Boden. Er sah sie an. Er war doch auch verlassen worden, er musste wissen, wie sie sich fühlte. Seine Wunden waren genauso alt wie ihre, aber ihre waren heute wieder aufgerissen worden. Sie wusste, dass sie nichts fordern konnte, ihn nur bitten konnte, sich hier verstecken zu dürfen.

Lena drehte sich um und ging auf das Haus zu. Eine Schwäche schoss durch ihre Beine, die sie fast stolpern ließ, eine schwarze Wolke schob sich in ihren Blick. Sie hielt inne. Sie atmete tief durch, einmal, zweimal, dreimal, dann zwang sie sich weiterzugehen.

Sie betrat das Haus durch die Waschküche. Die Feuchtigkeit begann, sich hier festzusetzen. Die Wäsche unter der Decke hing schon seit Tagen da und wurde nicht trocken. Lena schlüpfte aus ihren Stiefeln und schob sie unter die Spüle.

Sie ging in die Küche. Sie wusste, was sie im Kühlschrank finden würde: Viel mehr, als man von einem Mann erwarten konnte, der für seine Pferde lebte und seine Frau vergessen wollte. Vielleicht war es ein Vaterinstinkt: Jeden Moment konnte sein Sohn auftauchen, geflüchtet aus Köln, und Hunger haben.

Lena holte alles heraus, nur die Marmelade und die Reste vom Eintopf gestern ließ sie drin. Sie gab sich Mühe. Sie arrangierte den Käse und die Wurst auf einem Teller, sie schnitt Brot und legte sie in einen Korb. Sie setzte das Teewasser auf und wartete, bis es kochte. Sie sah aus dem Fenster — auf den Stall, der dunkel dalag und auf die Koppeln, auf denen sich mehr und mehr Tau setzte. Es fing schon an zu dämmern.

Mit einem Klick schaltete sich der Wasserkocher aus. Lena wollte das Wasser in die Kanne gießen, da tauchte Johann draußen vor dem Stall auf. Zuerst dachte sie sich nichts dabei. Er musste wissen, dass das Abendbrot bald fertig war. Er würde das Werkzeug wegbringen wollen — doch wieso hatte er keines dabei?

Neben dem Stall führte die Auffahrt zur Straße hinunter, und zwischen den Büschen, die sie säumten, tastete sich ein Licht heran. Lena hatte auf diesem Hof noch nie jemanden anderes gesehen als Timo, die Reitschülerinnen oder den Tierarzt. Es war ein schwarzer Audi, der zwischen den Büschen auftauchte, dieser viel zu neue Audi, den ihr viel zu glücklicher Vater fuhr.

Lena wich vom Fenster zurück. Trotz der Dämmerung hatte sie kein Licht angemacht. Ihr Vater würde sie nicht sehen können — nicht sofort. Er steuerte den Audi auf die Betonfläche vor dem Stall und hielt an. Das Licht der Scheinwerfer erlosch. Johann stand einfach nur da und wartete.

Lenas Vater stieg aus. Er blickte sich um, blickte zum Haus hin und zum Küchenfenster. Lena rührte sich nicht, aber er sah sie nicht, sah sich einfach nur weiter um. Irgend etwas schien Johann zu sagen, denn Lenas Vater schritt auf ihn zu, den Mantel geöffnet, die rechte Hand in der Hosentasche. 

Lena konnte nicht hören, was sie miteinander sprachen. Lenas Vater deutete aufs Haus, Johann antwortete etwas und stand weiterhin nur unbeweglich da. Lenas Vater machte zwar ein paar Schritte auf Johann zu, aber nicht an ihm vorbei. Er steckte jetzt beide Hände in die Taschen und schien zu schweigen. Lena glaubte nicht, dass Johann ihn mit Gewalt zurückhalten würde.

Lenas Wut auf ihren Vater war der Müdigkeit nach der Arbeit gewichen. Vielleicht hätte sie ihm zugehört, wenn er Johann beiseite geschoben hätte und ins Haus gekommen wäre. Aber er stand nur da, die Hände in den Taschen und nickte, obwohl Johann gar nichts sagte. Und als er sich umdrehte und zu seinem Audi ging, wollte Lena am liebsten das Fenster aufreißen und etwas hinterherschreien. Sie tat es nicht, die Müdigkeit gab ihr Kontrolle. Ihr Vater stieg in das Auto ein und ließ den Motor an. Die Scheinwerfer leuchteten auf. Johann wartete gar nicht erst darauf, dass der Audi anfuhr und zwischen den Büschen verschwand. Er drehte sich um und ging zur Hintertür. Lena hörte, wie er hineinkam und seine Schuhe auszog. Der Audi setzte zurück und steuerte dann die Auffahrt an. Als Johann in die Küche trat, sah Lena noch das letzte Glimmen der Rücklichter.

Johann schaltete das Licht an. Lena blinzelte. Die Welt vor dem Fenster war mit einem Male verschwunden.

»Essen wir«, sagte Johann.


Sie hatten vier Reitschülerinnen.

Da waren die Brodersen-Schwestern, die von ihrer Mutter im BMW gebracht wurden und von denen die jüngere der Schwestern immer gleich nach dem Aussteigen in Richtung Koppel stürmte. Die ältere hingegen schlurfte ihrer Mutter hinterher und murmelte: »Bloß weil du früher keine Reitstunden gekriegt hast, warum muss ich jetzt welche nehmen?« 

Da war die so zarte Vicki, von der Lena nicht den Nachnamen kannte, die sogar bei diesem Wetter mit dem Fahrrad kam, den ganzen Weg aus der Stadt, weil ihre Mutter Pferde für Zeitverschwendung hielt und sie nicht herfahren wollte. Jeden Morgen trug sie Zeitungen aus, um sich die Reitstunden leisten zu können. Jede Zerbrechlichkeit, jede Traurigkeit, verschwand in dem Augenblick, in dem sie im Sattel saß.

Und dann war da natürlich auch noch Frau Kuhn, deren Fußgelenk wieder geheilt war. Sie war die einzige Schülerin Johanns über zwanzig, über vierzig sogar. Sie hatte sich ihren Traum erfüllt: »Jetzt wo ich von meinem Mann los bin, kann ich endlich reiten lernen.« Zweimal die Woche kam sie mit ihrem Opel Astra herangeprescht, sprang aus dem Auto und rief: »Dieser Geruch! Diese Luft!«

Noch vor zwei Jahren hatte Johann außerdem Stallboxen vermietet, Futter und Pflege inklusive. An den Leuten, die in ihnen ihre Pferde untergebracht hatte, hatte er das meiste Geld verdient, aber sie waren unberechenbar gewesen. Sie wollten auf der Koppel reiten, wenn Johann gerade Unterricht gab. Sie kamen manchmal erst um neun Uhr abends und sagten: »Was meinen Sie mit ›Zu spät‹? Es ist doch noch fast zwei Stunden hell.« Manche mäkelten sogar am Futter herum.

Lena wusste nicht, ob die Stallboxmieter kündigten oder Johann sie rauswarf. Er hatte sie noch nie gemocht. Sogar mit denjenigen, die ihm keinen Ärger machten, war er unzufrieden gewesen: »Sie sollen sich lieber ein Auto kaufen, wenn sie angeben wollen. Etwas, das nicht lebt.«

Johann konnte besser mit Kindern umgehen als mit Erwachsenen. Seine Schüler liebten ihn, sogar die ältere der Brodersen-Schwestern, die oft genug vergaß, dass sie das Reiten hasste, wenn sie erst einmal im Sattel saß. Sie gehorchten ihm, weil er sie ernst nahm. Er musste nicht streng sein, weil er sie Fehler machen ließ. Manchmal gab er eine ganze Reitstunde lang keine einzige Anweisung.


Johann verlangte von Lena nicht mehr, als dass sie ihre Arbeit machte. Er bezahlte sie genauso viel wie vorher, als sie noch nicht auf dem Hof gewohnt hatte. Er zog nichts ab für Kost oder Logis. Ohne dass sie es abgesprochen hatten, machte er das Frühstück, sie Mittag und das Abendessen. Die Abende verbrachte Lena mit ihm auf dem Sofa, die Lider schwer von der Arbeit, und sah sich mit ihm etwas im Fernsehen an, an das sie sich später nicht mehr erinnern konnte.

Manchmal dachte sie Argentinien. Dort war Frühling jetzt, aber was würde sie dort anderes tun? Einen Zaun bauen, Pferde füttern, sie ausreiten, sie zusammenhalten, in einer Landschaft mit noch mehr Platz und mit Menschen, die eine andere Sprache sprachen. Wie viele Farmen hatten wirklich einen Helikopter?


Sie hatten drei Pferde.

Da war Balko der Geduldige. Er blieb lieber stehen, als einen Fehler zu machen. Alle liebten ihn, auch Timo natürlich, den etwas Besonderes mit Balko verband: Sie waren gleich alt. Johann hatte Balko als Fohlen gekauft, damit er und Timo miteinander aufwachsen konnten. Ob reiten oder geritten werden: Die Geduld hatten sie von einander gelernt.

Da war Juno der Wilde. Er ließ nicht nur die Fehler seiner Reiter zu, sondern machte auch selbst welche. Johann traute ihm nur Schüler zu, die einem Pferd widersprechen konnten. Vicki ritt lieber auf ihm als auf Balko: »Ich will nicht, dass mir jemand Vorschriften macht, also will ich auch nicht, dass sich mein Pferd welche machen lässt.«

Und dann war da noch Lily. Auf ihr ritt niemand mehr. Sie graste auf der Koppel nebenan, während Johann seine Stunden gab. Sie war schon über dreißig Jahre, aber Johann sagte: »Einen Menschen gibt man ja auch nicht weg, wenn man ihn nicht mehr braucht.«


Die Herbstferien kamen und damit Timo. Seine Mutter brachte ihn den ganzen Weg aus Köln. Als ihr Auto die Auffahrt hinauf kam, verschwand Lena im Haus, obwohl Johann sie nicht darum gebeten hatte. Lena beobachtete Timos Mutter aus demselben Küchenfenster aus dem sie vor ein paar Wochen ihren Vater beobachtet hatte. Wie er fuhr sie einen Audi, nur weiß und kleiner. Sie trug einen grauen Mantel und darunter ein rotes Kleid, das Lena sich hässlich fühlen ließ, obwohl sie doch viel jünger war. Timos Mutter nickte Johann zu und gab ihrem Sohn einen Kuss zum Abschied. Wenn Worte fielen, dann für Lena nicht sichtbar.

Als Timo ins Haus kam, sagte er zu ihr nur »Hallo Lena«. Er brachte seine Sachen nach oben in sein Zimmer und war so schnell wieder unten, dass er sie unmöglich hatte auspacken können.

Von diesem Moment an verbrachte er fast jede wache Minute auf den Koppeln oder im Stall. Wenn er sich einmal in seinem Zimmer aufhielt, spielte er kaum noch mit Lego oder seinen Autos. Er hatte einen iPod jetzt und Bücher, die nicht nur von Pferden handelten, sondern auch von Großstädten.

Er striegelte, er putzte, er half Johann beim reparieren des Stalldachs. Er war noch nicht ganz so weit, dass er Lena ersetzen könnte, aber fast. Wenn Johann sich um die Schülerinnen kümmern musste, verbrachte Timo die Zeit mir ihr. Sie traf die Entscheidungen und übernahm die schwersten Arbeiten selbst. Timo hörte auf sie, obwohl er nicht musste.

Er hatte den Ernst und den Willen seines Vaters. Er konnte besser reiten als die jüngste Brodersen-Schwester und fast so gut wie Vicki. Wenn sie übte, sah er ihr zu, aber sprach sie nicht an. Vielleicht träumte er von ihr nachts im Bett, vielleicht schon mit den Händen in seinem Schritt.

Einmal am Tag ritt Johann mit Timo aus. Lena sah ihnen hinterher, wie sie den Pfad zum Wald hinauf trabten und dann in ihm verschwanden. Sie fühlte sich dann weniger eifersüchtig als verlassen, allein auf diesem Hof, dem einzigen Ort, an dem man sie willkommen hieß und an dem sie willkommen sein wollte. Sie wünschte sich, dass Lily nicht so alt wäre und sie Johann und Timo begleiten könnte.

Johann musste wissen, dass Timo ihm eines Tages entgleiten könnte. Nicht dass Timo anfangen würde, Kleider zu schneidern wie seine Mutter, aber Timo war elf und Köln soviel größer als dieses Dorf und dieser Hof. Wen hatte er auf dem Gymnasium kennengelernt, wen würde er noch kennenlernen? Wer oder was lauerte in den Straßen des Schulwegs? Wann gab es die erste Zigarette, den ersten Schluck Bier, den ersten Kuss?

Eigentlich wussten Lena und Timo nichts von einander. Sie fragte ihn nie nach der Mutter, nie nach Köln, und er fragte nie nach ihren Eltern. Sie brauchten keine anderen Gemeinsamkeiten als die Pferde. Sie erzählte ihm manchmal von Argentinien, und er ihr davon, dass er einmal den Hof übernehmen würde.

Nur eines wollte er wissen: »Warum schläfst du im Nähzimmer?«

»Ich will nicht mehr bei meiner Mutter wohnen.«

»Zahlst du Miete?«

»Ich arbeite hier.«

Das schien ihm zu genügen.

Sie zog sich abends zurück. Sie saß in dem Nähzimmer und las die Bücher, die sie dort im Schrank gefunden hatte — seichte Romane über starke und unabhängige Frauen, die eine Firma führten oder Gehirne operierten, aber die trotzdem einen Mann brauchten, um dem Leben einen Sinn zu geben. Lena wünschte sich, dass sie auch einen iPod hatte, wünschte sich ihre Bücher über Argentinien. Manchmal nahm sie ihr Handy, das immer noch im Schrank lag. Sie war sich sicher, dass es Nachrichten gab: Von ihrem Vater, von ihrer Mutter, vielleicht sogar von Holger. Solange sie das Handy nicht einschaltete, war sie sicher. Ihre Mutter und Holger waren zu feige, um sich auf Johanns Hof zu trauen — und ihr Vater schon längst wieder bei der Frau, die er »kennengelernt« hatte. Sie wusste, dass sie irgendwann eine Entscheidung treffen musste — spätestens, wenn der Winter kam.

»Du musst da oben nicht allein sitzen«, sagte Johann irgendwann.

»Ihr habt doch so wenig Zeit zu zweit.«

»Die Zeit mit ihm wird nicht weniger, nur weil du dabei bist.«

Die restlichen Abende, bevor Timo abreiste, verbrachten sie zu dritt. Sie saßen in der Küche und spielten Monopoly oder Malefitz. Lena vergaß machmal, dass Johann ein anderes Leben gehabt hatte, eines mit weniger Schweigen, mit einer Frau und mit einem Kind, das sie gewollt hatten. Lena schien, als wären sowohl Timo als auch sein Vater froh, dass sie dabei war — als würde sie eine Spannung aufbrechen, die entstehen kann, wenn sie zwei Menschen zu sehr aufeinander konzentrieren müssen. Lena baute die Brücke. Sie war jung genug, um Timos große Schwester sein zu können, aber alt genug, dass Johann sie ernst nahm.


Als Johann am vorletzten Tag der Ferien die Pferde für seinen Ausritt mit Timo sattelte, sagte der: »Kann ich mit Lena reiten?«

Lena zögerte. Sie wollte in diesem Gleichgewicht nichts verschieben, von dem sie gerade erst ein Teil geworden war. Doch Johann lächelte. Ein bisschen mehr Normalität, ein Schritt weiter weg von dem Satz, den Timo manchmal sagte: »Papa, ich wünschte, du würdest dich besser mit Mutter verstehen.«

Lena ritt voran. Er zeigte ihr die Strecke durch den Wald, die er immer gemeinsam mit seinem Vater ritt. Sie sprachen kaum ein Wort, nur manchmal sagte Timo »Geradeaus« oder »Da an der Fichte links.« Sie ritten, bis sie den Rand des Waldes erreichten

Sie blieben stehen. Vor ihnen lagen Weizenfelder und jenseits von ihnen das Dorf, gerade so viel tiefer, dass man über die Dächer hinwegblicken konnte und sich nur die Kirche in den Blick stellte. Lena suchte nach ihrem Elternhaus, fand es, aber konnte ja doch nichts erkennen: Nicht ob die Rollläden geschlossen waren, nicht ob das Rasengras wieder viel zu hoch wuchs. Nicht ob vielleicht doch ein Audi in der Einfahrt stand.

»Ich könnte natürlich schon allein reiten«, sagte Timo. »Aber mein Vater traut mir das nicht zu.«

»Er will nur nicht, dass dir was passiert.«

»Weiß ich doch.«

»Er passt auf dich auf«, sagte Lena.

»Auf dich auch?«

»Ich denke schon.«

»Das kann er gut.«

Lena hätte gerne Fragen gestellt: Wie sieht dein Vater aus, wenn er wirklich glücklich ist? Wie hat er deine Mutter geliebt? Wie weiß ich, dass er nicht nur auf mich aufpasst, sondern auch bei sich will? Aber das würde zu weit gehen — und wie sollte Timo die Antwort kennen?

Als sie sich zu Timo umdrehte, sah sie, dass er schon wieder weiter ritt, auf dem Weg, der zwischen Waldrand und Weizenfeld entlang führte. Erst langsam, als wollte er Lena die Chance geben, ihn einzuholen, dann schneller und schneller. Lena beeilte sich, hinterher zu kommen. Sie verfielen in einen Galopp. Auf der einen Seite rauschten die Bäume vorbei, auf der anderen Seite die Weizenhalme.

»Timo«, rief Lena, »langsam!«

Er ritt weiter. Erde spritzte unter den Hufen auf. Sie wusste, was er jetzt fühlte: Galopp hieß, dass man die Kontrolle aufgab. Galopp hieß, dass man sich dem Pferd anvertraute und ihn darum am nächsten war. Sie verstand ihn, aber sie hatte Angst.

»Timo!« Warum sollte er auf sie hören? Warum sollte er glauben, dass sie etwas besser wusste? Bestrafen konnte ihn nur sein Vater. In ihr stieg Panik auf.

Er wurde langsamer, zuerst ein wenig, dann blieb er fast stehen. Balko dampfte.

Lena holte ihn ein.

»Was ist?« fragte Timo. »Ich kann das schon.« 

»Die Äste«, sagte Lena.

»Wir sind doch gar nicht unter den Bäumen.«

»Aber dahinten«, sagte Lena und deutete den Weg hinunter. »Da geht es wieder rein in den Wald. Da hängen Äste.«

»Der Weg ist doch breit genug. Da kann ich noch zweihundert Meter weitergaloppieren. Erst dann muss ich abbiegen. Erst dann wird es wieder eng. Ich kenn das doch.«

Sie wollte nicht zugeben, dass sie Angst gehabt hatte. »Ich pass doch nur auf dich auf«, sagte sie.

Er blickte sie an. Sein Gesicht war rot. Ein Widerspruch von ihm konnte jetzt alles zunichte machen.

»Und wenn du voraus galoppierst?« fragte er.

»Das nächste Mal.«

Er nickte. Er hatte etwas erreicht, ohne gewusst zu haben, dass er es wollte. Seine Intuition hatte ihm befohlen, Grenzen auszuloten.

»Lass uns zurück«, sagte Lena. »Gleich ist wieder Unterricht.«

»Wer kommt?«

»Vicki.«

»Oh«, sagte Timo und wurde noch röter.


»Das habe ich jedes Jahr gemacht«, sagte Johann. »Timos Mutter hatte keine Geduld für einen Braten.« Er stellte die Gans auf den Tisch. Sie lag in einem Kreis aus Gemüse, die Haut knusprig und braun. Sogar die Beinknochen hatte er mit Alufolie umwickelt. Es war das erste Mal, dass er seine Ex-Frau erwähnte.

Er drehte sich um und nahm das Messer vom Haken über der Arbeitsplatte. »Das erste Stück ist für dich.«

Lena hatte nicht erwartet, dass er heute so guter Dinge sein würde. Er hatte sogar einen kleinen Tannenbaum im Wohnzimmer aufgestellt und einen Adventskranz vom Dachboden geholt. Er hatte Lena hinausgescheucht aus der Küche mit den Worten: »Heute bin ich dran.«

Er schnitt ihr ein großes Stück von der Brust ab und legte es auf ihren Teller.

»Iss soviel du kannst«, sagte er. »Ich habe keine anderen Geschenke.«

Fast drei Monate war es her, dass Timo hier gewesen war, und mehr als drei Monate sollte es noch dauern, bis er wiederkommen würde. Lena konnte sich vorstellen, was Johanns Ex-Frau gesagt hatte: »Du kriegst ihn die Hälfte der Sommerferien, die ganzen Osterferien, die ganzen Herbstferien. Zu Weihnachten bleibt er bei mir.«

Johann schenkte ihr Wein ein. Sie aßen. Manchmal sah er sie über die Gans hinweg an. So selten gab es die Momente, in denen sie hier in der Küche saßen und nicht nur ihren Hunger stillten, sondern ausgeruht genug waren, um das Essen zu genießen. Arbeit würde es wieder geben, wenn Schnee fiel. Nur noch Vicki kam manchmal, um zu reiten, den Brodersen-Schwestern und Frau Kuhn war es zu kalt und zu feucht.

»Ich habe auch kein Geschenk«, sagte Lena.

»Du hilfst mir. Das reicht.«

»Du bezahlst mich.«

»Aber nicht genug.«

»Du lässt mich hier wohnen.«

»Das Zimmer steht sowieso leer.«

Lena wartete darauf, dass er noch mehr über seine Ex-Frau sagen würde. Lena kannte noch nicht einmal ihren Namen. Was hatte sie am Heiligabend gemacht, während Johann die Gans zubereitet hatte? War sie mit Timo spazieren gegangen — vielleicht sogar Schlitten gefahren, wenn Schnee lag? War er aufgeregt gewesen?

»Hat deine Mutter angerufen?« fragte Johann.

»Mein Handy ist immer noch aus.«

»Wärest du lieber bei ihr?«

»Heute genauso wenig wie sonst.«

Johann nickte. Es war kein Abend, an dem sie einander Fragen stellen sollten. Er schnitt ihr noch ein Stück Fleisch ab. »Ich bin froh, dass du keine bist, die meint, dass sie auf ihre Kilos achten muss.«

Lena musste lächeln. Sie sah an Johanns Augen, dass der Wein ihn zu Kopfe gestiegen war. Sie wusste, dass es ein Kompliment sein sollte. Er behandelte sie fast nie als Frau, deren Körper ihm etwas bedeuten könnte. Sie betrachtete sein Gesicht, seine Wangen. Er hatte sich heute morgen rasiert, aber es bildeten sich schon wieder graue Stoppeln. Wie rau mussten sie sich anfühlen.

Sie fragte: »Darf ich bei dir schlafen heute Nacht?«


Es war der Winter der Stürme. Wochenlang wehte ein ständiger Wind, der sich immer wieder für einen oder zwei Tage zu solcher Wucht aufschwang, dass er Lena sogar auf dem Hof im Schutz des Waldes den Atem raubte. Es waren die Tage, an denen nur Johann das Haus verließ. »Ich muss nach dem Rechten sehen«, sagte er. »Du bleibst besser hier.«

Jeder der Stürme hinterließ soviel Äste, Blätter, manchmal sogar Dachschindeln, dass sie die Tage damit verbringen mussten, den Hof wieder aufzuräumen. Manchmal arbeiteten sie noch spät abends in dem Licht von Scheinwerfern, und fast immer waren sie abends so müde, dass Johann schon eingeschlafen war, wenn Lena aus dem Badezimmer kam, und sich zu ihm legte.

Morgens, noch in der Dunkelheit, tasteten sie nach einander. Manchmal flüsterte Johann, »Bist du wach?«, schüchtern fast. Lena hatte härteren, präziseren Sex von ihm erwartet, aber er war so zärtlich und küsste sie mehr als irgendeiner der Jungen, mit denen sie vor ihm geschlafen hatte.

Lena wusste nicht, ob sie verliebt war, aber sie fühlte sich zu Hause. Es störte sie nicht, dass sie so wenig miteinander redeten, und sie verstand, dass er in den Sturm hinaus ging, um allein zu sein. Sie war nicht anders. Sie genoss die Stunde für sich auf dem Sofa, wenn er dort draußen war, schloss die Augen und hörte dem Heulen des Windes zu.

Nach dem Weihnachtsabend hatte er sie nie wieder nach ihrer Mutter gefragt und nie wieder seine Ex-Frau erwähnt. Sie wusste, wie er war, sie musste aber nicht wissen, wie er zu dem geworden war. Sie ahnte, dass sie nicht das erste Mädchen auf dem Hof war, mit dem er schlief.

Lena dachte nicht mehr an die Zukunft, wollte keine Entscheidung mehr treffen. Es gab eine Routine zwischen ihnen, diktiert von den Pferden, von dem Wetter und den Schülern. Wenn die wie so oft in diesem Winter nicht kamen und der Wind es erlaubte, ritten Lena und Johann selbst aus und versuchten, die Reitwege so gut es ging von den Ästen zu befreien. 

Erst Mitte Februar drehte sich der Wind und brachte den Schnee. Eines morgens fiel er — in dicken, undurchdringlichen Flocken und legte eine Stille über alles, die Lena selbst auf diesem Hof nicht für möglich gehalten hatte. Sie wäre am liebsten quer über die Felder geritten, hätte das weiße Pulver zum Fliegen gebracht, aber Johann kannte die Bauern: »Auch wenn jetzt nichts auf den Felder wächst, glauben sie, man kann immer noch etwas zerstören.«

Die Schüler kamen wieder öfters. Es störte sie nicht, dass manche Wege unpassierbar waren und dass Johann ihnen verbot, schneller zu reiten als Schritt. Sie wollten auch ein Stück von dieser Stille, wollten diesen Winter genießen, wenn er denn schon kein Ende zu nehmen schien.

Manchmal ritt Lena allein bis zum Ende des Waldes, blickte über das Dorf und suchte das Haus ihrer Mutter. Aber es war unmöglich, die schneebedeckten Dächer voneinander zu unterscheiden. Was es an Leben in dieser Landschaft gab, fiel vielleicht schwerer, aber Lena mochte diesen Zwang zur Langsamkeit, den Zwang zum Flüstern. Man konnte es hier oben eher spüren als da unten. Sie ahnte, dass die Menschen im Dorf über das Wetter fluchten, aber Lena wollte nicht, dass sich die Dinge wieder schneller bewegten.


Timos Mutter brachte ihren Sohn am ersten Samstag in April.

Zwölf Tage später war er tot.

Als er ankam, zog Lena aus dem Schlafzimmer aus, obwohl Johann sie nicht darum gebeten hatte. Timo sollte seinen Vater nicht zwingen müssen, sich zu entscheiden. Alles sollte so bleiben, wie es war zwischen ihnen dreien.

Doch vielleicht hätte sie sich gar keine Sorgen machen müssen. Manchmal sagte Timo Sätze wie: »Ich glaub, mein Vater bräuchte mal eine Frau wie dich.« Sie wusste nicht, ob er schon alt genug war, so etwas zu sagen, oder ob er es irgendwo aufgeschnappt hatte.

Gleich am ersten Tag räumte Timo auch die die letzten Spielsachen, die noch auf dem Boden seines Zimmer lagen, in einen Schrank. Er hatte jetzt ein Smartphone und Freunde in Köln, mit denen er sich schrieb. Er wollte einen Fernseher für sein Zimmer, aber Johann fragte:

»Was ist mit den Büchern?«

»Zu Hause habe ich einen Laptop, aber den durfte ich nicht mitnehmen.«

»Und mit dem liest du?«

»Ich gucke Filme.«

»Hier gibt es nur einen Fernseher, und der steht im Wohnzimmer.«

Johann versuchte die Balance. Er wollte Timo nicht verwöhnen, aber er wollte auch nicht, dass er eines Tages in den Ferien lieber in Köln bleiben wollte. Noch immer verbrachte er die meiste Zeit mit den Pferden, aber auf dem Hof half er nur noch, wenn man ihn darum bat. Gab es kein Pferd zu reiten und keine Aufgabe für ihn, ging es in sein Zimmer zu seinem Smartphone.

Am dritten Ferientag, als es auch für Lena nichts zu tun gab, ritt sie wieder mit Timo aus. Sie nahmen dieselbe Strecke wie im Winter, aber nie wieder versuchte er, vorauszugaloppieren und nie wieder wiederholten sie das kurze Gespräch aus dem Winter. Timo ritt hinterher, auch wenn der Weg breit genug war für zwei Pferde nebeneinander. Lena gehörte für Timo jetzt zu der Welt seines Vaters — egal ob er wusste, was zwischen ihnen vorging oder nicht. Sie versuchte nicht, ihn aus seinem Schweigen zu locken.

Am Abendbrottisch fragte Timo seinen Vater: »Warum darf ich nicht alleine reiten?«

»Du kennst die Wege nicht gut genug«, sagte Johann.

»Ich reite auf ihnen jede Ferien.«

»Sie verändern sich.«

»Aber sie verändern sich auch für euch.«

»Wir habe genug Erfahrung, um die Veränderung eines Weges zu ahnen.«

Timo lachte, und zum ersten Mal schien Johann kurz davor zu sein, ihn anzuschnauzen. Er konnte sich gerade noch beherrschen und sagte: »Du reitest allein, wenn ich sage, dass du allein reiten kannst.«

Timo wusste, dass es zwecklos war zu widersprechen und schaufelte den Rest des Essens schweigend in sich hinein. Als er fertig war, fragte er: »Kann ich gehen?«

Johann nickte nur.

Timo nahm seinen Teller und stellte ihn mit lautem Geschepper in die Spüle. Er musste wahrscheinlich an sich halten, um beim Hinausgehen nicht die Tür hinter sich zuzuschlagen.

»Er hat Recht«, sagte Lena.

»Er ist zu unvorsichtig.«

»Er hat viel gelernt.«

»Aber noch nicht genug.«

»Er hat so jung angefangen zu reiten. Wieso sollte er noch nicht soweit sein? Er kann mehr als die meisten deiner Schülerinnen.«

»Was ist dabei, zu zweit auszureiten?«

»Wenn man jung ist, möchte man Dinge allein ausprobieren.«

Sie sprachen an diesem Abend nicht mehr darüber. In der Nacht schlich Lena zu Johann und schlief mit ihm. Sie hatte sich gewünscht, er hätte sie dazu eingeladen, und als sie ihn auf sich draufzog, flüsterte er, »Leise, er schläft nebenan.« Hinterher dämmerte Johann sofort wieder weg, und Lena zwang sich, nur ein bisschen zu dösen. Bevor es wieder hell wurde, war sie wieder zurück in ihrem Zimmer.


Lena hatte nicht beobachtet, wer den ersten Schritt gemacht hatte, Timo oder Vicki. Vicki musste gerade erst angekommen sein und hatte ihr Fahrrad gegen die Stallmauer gelehnt. Timo stand neben ihr, die Schaufel noch in der Hand, mit der er gerade den Gemüsegarten umgrub, den Johann anlegen wollte.

Lena stand in der Küche und beobachtete sie durchs Fenster. Timo sagte etwas, über das Vicki lachte. Er stützte sich lässig auf seine Schaufel ab. Er deutete in Richtung Wald und fasste sie an die Schulter, um sie in den richtigen Blickwinkel zu drehen. Er wusste, was er tat.

Lena dachte an Holger. Er war der letzte, mit dem sie geschlafen und gelacht hatte. Johann war zwar zärtlich, aber immer ernst. Er musste auch einmal so gewesen sein wie sein Sohn jetzt — überzeugt davon, dass das Leben noch größer werden würde. Er musste doch einmal geflirtet haben. Eine Frau wie Timos Mutter gewann man nicht nur mit Willenskraft.

Vicki und Timo gingen um den Stall herum und außer Sichtweite. Lena glaubte nicht, dass schon etwas passieren würde, aber sie musste den Drang bekämpften, nach draußen zu gehen und nachzuschauen. Sie wollte, dass es mehr Glück gab hier auf dem Hof. Wenn Timo einen Grund mehr hatte, sich darauf zu freuen, hierher zukommen, musste Johann sich weniger Sorgen machen, dass er ihm entglitt.

Sie blieben fünf Minuten weg, zehn Minuten. Lena putzte zum dritten Mal die Arbeitsplatte und kam sich allmählich lächerlich vor. Sie wollte gerade gehen, als die beiden wieder auftauchten. Vicki führte Juno an der Leine, Timo Balko. Johann kam ihnen entgegen, stutzte und blieb stehen.

Timo sagte etwas, und Johann stutzte noch einmal. Vicki sah Timo überrascht an. Johann schüttelte den Kopf. Timo fing an, auf seinen Vater einzureden, Vicki senkte den Kopf, ihr war die Sache peinlich. Johann nahm Timo die Leine ab. Timo redete weiter auf auf ihn ein, aber Johann achtete nicht auf ihn und führte Balko zum Stall zurück. Timo stapfte ihm hinterher, schrie jetzt fast, Lena konnte seine Stimme hören, aber nicht, was er sagte.

Vicki blieb zurück. Verloren stand sie und wartete. Juno rieb seine Nüstern an ihre Schulter. Lena wäre am liebsten hinausgegangen zu ihr und hätte gesagt: »Timo hat es ein bisschen dumm angefangen, aber er wollte doch nur mit dir allein sein.« Vicki strich Juno über den Hals und murmelte etwas, sprach sich selber Mut zu oder beschwerte sich über die Albernheit der Männer.

Johann kam zurück. Hinter ihm schlurfte Timo. Johann sagte etwas zu Vicki und ging in Richtung Koppel. Vicki blickte Timo an, der zuckte mit den Schultern, sagte etwas und verdrehte die Augen. Sie nickte. Sie lächelte ein bisschen, aber war das genug, um die Situation zu retten? Sie sagte noch etwas, und dann folgte sie Johann.

Timo blieb noch einen Moment stehen. Lena ahnte, dass er Tränen der Wut unterdrücken musste. Er drehte sich schließlich um und ging ins Haus. Lena hörte, wie er die Treppe hinaufstampfte und die Tür zu seinem Zimmer hinter sich zuschlug. Die Schaufel stand immer noch an der Stallmauer gelehnt.


In der Nacht vor Timos Tod wehte ein Wind — nicht so stark wie während der Stürme des Winters, aber stark genug, dass Lena ihn heulen hörte, als sie aus Johanns Bett zurück ins Nähzimmer schlich. Johann wusste natürlich, dass der Wind Äste abknicken konnte — vielleicht sogar ganze Bäume. Warum erlaubte er Timo am Morgen danach, allein auszureiten? Vielleicht wollte er wieder gut machen, dass er Timo vor Vicki blamiert hatte. Vielleicht war er auch erst jetzt bereit zu glauben, was Lena ihm gesagt hatte: »Er kann mehr als die meisten deiner Schülerinnen.« Und: »Wenn man jung ist, möchte man Dinge allein ausprobieren.«

»Du reitest auf Balko oder gar nicht«, sagte Johann, »Er wird dich bremsen, wenn du dich selber nicht bremsen kannst.«

Was Johann nicht bedachte: Balko bremste nur dann, wer er eine Gefahr für sich selber sah. Der Ast, der Timo von seinem Rücken riss, hing hoch genug, dass Balko darunter passte. Ein Pferd hat kein Gefühl für seinen Reiter, es vergisst die zusätzliche Dimension.

Es passierte an derselben Stelle, an der Timo im Winter galoppiert war, dort, wo der Weg nach ein paar hundert Meter am Rande des Feldes wieder in den Wald eintrat und eine Kurve machte. Lena glaubte nicht, dass Timo zu schnell gewesen war. Er hatte einen starken Willen entwickelt, aber keinen Übermut. Er konnte den Ast erst sehen, als es schon zu spät war. Nur im allerlangsamsten Schritt hätte Timo noch anhalten können. Wäre er einfach nur auf den Boden gestürzt, könnte er noch leben, aber sein Kopf prallte auf einen Stein und zerbarst. Er war sofort tot.

Viel mehr erfuhr Lena später nicht. Als Timo nach zwei Stunden nicht zurück war, sagte Johann: »Ich gehe ihn suchen. Bleib du hier, falls er zurückkommt.« Lena wusste nicht, was sie dann tun sollte, hatte Johann doch kein Handy, auf dem sie ihn anrufen konnte. Sie wollte nicht allein zurückbleiben. In der Einsamkeit wuchs ihre Angst. Sie lauschte auf Martinshörner, aber es war so still wie schon lange nicht mehr. Der Wind hatte soweit nachgelassen, dass er kaum noch ein Blatt bewegte. Sie suchte sich Arbeiten, um sich abzulenken. Sie ließ dabei den Wald nicht aus den Augen.

Es war schon dunkel, als Johann zurückkehrte. Jemand brachte ihn mit einem Auto, ein Mann, den Lena nicht kannte, vielleicht einer der Ärzte, vielleicht der Bauer, dem das Feld hinter dem Wald gehörte. Der Fahrer blieb im Auto sitzen, er rief nur Johann etwas hinterher, als er ausstieg, aber Lena konnte nicht verstehen, was.

Lena hatte schon vor Stunden vor ihren Sorgen kapituliert. Sie wusste, dass etwas passiert war, aber sie klammerte sich an Hoffnungen: Vielleicht nur ein gebrochenes Bein, vielleicht nur eine Gehirnerschütterung.

Lena ging Johann entgegen. Er ließ sich in den Arm nehmen, aber seine Hände lagen schlaff auf ihrem Rücken. »Er ist tot«, flüsterte er. Er weinte nicht, er stand nur da, steif und ausgekühlt. Lena bugsierte ihn ins Wohnzimmer und setzte ihn aufs Sofa. 

»Balko stand einfach daneben und graste«, sagte Johann immer wieder.

Lena wollte Fragen stellen, aber sie sie wusste, dass Johann nichts sagen würde. Sie kochte ihm Tee, den er trank, und machte ihm Brote, die er nicht anrührte. Als er irgendwann einfach zur Seite kippte und endlich einschlief, legte sie eine Decke über ihn.


- 3 -


Das Frühstück war fast fertig, der Tisch gedeckt. Nur die Salami fehlte noch. Lena nahm sie vom Haken und das Messer aus der Schublade, legte die Salami auf das Schneidbrett. Das Messer glitt so einfach durch das Fleisch, Johann hielt es scharf. Viel zu einfach glitt es — und bei der sechsten Scheibe passierte es: Lena rammte sich das Messer in die Fingerkuppe. Sie ließ das Messer fallen, Blut tropfte auf die Salami, auf das Brett, rot und dick. Sie hielt ihren Finger hoch, ließ das Blut nach die Hand nach unten rinnen. Von einem Teil ihrer Fingerkuppe war die Haut abgerissen, und von ihrem Fingernagel auch ein Stück. Sie ging zum Waschbecken. Sie hielt den Finger, die ganze Hand unter fließendes Wasser. Hellrot rann es in den Abfluss.

Sie würde nicht weinen.

Sie würde nicht weinen.

Die Kaffeemaschine lief durch und musste bis oben ins Schlafzimmer duften. Auf dem Herd brodelte der Topf mit den Eiern. Lena sah auf die Uhr, die daneben tickte.

Sie stellte den Wasserhahn ab, aber hielt den Finger immer noch über den Abfluss. Sie ließ das Blut tropfen, jetzt noch ein bisschen flüssiger, noch ein bisschen heller. Das hatte ihr Johann beigebracht: »Nicht sofort ein Pflaster draufkleben. Lass die Wunde sauber bluten.«

Lena sah aus dem Küchenfenster hinaus. In ihrem Finger pochte es. Wenn endlich einmal wieder die Sonne scheinen würde, könnte alles besser werden. Der Regen verwandelte den Pfad zum Wald in Schlamm, die Hufspuren vom Vortag waren schon nicht mehr zu erkennen.

Johann mochte es jetzt nicht mehr, dass sie ritt. Er sagte zwar nichts, aber sie ahnte, dass er am Wohnzimmerfenster stand und sie beobachtete. Dabei ließ sie Balko im Stall — nur Juno, der musste doch manchmal raus.

Die Schülerinnen kamen nicht mehr. Die Brodersen-Mutter hatte eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter gelassen, eines Morgens um zwei, als wollte sie sichergehen, dass niemand ans Telefon ging: »Ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt erst einmal Ruhe brauchen, um das Geschehene zu verarbeiten.« Den Anruf von Vickis Mutter (die sich selbst auch nur »Vickis Mutter« nannte) hatte Lena angenommen: »Ich habe ja immer gewusst, dass es zu gefährlich ist. Und jetzt sogar der eigene Sohn…«.

Nur Frau Kuhn tauchte auf, eine Woche nach dem Unfall und weinte: »Er war doch noch so jung.« Lena musste sie wegschicken. Frau Kuhn war noch nicht bereit, allein zu reiten, und Lena fehlte Johanns System, um ihr beizubringen, welche Fehler sie noch machte.

Lena sah auf die Eieruhr. Noch zwei Minuten. Sie tastete nach der Küchenrolle und fummelte mit einer Hand ein Stück davon ab. Sie spülte die Wunde noch einmal kurz und tupfte sie dann trocken. Sie kramte das Pflaster aus der Schublade. Drei Streifen klebte Lena auf die Wunde, bis sie fand, dass es genug war.

Jetzt waren die Eier fertig. Mit dem Löffel holte Lena sie aus dem Wasser — zwei für Johann, eines für sich, keines von ihnen geplatzt. Sie hielt sie für ein paar Augenblicke unter fließendes, kaltes Wasser, wickelte sie dann in eine Geschirrhandtuch und legte sie in einen Korb. Den Korb stellte sie auf den Tisch.

Sie warf das Stück Küchenrolle weg, schnitt den blutigen Teil von der Salami, warf auch das weg und hing den Rest der Salami auf. Sie wusch das Messer und das Schneidbrett.

Sie ging ins Wohnzimmer. 

Die Vorhänge waren noch zugezogen, aber Lena wollte die Deckenlampe nicht einschalten. Sie ertrug diesen Raum nur noch im natürlichen Licht, wenn überhaupt. Sie tastete sich zum Fenster hin und zog die Vorhänge auf. Viel natürliches Licht gab es heute nicht, aber genug, um zu sehen, wie alles immer mehr verstaubte. Johann wollte nicht, dass sie saubermachte.

Wenigstens die Flaschen würde sie wegräumen. Eine stand auf dem Boden neben der Kiste mit den Fotos von Timo, eine auf dem Tisch, neben dem Glas, in dem der letzte Schluck Rotwein eingetrocknet war. Der Rest des Tisches war von den Fotos bedeckt. Lena hatte versucht, ein System herauszufinden, aber wahrscheinlich nahm Johann nur ein Foto nach dem anderen aus der Kiste und erinnerte sich an die Geschichte, die es erzählte. Dabei schien es ihm egal zu sein, ob Timos Mutter mit auf dem Bild war oder nicht. Sowieso gab es mehr Fotos ohne sie als Fotos von Timo ohne Balko.

Lena nahm die beiden Flaschen und das Glas in die Hand. 

Sie hatte kein Recht, Timo so zu vermissen, wie Johann ihn vermisste.

Sie ging schnell wieder in die Küche zurück.

Sie stellte die Weinflasche zu den anderen in den Karton fürs Altglas. Sie würde es wegbringen müssen, ins Dorf fahren, sich anstarren lassen müssen. Sie spülte das Glas aus und stellte es in die Spülmaschine.

Sie legte ihre Hand auf die eingewickelten Eier. Immer noch warm. Wie schön der Kaffee roch. Sie blieb für ein paar Augenblicke ganz still stehen. Sie hoffte. Ihr Finger pochte unter dem Pflaster. Sie lauschte auf die Geräusche. Es gab immer welche in diesen alten Mauern — Holz das knarzte, Regen, der tropfte —, aber nicht das Geräusch, auf das sie wartete: Das von Johanns Schritten auf der Treppe.

Sie ging langsam aus der Küche hinaus, in den Flur, am Wohnzimmer vorbei und Stufe für Stufe die Treppe hinauf. Sie trat an die Schlafzimmertür, an die Bastion. Sie klopfte nicht, Johann würde sowieso nicht antworten. Sie drückte die Klinke herunter, ganz vorsichtig, und öffnete langsam die Tür, als würde alles Plötzliche es nur noch schlimmer machen.

Vor dem Unfall hatten sie nie die Vorhänge zugezogen, jetzt aber schluckten sie sie das meiste von dem wenigen Licht, das von draußen hereindringen konnte. Johann hatte sich wieder auf seine Seite des Bettes verkrochen, ganz am Rand eingerollt in zwei Decken, das Gesicht zur Wand. Lenas Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel, sie konnte die paar grauen Haarsträhnen erkennen, die oben aus der Decke heraussprießten.

Sie wusste, dass er sie gehört hatte, aber er rührte sich nicht. Sie schlich zum Bett. Ganz langsam, erst mit den Knien, dann mit den Händen, kroch sie hinauf. Sie legte eine Hand — die rechte, die ohne Pflaster — auf die Decken, unter den Johann verborgen war, ganz sanft. Sie legte sich neben ihn.

Er roch. Er hatte immer gerochen, aber jetzt roch er anders: Nicht mehr nach dem Schweiß der Arbeit, nicht mehr nach den Pferden, nach denen Lena auch selbst roch, nicht mehr nach dem nassen Gras der Koppel oder dem Staub der Reitpfade. Der Schweiß war nicht mehr frisch, hatte sich mit noch älterem Schweiß vermischt, der in den beiden Decken hängengeblieben war, unter denen es so warm sein musste. Statt nach nassen Gras roch er jetzt nach der Feuchtigkeit, die sich bei diesem Wetter ins Haus fraß, statt nach dem Staub der Reitwege roch er nach dem Staub unter dem Bett.

Trotzdem sog Lena den Duft ein. Dieser Duft war das einzige, was ihr geblieben war. Sie nahm ihre Hand von den Decken und schob sie ganz langsam unter sie. Sie tastete nach Johanns Haut, die sie nicht mehr berühren durfte: diese raue Haut, über deren Falten sie so gerne gestrichen hatte.

Johann drehte sich auf den Rücken. Lena zog ihre Hand zurück, als würde er sie zerdrücken können mit seinem Körper, der von Tag zu Tag so viel leichter wurde.

»Kommst du heute?« flüsterte sie.

Johann öffnete die Augen, aber starrte nur an die Decke.

»Ich habe Frühstück gemacht.«

»Bist du Balko losgeworden?« Auch er flüsterte, als gäbe es jemand anderen im Haus, den sie stören könnten.

»Nein.«

»Du sollst ihn nicht verkaufen«, sagte er. »Verschenken sollst du ihn. Ich will kein Geld für ihn.«

»Ich versuche es«, sagte sie, aber sie log.

»Geh zu Werner in die Reithalle«, sagte Johann. »Der nimmt doch jedes Pferd.«

»Ja.«

»Oder gib ihm zum Abdecker. Lass ihn abholen. Ich will kein Geld für ihn. Ich zahl auch dafür.«

»Ich frag erstmal Werner.«

Nickte Johann? Oder schloss er nur einfach die Augen und ließ sein Kinn auf seine Brust sinken?

»Kommst du?« fragte Lena.

Johann antwortete nicht. Er zog die Decken über seine Schulter und drehte sich wieder auf die Seite, drehte ihr den Rücken zu. »Später«, glaubte Lena zu hören, aber sie konnte sich nicht sicher sein.

Sie widerstand der Versuchung, noch einmal über die Decken zu streichen und kroch so vorsichtig von dem Bett, wie sie hinaufkrochen war. Sie schlich aus dem Zimmer.

Unten in der Küche betrachtete sie das Frühstück auf dem Tisch, die Eier im Geschirrhandtuch, das Messer, das sie eigentlich wieder wegräumen müsste.

Sie ging in die Waschküche. Sie holte ihre Stiefel unter der Spüle hervor zog sie an. Sie wollte Balko jetzt reiten. Sie hatte keine Angst.

Sie trat nach draußen. Es nieselte, ganz leicht, es war kaum mehr als ein sehr dichter Nebel. Sie ging zum Stall. Als sie ihn öffnete, hörte sie die Pferde ungeduldig rumoren. Sie mussten wissen, dass etwas anders war als sonst, sie mussten Timo vermissen und Johann auch, aber sie konnten nicht wissen, was endgültig war und was nicht.

Lena nahm den Sattel vom Haken und ging zu Balkos Box. Er rieb sofort seine Nüstern an dem Gitter in der Tür. Vielleicht hoffte er, Timo zu sehen, vielleicht war er auch einfach nur froh, dass überhaupt jemand kam. Lena öffnete die Tür und führte ihn heraus. Balko gehorchte auf jede Geste, Lena brauchte kein Wort.

Sie sattelte ihn. Ja, vielleicht würde Werner aus der Reithalle ihn nehmen. Er hatte ein paar Pferde im Stall, die niemand ritt, die zu nervös waren oder lahmten. Werner sagte dasselbe, das Johann immer gesagt hatte: »Einen Menschen bringst du auch nicht um, wenn er dir nichts mehr nützt.«

»Du kannst doch nichts dafür«, sagte Lena zu Balko.

Sie führte ihn hinaus. Es hatte aufgehört zu nieseln, doch die Luft drückte so feucht, als könnte es sofort wieder anfangen. Sie sah zum Haus. Kein Licht brannte, weder im Schlafzimmer, noch in der Küche. Stand Johann hinter einem Vorhang und beobachtete sie?

Sie führte Balko weiter, in Richtung des Pfades, der zum Wald hinauf führte. Sie hatte bei ihren Ausritten in den letzten Wochen vermieden, an der Stelle vorbeizukommen, an der Timo gestorben war. Würden Blumen dort liegen? Sollte sie heute dort hinreiten, ausgerechnet mit Balko?

Sie wollte gerade ihren Fuß in den Steigbügel stecken, als sie eine Tür zuschlagen hörte.

Sie drehte sich um.

Es war Johann.

Er hatte sich angezogen. Er trug Schuhe, das erste Mal seit Tagen. Er wartete kurz, als müsste er sich orientieren, als hätte er sie nicht sofort entdeckt — dann stapfte über den Beton auf sie zu. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich zu kämmen, die Haare sprießten von seinem Kopf wie vorhin noch unter Decke hervor. Für einen Moment freute sich Lena — er war aufgestanden und hatte sich nicht sofort ins Wohnzimmer gesetzt zu seinen Fotos, er hatte das Haus verlassen. Er wollte etwas, was auch immer, er hatte ein Ziel, einen Willen. Vielleicht war er wütend, dass Lena Balko reiten wollte, aber selbst das wäre soviel besser als noch ein Tag, der mit zwei Flaschen Wein endete. Lena wollte etwas sagen, irgend etwas, vielleicht, »Ich wollte gerade mit ihm zu Werner«, als sie merkte: Er beachtete sie gar nicht. Er starrte — starrte auf Balko, der immer noch neben Lena stand und darauf wartete, dass er endlich einmal wieder in den Wald kam. Balko war das Ziel seines Willens, und als Lena direkt in Johann Augen blickte, sah sie: auch das Ziel einer Wut.

Johann kam immer näher, seine Schritte so viel lauter als in den letzten Wochen, in denen er nur mit Socken über den Teppich geschlichen war. In seiner Faust hielt er ein Messer, die Klinge nach vorne gerichtet. Es war das Küchenmesser, das Lena auf der Arbeitsplatte hatte liegen lassen — und das sich so leicht in ihren Finger hineingeschnitten hatte.

»Johann«, sagte sie.

Er beachtete sie immer noch nicht. Balko drehte sich zu Johann hin, ging ein paar Schritte auf ihn zu, erkannte ihn, freute sich. Lena wollte ihn zurückhalten, aber ihr waren die Zügel aus der Hand gerutscht. Balko war nur ein paar Meter entfernt von Lena, sie könnte die Zügel greifen, die er hinter sich herschleifte, aber sie tat es nicht. Sie sah nur das Messer.

Balko wieherte und warf den Kopf zurück, und das machte gerade alles noch schlimmer. Johann sprang auf Balko zu, hob das Messer und schnitt zwei Mal quer über Balkos Hals. Er traf die Schlagader, die nackt und ohne einen Schutz unter viel zu dünner Haut pochte. Balko schrie. Lena zuckte zusammen und stolperte ein paar Schritte zurück. So etwas hatte sie noch nie gehört. Wenn Balko bei Ausritten gestürzt war, hatte er ein Geräusch gemacht, eigentlich nur ein lautes Wiehern, aber wie er jetzt schrie, wusste er: Dies war kein kurzer Schreck, kein kurzer Schmerz. Dies war der Tod.

Blut spritzte, eine Explosion. Es ergoss sich über Johanns Gesicht, viel dicker, viel röter, als das Blut, das aus Lenas Finger in den Abfluss geflossen war. Johann stand einfach nur da, das Messer immer noch in der Hand, kein Anschein von: »Was habe ich getan?« Er starrte auf Balko und warte, dass er zugrunde ging.

Balko litt. Er stand noch, er taumelte, wimmerte. Es gab ein Aufbäumen, eine kurze Flucht, zur Koppel hin, ohne Ziel, einfach nur weg von Johann mit dem Messer und auch von Lena, von allen Menschen. Purer Instinkt jagte ihn: Den Tod würde er ja doch nicht mehr entkommen, noch nicht einmal vom Grundstück konnte er in diese Richtung fliehen. Das Blut spritzte nicht mehr, rann nur noch an Balkos Brust hinunter, an den Beinen, hinterließ eine Spur auf dem Beton und vermischte sich mit dem Wasser in den Pfützen.

Balko knickte mit den Knien ein, brach zusammen und kippte dann einfach auf die Seite. Alles an ihm dampfte: Der Atem, das Fell, das Blut, das sich jetzt in einer Pfütze unter ihn sammelte und in alle Richtungen floss.

Für einen Moment vergaß Lena alles, vergaß sogar Johann. Da war nur Balkos Leiden.

Ihn traf doch keine Schuld.

Ihn traf doch keine Schuld.

Irgendwann hörte Balkos Brustkorb auf, sich zu heben und zu senken, hörte sein Mund auf zu dampfen, wenn auch sein Fell nicht und sein Blut auch nicht, das immer noch weiterfloss, nur immer langsamer, immer langsamer.

Johann ließ das Messer einfach fallen.

Er wischte sich mit der Hand über das Gesicht, das Blut auf seiner Haut war flüssiger jetzt, hatte sich mit dem Nebel vermischt. Bis zum Schluss hatte er Balko nicht aus den Augen gelassen, hatte sein Sterben gesehen und hatte ganz sicher gehen wollen. Er wandte sich kurz zu Lena, aber er sagte nichts. Die Gefahr war vorbei. All sein Hass war jetzt mit Balko dahinten am Zaun gestorben.

Johann drehte sich um und ging zum Haus zurück. Lena sah ihm hinterher, als könnte er es sich noch einmal anders überlegen, aber Johann öffnete die Tür zur Waschküche, verschwand im Inneren und ließ die Tür hinter sich zufallen.

Zurück blieb das blutige Messer auf dem Betonboden, Balkos Leiche, die immer noch dampfte, und Lena.


Ihr Mutter hatte gemäht. Der Garten sah fast aus wie die anderen Gärten in der Straße. Nur wo sie mit dem Rasenmäher nicht hingekommen war, hatte sie das Gras einfach wuchern lassen, an der Hausmauer entlang und zwischen den Büschen. Sogar die Rollläden hatte sie hochgezogen, und weil sie Sonne nicht schien, sah man nicht, wie schmutzig die Scheiben waren.

Lena musste klingeln. Sie wusste nicht, was sie machen würde, wenn ihre Mutter nicht da war — wahrscheinlich zur Hintertür gehen und die Scheibe einschlagen. Aber wo sollte ihre Mutter sonst sein? Ihre Fahrt zum Supermarkt hatte sie schon erledigt, gleich nach dem Frühstück, als sie den Alkohol vom Vortag abgebaut und noch keinen wieder getrunken hatte.

Nichts rührte sich. Vielleicht war ihre Mutter schon auf dem Sofa weggedämmert. Lena klingelte noch einmal.

Jetzt hörte sie Schritte, schlurfend.

Lenas Mutter öffnete die Tür. Sie war vollständig angezogen: Jeans, ein sauberes Sweatshirt, Sneaker ohne Socken. Ihr Gesicht sah nicht schlechter aus als sonst, aber hatte immer noch keine Farbe, zu tiefe Furchen und jetzt diesen verzweifelten Ausdruck: Seht her, ich bin doch nur eine ganz normale Mutter, die sich Sorgen um ihre Tochter macht.

»Du«, sagte Lenas Mutter.

»Wer sonst?«

Ihre Mutter fiel Lena um den Hals. Lena wusste nicht, was sie tun sollte. Ihre Hände waren zu schwer, um sie auf den Rücken ihrer Mutter zu legen. Ihre Mutter roch besser als sonst — nach Waschmittel und Shampoo, aber auch wieder nach Chantré.

»Ständig kommen hier Leute vorbei«, flüsterte ihre Mutter. »Sie bleiben stehen und sie gucken. Sie gucken, wie wir leben.«

Lena schob ihre Mutter weg.

»Du bist zurückgekommen«, sagte ihre Mutter.

Lena antwortete nicht. Sie hatte sich noch keine Gedanken gemacht. Sie hatte einfach nur nicht gewusst, wohin. Hinter sich hörte sie ein Auto durch die Straße fahren, ein blauer VW, den sie noch nie gesehen hatte und der viel zu langsam vorbei fuhr.

»Komm rein«, sagte Lenas Mutter und zog sie in Innere.

Hier hatte sich nichts verändert. Es roch nach dem Raumspray, das ihre Mutter benutzte anstatt zu lüften. Sie hatte aufgeräumt, die Schuhe in den Schuhschrank gestellt, die alten Magazine weggeworfen, die auf der Kommode gelegen hatten, das Altglas weggebracht, als hätte sie Lena erwartet — oder ihren Vater?

»Hast du deinen Schlüssel nicht dabei?« fragte sie. 

»Den habe ich vergessen.«

»Und wo sind deine Sachen?«

»Die hole ich noch.«

»Was hast du mit deinem Finger gemacht?«

»Beim Frühstück machen geschnitten.«

»Du machst diesem Johann Frühstück?«

»Ich muss mich jetzt hinlegen.«

Ihre Mutter lächelte, und Lena hätte ihr am liebsten ins Gesicht geschrien: »Ich bin nicht deinetwegen hier.« Aber nicht Mutterglück ließ sie lächeln, sondern der Chantré.

»Es ist noch so früh«, sagte ihre Mutter.

»Anscheinend nicht zu früh zum Trinken.«

»Lena.« Ihre Mutter sah sie verletzt an, aber welches Recht hatte sie dazu?

»Ich bin müde.«

»Es muss anstrengend mit ihm gewesen sein.«

Lena widersprach nicht Sie küsste ihrer Mutter auf die Stirn. Je mehr Lena mit ihrer Mutter diskutierte, desto länger würde es dauern, bis sie ihre Ruhe hatte.

»Wir reden später.«

»Ständig kommen Leute vorbei. Sie wissen dass von Timo. Sie wissen, dass du bei diesem Johann wohnst. Was wollen sie hier?«

»Ich weiß nicht, Mama.«

»Sie gucken. Sie gucken, wie wir leben.«

»Ja, Mama.«

»Holger war hier.«

»Was?«

»Holger war hier.«

»Was wollte er?«

»Ich weiß nicht. Er hat nur einen Brief in den Briefkasten geworfen.«

»Wann war das?«

»Vor ein paar Monaten schon.«

Lena wollte sagen, »Warum hast du mir nichts gesagt«, aber ihr Handy hatte ja die ganze Zeit ausgeschaltet in dem Regal im Nähzimmer gelegen und lag dort immer noch.

»Ich habe ihn dir in dein Zimmer gelegt.«

»Danke, Mama.«

Lena schlüpfte aus ihren Stiefeln und ging die Treppe hoch. Sie hörte unten für ein paar Augenblicke nichts, aber dann wieder die schlurfenden Schritte ihrer Mutter, zurück zum Sofa, zurück in ihr Lager aus Kissen, Decken, Fernbedienung, Gläsern und Flaschen. Lena ging in ihr Zimmer.

Es hatte sich natürlich auch nicht verändert. Ihre Mutter war sicher kaum hier drin gewesen, schon gar nicht, um zu putzen. Es roch noch nicht einmal nach Raumspray.

Holgers Brief lag auf dem Schreibtisch, der Umschlag DIN A 5 und braun. »Lena«, stand drauf, sonst nichts. Sie nahm ihn in die Hand. Er wog schwerer als nur Papier. Sie ertastete den Inhalt: Eine Scheibe mit einem Loch in der Mitte, eine CD. Sie riss den Umschlag auf und kippte den Inhalt auf den Schreibtisch. Die CD purzelte heraus, in einer Plastikhülle, ohne Aufschrift — und ein Blatt Papier. Lena nahm es in die Hand. Sie erwartete einen Computerausdruck, aber er hatte sich die Mühe gemacht, den Brief mit der Hand zu schreiben:


»Du liebst die Pferde mehr als mich«, habe ich damals gesagt, aber eigentlich weiß ich nicht, ob ich Recht hatte. Ich hätte dich vor die Wahl stellen können — die Pferde oder ich —, aber ich wusste wohl, dass du mich dann verlassen hättest, eben weil ich dich zu so einer Entscheidung zwang. Ich wollte dich für mich allein, ich wollte dich nicht mit etwas teilen, das mir nichts bedeutete, und wer weiß: Wie lange hättest du es akzeptiert, dass ich keinen Zugang zu einen so großen Teil des Lebens finden konnte?

Wenn dieser Teil doch auch nur die Musik gewesen wäre! Ich meinte es ehrlich, wenn ich sagte, dass deine Stimme soviel schöner ist als meine. Erinnerst du dich daran, als du immer wieder dieses Lied gesungen hast, das wir gehört hatten, als du das erste Mal bei mir gewesen warst, und ich dich auf der Gitarre begleitet habe?

Ich habe es dir damals nicht gesagt, aber ich habe dich heimlich aufgenommen. Warum heimlich? Ich glaubte damals, dass dir die Musik zwar mehr bedeutet als mir die Pferde, aber nicht genug, um dich selbst immer wieder zu hören. Heute denke ich, dass es Unsinn war, und dass ich zuviel richtig machen wollte (nur um später alles falsch zu machen). Ich habe die schönste Aufnahme auf eine CD gepresst.

Ich gehe nach Berlin. Zu meinem Onkel, der mir die Platten geschenkt hat. Er kennt Leute, er kennt andere Musiker. Ich will versuchen, meinen Traum zu erfüllen. Du weißt schon: Auf der Bühne stehen und bejubelt werden.

Ich weiß nicht, ob du jetzt ganz auf Johanns Hof gezogen bist. Ich werfe diesen Brief bei deiner Mutter ein, denn irgendwie denke ich, dass wenn du wirklich auf Johanns Hof wohnst und nie wieder zurückkommst, du vielleicht wirklich für immer für die Musik verloren bist.

Hör dir die CD an und denk nach. Ich muss nicht derjenige sein, der allein bejubelt wird. Ich hätte nichts dagegen, nur der Typ mit der Gitarre zu sein, der neben dir steht, wenn sie dir zujubeln. Denk darüber nach, ob du mit mir singen willst. Denk darüber nach, ob wir vielleicht noch einmal von vorne anfangen können.


Lena ließ den Brief sinken. Sie hatte ihre Mutter nicht angelogen, sie war wirklich müde. Sie wusste, dass bald die Bilder kommen würden: von Balko, wie er blutend zusammenbrach, von Johann, wie er wartete, bis Balko sich aufhörte zu bewegen. Vor allem zu flüchten, war die einzige Lösung gewesen, einfach loszulaufen, ohne an ihre Sachen zu denken oder was mit dem verdammten Hof passierte.

Jetzt, da sie nicht mehr in Bewegung war, brauchte sie in den Schlaf. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was Musik für sie bedeutete, was vielleicht Holger noch für sie bedeutete. Sie wollte sich einfach hinlegen, die Augen schließen und alles vergessen.


Als Lena aufwachte, dachte sie zu erst, es wäre schon Abend, doch der Wecker zeigte erst 15:06 Uhr. Draußen hatten sich sicher noch mehr Wolken aufgetürmt. Gute fünf Stunden hatte sie geschlafen. Sie wollte noch nicht wach sein, aber sie wusste, dass es nichts nützen würde, die Augen fest zuzudrücken. Noch nicht einmal die ewige Dämmerung draußen würde ihr helfen.

Es tat gut, wieder in einem richtigen Bett zu liegen und nicht auf einer Matratze. Es tat gut, nicht mehr hoffen zu müssen, dass Johann mit ihr redete, nicht auf seine Schritte zu horchen, keine Angst zu haben, dass sie seine Fotos auf dem Wohnzimmertisch durcheinandergebracht hatte. Sie versuchte, doch für einen Moment die Augen zu schließen, aber sofort sah sie wieder Balko, wie er seinen Kopf zurückwarf, und wie Johann seinen Arm hob, um ihm die Halsschlagader aufzuschlitzen.

Sie zwang sich aufzustehen. Sie zog die Vorhänge zurück und sah, dass sie Recht gehabt hatte. So tief hingen die Wolken, dass man kaum das Haus des übernächsten Grundstücks erkennen konnte. Ein Auto fuhr vorbei, langsam wieder, mit den Scheibenwischern auf voller Geschwindigkeit.

Lena verließ das Zimmer und stieg die Treppe hinab. Auch im Rest des Hauses war es nicht heller. Es roch immer noch nach Raumspray, aber jetzt auch viel mehr nach Chantré. Im Flur unten machte sie Licht. Ihre Stiefel standen immer noch vor der Treppe, immer noch voller Schlamm. Lena könnte das Auto ihrer Mutter nehmen, zu Johann fahren und ihre restlichen Sachen holen. Aber die paar Hosen, diese paar Pullover waren es nicht wert, ihn noch einmal sehen zu müssen.

Sie ging ins Wohnzimmer. Der Fernseher lief. Ein Löwenweibchen pirschte sich an eine Antilope heran, leise murmelte ein Kommentar. Ihre Mutter lag auf dem Sofa, eingewickelt in der Decke, die Augen geschlossen, der Mund offen, ein Wasserglas mit einem Fingerbreit Chantré vor sich auf den Tisch, daneben die Flasche und einen Teller mit Brotkrümmeln und Ketchupspuren. Warum mähte sie den Rasen, zog sich richtig an, aber räumte ihr Geschirr nicht weg?

Sie schlich zum Couchtisch. Sie packte die Teller aufeinander, wollte erst auch das Glas mitnehmen, aber ließ es dann stehen. Sie trug alles in die Küche und stellte es neben die Spüle. In ihr musste sie erst einmal Platz schaffen: Noch mehr Teller standen da und Pfannen und Packungen von Fertigfrikadellen und Plastikeimern mit schimmeligen Kartoffelsalat. Sie öffnete die Spülmaschine, aber auch dort: Alles dreckig. Der Gestank, der ihr entgegenschlug, ließ sie würgen und war mächtiger als das Raumspray und der Chantré. Sie schlug die Klappe wieder zu. Sie suchte unter der Spüle nach dem Geschirrspülpulver, fand aber nur alte Lappen und noch mehr Schimmel. Sie richtete sich auf und sah aus dem Fenster. Das Haus der Lehmanns stand dort, auf der anderen Seite eines Zauns. Bewegte sich da etwas hinter den Gardinen?

Lena drehte sich um und ging aus der Küche. Auf dem Weg vorbei warf sie noch einen kurzen Blick ins Wohnzimmer, aber ihre Mutter schlief immer noch, beleuchtet vom Flackern des Fernsehers. Lena ging die Treppe hinauf und in ihr Zimmer.

Die CD lag auf dem Schreibtisch, wie sie aus dem Umschlag gepurzelt war. Lena fummelte sie aus der Hülle und steckte sie in den Player. Zuerst hörte sie nur Rauschen und ein verhuschtes Kichern, ihres wahrscheinlich. Dann setzte die Gitarre ein, so präzise, so voll, so langsam. Sie war überrascht gewesen, wie wenig Holger auf einmal gezögert hatte, wenn er das Instrument in der Hand gehalten hatte. Er hatte einfach nur Akkorde gespielt, hatte sie hallen lassen, aber Lena hatte geahnt, dass es mindestens genauso viel Konzentration gebraucht hatte wie ein wildes Solo. Er sagte, er mochte seine eigene Stimme nicht, er sagte, dass sie viel besser singen konnte als er. Hatte er recht? »There’s my favourite rollercoaster, next to the blue water, the one only sissy’s ride«

Lena öffnete ihren Schrank. Sie holte ihren alten Rucksack hervor, den ausgeblichenen grauen, den sie immer auf Klassenfahrten mitgenommen hatte, ihr neuer war immer noch bei Johann. Sie stopfte ihn voll: Mit Unterhosen, Socken, BHs, T-Shirts, zwei Jeans, ein paar Pullis. Sie hörte sich weiter singen: »Reminding me I’ll never be able to relive this day, execpt in memory.«

Sie riss die unterste Schublade ihres Nachtschranks auf. Unter den Schulheften, die sie dort hinein gestopft hatte, als sie das Abitur geschafft hatte, fand sie noch fünf 100-Euro-Scheine, ein Geschenk ihres Vater, die er ihr einmal zum Geburtstag geschickt hatte, ein paar Monate, bevor er letzten Sommer wieder hier aufgetaucht war. Sie steckten in einem Kurvert, zusammen mit einer Karte, auf der nur stand: »Du fehlst mir.« Sie faltete die Scheine zusammen und schob sie in ihre Gesäßtasche. Die Karte zerriss sie und warf sie in den Papierkorb.

Die letzte Zeile des Liedes: »Looks like from here on out it’s just me and you.« Lena dachte an Johann. Sie dachte an Holger. Sie dachte an Balkos Blut. Sie dachte an: »Du liebst die Pferde mehr als mich.«

Me and you.

Das Lied war zu Ende. Es rauschte, man konnte Holger murmeln hören. Lena drückte die Eject-Taste, der Player spuckte die CD aus. Sie warf sie in den Papierkorb zu den Schnipseln der Geburtstagkarte. Sie nahm den Umschlag, den Brief, knüllte beides zusammen und warf sie hinterher.

Lena suchte ihre Jacke und schlüpfte hinein. Sie schulterte ihren Rucksack. Sie sah sich nicht mehr um, wozu auch?

Sie ging aus dem Zimmer und wieder die Treppe hinunter. Ihre Mutter schlief immer noch. Lena suchte den Autoschlüssel und fand ihn sofort, auf dem Schuhschrank liegend, wie immer. Lena steckte ihn ein. 

Sie warf noch einen letzten Blick auf ihre Mutter. Lena wusste nicht, was jetzt im Fernsehen lief, aber es war ein grelles Licht auf dem Gesicht ihrer Mutter. Die öffnete die Augen. Sie blinzelte. Vielleicht hatte sie vergessen, dass ihre Tochter wieder im Hause war. Sie tastete nach ihrem Glas, aber ließ die Hand wieder sinken.

»Wohin gehst du?« fragte ihre Mutter.

»Nach Argentinien.«

»Wohin?

»Nur kurz weg.«

Lenas Mutter nickte und dämmerte wieder weg. Lena drehte sich weg und öffnete die Haustür. Sie könnte den Haustürschlüssel nehmen, der im Schloss steckte, aber sie brauchte ihn ja nicht mehr. Sie trat nach draußen und zog die Tür hinter sich zu. Der Fiat ihrer Mutter stand in der Auffahrt, in die enge Garage traute sie sich schon lange nicht mehr. Es regnete immer noch. Die Straße war leer.